Filmemacherin Mo Asumang im Interview "Zum Glück haben sie die Waffen nicht ausgepackt"

Sie sind in dem Film auf der Suche nach den Ariern. Sie finden sie in Iran: ein ursprünglich nomadisches Hirtenvolk, auf das der Begriff zurückgeht. Im Film sagt eine Iranerin mit Kopftuch, sie als Arierin verurteile Hitler - eine sehr starke Szene. Sie verwenden sie jedoch nicht gegen Ihre rechtsextremen Gesprächspartner. Warum?

Ich habe die Nazis bewusst in ihrer eigenen Gedankenwelt belassen, damit sie diese für mich vor der Kamera ausbreiten. Mir ist wichtig, dass der Zuschauer die Information bekommt. Im Prinzip denkt er sich die ganze Zeit: Mein Gott, wisst ihr denn nicht, wo die Arier wirklich herkommen? Der Zuschauer hat was in der Hand und das gibt ihm Kraft. Wir müssen dieses Wissen verbreiten, vor allem unter Schülern. Denn unter dem Begriff des Arischen verbünden sich Rechtsextreme weltweit.

Hatten Sie während der Dreharbeiten Angst?

Der Ku-Klux-Klan kam in einem Pick-up-Truck an. Da lagen Maschinengewehre auf dem Rücksitz. Das war der Punkt, an dem ich geschluckt habe. Zum Glück haben sie die Waffen nicht ausgepackt. Auch als ich da in der Dunkelheit gewartet habe, ging mir immer durch den Kopf, dass ich wie eine Zielscheibe bin: Zack-Bumm, weg bist du. Sowas flackert kurz auf, aber dann bin ich auch wieder ganz schnell bei mir und den positiven Gedanken: dass ich was bewegen will, dass ich diesen Menschen nichts Böses will.

Dabei hätten sie allen Grund dazu, sich zu fürchten.

Ich spreche mit jedem Menschen auf dieselbe Art und Weise, auch wenn er Rassist ist. Ich stecke den nicht gleich in eine Schublade, so wie er es mit mir macht, sondern versuche meine Offenheit zu behalten. Das ist der größte Kampf. Den Rechtsextremen wünsche ich echtes Selbstbewusstsein. Dass sie nicht andere für ihre Probleme verantwortlich machen, sondern sie selbst in die Hand nehmen. Das ist purer Eigennutz: Wer selbstbewusst ist, feindet mich nicht an.

Während der Recherche zu Ihrem Film haben Sie herausgefunden, dass Ihre Großmutter Schreiberin bei der Waffen-SS war - die Frau, die Sie großgezogen hat. Waren Sie geschockt?

Das war schon komisch. Aber das Gefühl, von ihr großgezogen worden zu sein, war noch viel stärker. Ich habe mich nur an die positiven Dinge erinnert. Ohne sie wäre ich nicht so stark geworden. Wie sie da reingekommen ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie angeheuert worden von der SS. Ich kann nur hoffen, dass sie keine andere Wahl hatte und diese Ideologie nicht geteilt hat. So wie ich sie erlebt habe, war sie eine offene Frau.

Sie wollte sich vor eine Straßenbahn werfen, als sie erfuhr, dass ihre Tochter das Kind eines Schwarzen bekommt.

Meine Großmutter ist in der Nazizeit groß geworden - sie wurde von morgens bis abends mit Hass zugeschüttet. Das geht nicht spurlos an jemandem vorbei. Als sie mich sah, hat die Mutter in ihr reagiert. Da war keine Ideologie, die das hätte zerstören können.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, diesen Teil Ihres Lebens in den Film einzubringen?

Ich wollte zeigen, dass sogar ich als Afrodeutsche eine Verknüpfung in die Nazizeit habe. Für mich beinhaltet das einen Auftrag: Etwas gegen Rassismus zu tun - nicht nur wegen meiner Hautfarbe, sondern auch, weil ich Deutsche bin.

Arte zeigt den Film "Die Arier" am 29. April um 22 Uhr.