Film und Wirklichkeit Als das Kartell des Schweigens zerbrach

Der amerikanische Kardinal Bernard Law im Vatikan. Als Erzbischof von Boston war er mitverantwortlich für den Missbrauchsskandal in den USA.

(Foto: Joe Raedle/Getty Images)

Der Gewinner "Spotlight" erzählt von hartnäckigem Journalismus, Macht, sexuellen Übergriffen - und von einem Wendepunkt in der katholischen Kirche.

Von Matthias Drobinski

Der Landsitz des Erzbischofs von Boston ist beeindruckend, das weiße Haar und die selbstbewusste Stimme des Mannes gebieten Ehrfurcht. Kardinal Bernard Law ist einer der mächtigsten Vertreter der katholischen Kirche in den USA, politisch liberal, theologisch konservativ, ein fulminanter Prediger. "Die Stadt erblüht, wenn ihre großen Institutionen zusammenarbeiten", sagt er zu Marty Baron, dem neuen Chefredakteur des Boston Globe, der dem Kardinal seinen Antrittsbesuch abstattet. Doch der antwortet: Eine Zeitung funktioniert am besten, wenn sie alleine arbeitet.

Es braucht oft Außenseiter wie Marty Baron, den Juden und Baseball-Hasser, um einen Skandal aufzudecken. Es braucht einen, der sieht, was die anderen verdrängen, den empört, was die anderen hinzunehmen gelernt haben. Für Baron ist die Geschichte über einen Priester, der Kindern sexuelle Gewalt angetan hat, nicht eine von vielen Kriminalgeschichten. Er sieht das System dahinter, das Schweigekartell, das die Täter schützt und die Opfer ein weiteres Mal zu Opfern macht. Er beauftragt die Investigativ-Abteilung "Spotlight" des Boston Globe mit der Recherche. Und löst so 2002 den Missbrauchsskandal aus, der bis heute die katholische Kirche in ihre eigenen Abgründe blicken lässt.

Der nun oscargekrönte Film "Spotlight" des Regisseurs Tom McCarthy erzählt diese Geschichte dramaturgisch verdichtet, aber doch sehr nahe an den tatsächlichen Fakten entlang. Es ist ein Film über den Wert journalistischer Hartnäckigkeit und Unabhängigkeit, die auch immer wieder Selbstüberwindung kostet - und den Mut zur Selbstkritik. Walter Robinson, der Leiter der Spotlight-Redaktion, ist selbst tief verwurzelt im katholischen Milieu der Stadt. Und er muss zugeben, dass er die Akten vor ein paar Jahren schon einmal auf dem Schreibtisch hatte, ihnen aber keine Beachtung schenkte. So geht es 2002 in den USA und später, 2010, auch in Deutschland vielen Journalisten: Sie haben über sexuelle Gewalt in der Kirche geschrieben - ohne die Dimension zu begreifen.

In Boston ist es der Fall des Priesters John Geoghan, der 2002 den Skandal hinter den einzelnen Geschichten zutage treten lässt. Über 30 Jahre hinweg hat er mehr als 130 Kinder missbraucht. Die Bistumsleitung weiß von den Taten. Doch statt den Mann zur Selbstanzeige zu bewegen oder wenigstens aus der Gemeindearbeit zu entfernen, versetzt ihn Kardinal Law einfach in die nächste Gemeinde. Das Erzbistum zahlt den Betroffenen Millionen Dollar Schweigegeld, es soll bloß nichts öffentlich werden, was dem Ansehen der Kirche schaden könnte. Die Journalisten werden als Feinde angesehen und behindert. Beim Verlag gehen Drohungen ein: Man solle doch mal an die Anzeigenkunden denken.

Doch die mehr als 600 Artikel des Boston Globe zerstören das Schweigekartell - auch, weil sie endlich den Betroffenen eine Stimme geben, sie aus der Vereinzelung holen und ihnen die Scham nehmen. Immer mehr Männer und auch Frauen melden sich und berichten, was ihnen vor zwanzig oder dreißig Jahren angetan wurde. Bald wird gegen insgesamt 2000 Priester in den USA ermittelt, der Bischof von Palm Beach in Florida tritt zurück. Und dann geht auch Kardinal Bernard Law, der mächtige Erzbischof von Boston, der längst auch bei den Gläubigen den Rückhalt verloren hat. Er flieht regelrecht nach Rom. Das Erzbistum Boston wird auf Jahre hinaus quasi zahlungsunfähig sein, die katholische Kirche in den USA wird insgesamt eine Milliarde Dollar Schadenersatz leisten müssen.

Zum ersten Mal erschüttert der Skandal um Macht, Sexualität und Gewalt die katholische Kirche weltweit. In Irland erscheint im gleichen Jahr 2002 ein aufrüttelnder Film über die "unbarmherzigen Schwestern", die in den katholischen Heimen Kinder, für die sie doch sorgen sollten, schlugen, quälten, missbrauchten. Auch in Deutschland erscheinen Geschichten, die den amerikanischen deprimierend ähneln: Die Täter wurden geschützt und versetzt, die Opfer alleine gelassen oder sogar unter Druck gesetzt. Doch irgendwann beruhigt sich die Lage. Die Fälle sind wieder Einzelfälle. In Rom hat sich Papst Johannes Paul II. zwar erschüttert gezeigt, doch wichtiger ist ihm, dass inmitten der globalen Auseinandersetzungen das Bild der katholischen Kirche unbeschädigt bleibt.

Erst acht Jahre nach den Enthüllungen des Boston Globe bringt die Berliner Morgenpost die Geschichte vom Canisius-Kolleg, in dem zwei Priester über Jahre hinweg übergriffig wurden. Eine zweite Aufklärungswelle erschüttert die Kirche, bis hin zu Papst Benedikt XVI., in dessen Amtszeit als Erzbischof von München ein Täter von Gemeinde zu Gemeinde versetzt wurde. Auch in Deutschland melden sich täglich Betroffene und fordern Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen. Die (unterschiedlich) reuigen Bischöfe versprechen all dies, zudem Entschädigungen, über die Bostons Anwälte laut gelacht hätten - aber auch ein viel gelobtes Präventionsprogramm. Das Thema ist noch lange nicht erledigt: Jüngst kam heraus, dass es bei den Regensburger Domspatzen mehr Übergriffe gab als bisher angenommen.

Als man sich in Hollywood gerade zur großen Gala rüstet, tritt am Samstag in einem römischen Hotel der australische Kurienkardinal George Pell vor eine Videokamera, der Finanzminister des Vatikans. Er soll der australischen Missbrauchskommission Rede und Antwort stehen. Die Kirche habe Dinge "verbockt" und "Leute im Stich gelassen", gibt der Kardinal zu. Im Hotel sitzen auch zehn Betroffene. Einige tragen T-Shirts: "No more silence" steht darauf. Die Zeit des Schweigens ist vorbei.