Fleischbeilage beim Staatsdinner Ein Wurm für Wulff

Guten Appetit: Ein russischer Gouverneur findet bei einem Staatsdinner zu Ehren von Christian Wulff einen lebendigen Regenwurm im Salat - und veröffentlicht prompt ein Foto davon auf seinem Twitter-Blog. Nun droht ihm die Entlassung.

Von Hannah Beitzer

Die russische Küche ist reich an Spezialitäten: die Rote-Beete-Suppe Borschtsch etwa hat internationale Bekanntheit erlangt, vom Kaviar ganz zu schweigen. Ringelwürmer und ähnliches Getier stehen in Moskau eher selten auf der Speisekarte. Und dennoch fand nun bei einem Staatsdinner im Kreml zu Ehren von Bundespräsident Christian Wulff der Gouverneur der Region Twer, Dmitrij Selenin, einen lebendigen Regenwurm in seinem Salat - und bloggte über seine erstaunliche Entdeckung auf Twitter.

"Sowas passiert also sogar im Alexandersaal", schrieb er neben ein Foto seiner lebenden Essbeilage, "das ist mal eine besondere Art zu zeigen, dass der Salat frisch ist". Bereits wenige Stunden später löschte der Gouverneur den Eintrag kommentarlos wieder, doch es war bereits zu spät: Die äußerst aktive russische Blogger-Szene hatte sich schon auf den Vorfall gestürzt, mit rasender Geschwindigkeit verbreitete sich das Bild vom sich ringelnden Regenwurm im Netz.

Selenin droht nun richtig Ärger: Der außenpolitische Berater von Präsident Dmitrij Medwedjew, Sergej Prichodko, forderte den Rauswurf des Gouverneurs. "Mein Fachgebiet ist zwar die Außenpolitik, aber ich empfehle meinen Juristen-Kollegen, ein Gesetz zu formulieren, nach dem ein Gouverneur wegen idiotischen Verhaltens gefeuert werden kann", sagte er der Nachrichtenagentur Ria Nowosti.

Ein neues Gesetz ist dafür allerdings gar nicht unbedingt nötig: Die Gouverneure der 83 Regionen Russlands werden ohnehin vom Präsidenten ernannt - und können auch von diesem wieder entlassen werden. Unlängst demonstrierte Dmitrij Medwedjew erst seine Macht: Er entließ den Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow nach 18 Jahren Amtszeit - offiziell wegen Korruptionsvorwürfen. Doch inoffiziell wird als Grund genannt, dass Luschkow Medwedjews Machtanspruch in Frage gestellt habe.

Der twitternde Gouverneur Selenin ist inzwischen auf Tauchstation - sein Pressebüro ist nicht zu erreichen, an seinem eigenen Anschluss springt der Anrufbeantworter an, schreibt die russische Internetzeitung Gazeta.ru.

Dabei ist er nicht der einzige russische Politiker, dem ein allzu freizügiger Umgang mit dem Internet Probleme beschert. So hat Nikita Belych, Gouverneur der Region Kirow, live von einer Sitzung des Staatsrats der Gouverneure zum Thema Erziehung getwittert- mit persönlichen Einschätzungen und Kommentaren, inklusive Seitenhiebe auf diverse Kollegen. Der Präsident war erzürnt - und twitterte seinerseits zurück: "Da sitzt also Nikita Belych im Staatsrat und twittert - daran sieht man ja, dass er sonst nichts zu tun hat", zitiert ihn Gazeta.ru. Ernste Konsequenzen hatte der Vorfall allerdings bisher keine - für Dmitrij Selenin bleibt also Grund zur Hoffnung.

Einen Feind hat Selenin sich allerdings ziemlich sicher gemacht: Kreml-Koch Anatolij Galkin, der auf keinen Fall die Verantwortung für den Wurm übernehmen will. Im Interview mit dem Portal Lifenews.ru bezeichnete er den Skandal um den Regenwurm als "Nonsens". Alle Gerichte, die die Kreml-Küche verließen, würden stets sorgfältig geprüft. Im Übrigen sei er aber zum Zeitpunkt des Staatsdinners ohnehin im Urlaub gewesen und habe deswegen mit der Sache nichts zu tun. Auf Anfrage der dpa bestätigten Delegationskreise allerdings, dass der Salat im Kreml schlecht gewaschen gewesen sei.

Der prominente russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow sprang dem Kreml-Koch Galkin jedoch zur Seite: "Ganz im Gegenteil, alle Gerichte waren besonders erlesen. Unsere deutschen Kollegen, die mit an meinem Tisch saßen, waren voll des Lobes über die Kremlküche." Bundespräsident Christian Wulff scheint das Wurm-Dinner unbeschadet überstanden zu haben: Aus Delegationskreisen heißt es, er sei wohlauf.

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