Film-Klassiker Glorreich ins Abseits

Wer das Gefühl hat, in öffentlich-rechtlichen Sendern dominieren nur noch Serien, Shows und aktuelle Produktionen, liegt nicht ganz falsch. Alte Meisterwerke wie Western sind kaum noch zu sehen.

Von Ralf Wiegand

Zum Einstieg ein kleines Quiz. Ratespiele sind ja ein beliebtes Format im Fernsehen, ein deutlich populäreres jedenfalls als die Ausstrahlung von alten Filmklassikern. Also: Fünf Quizfragen zu solchen Filmklassikern - woher stammen die folgenden Zitate?

1. "Nobody is perfect."

2. "Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann."

3. "Rosebud ..."

4. "Zwischen Tapferkeit und Größenwahn gibt es einen Unterschied!"

5. "Jetzt kommt der große Zampano!"

Es gibt ein paar Gründe dafür, warum jemand so etwas wissen könnte. Die etwas älteren, ungefähr in der Kreidezeit des Fernsehens aufgewachsenen Leser haben die Filme womöglich gesehen. Andere studieren an einer Filmhochschule und mussten sich zwangsläufig mit ein paar Perlen aus den Archiven beschäftigen; oder man kennt sich im Internet aus, findet zum Beispiel das Portal TV Butler, klickt auf den Reiter "Filmklassiker im TV" und bekommt so eine Liste jener unvergessenen Filme, die in nächster Zeit im Fernsehen zu sehen sein werden.

Klassiker im Fernsehen sind ein Nischenprodukt: Ist Kunst - kann also weg

Nun ja: Unvergessene Filme? Und wo im Fernsehen? Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Sendersuchlauf am Gerät nötig wird, bei dem auch die Kanäle mit Programmplatz-Nummern über 100 zu beachten sind. Filmklassiker, denen einst kein vor der Glotze geparktes Kind ausweichen konnte, sind ein Nischenprodukt geworden. Ist Kunst - kann also weg?

Die Redaktion der Programmzeitschrift TV Spielfilm hat das Phänomen der Filmklassiker, die aus dem herkömmlichen Fernsehen verschwinden, im vergangenen Jahr mit Zahlen belegt. Die ARD strahlte in ihrem ersten Programm im Jahr 2016 nur noch sieben Klassiker des US-amerikanischen Films aus - im Jahr 2000 waren es noch 122 gewesen. Die Gattung erodiert gleichermaßen in den dritten Programmen (15 gegenüber 633), und im ZDF fiel die Zahl solcher Filme im untersuchten Zeitraum von 37 auf zehn.

Nun könnte man fragen: Na und, wen stört's? Der Konsum von Filmen hat sich nun einmal massiv verändert, an die Stelle der Filme sind Serien der Streamingdienste getreten, die atemlos produziert werden und lückenlos verfügbar sind, auf allen sogenannten Endgeräten (siehe unten). "House of Cards" in der Bahn, "Homeland" im Schwimmbad, eine Staffel "Fargo", in zwei durchwachten Nächten auf den Fernseher gestreamt. "Zeiten ändern sich", sagt Kai Mihm vom Deutschen Filminstitut in Frankfurt. Mihm ist Filmkritiker, 46 Jahre alt und selbst einer dieser Jahrgänge, die als Kind noch fast jeden Feiertag mit "Arsen und Spitzenhäubchen" zelebrierten.

Ikonen für Western-Fans: "Die glorreichen Sieben", wie sie durch das Jahr 1960 reiten.

(Foto: action press)

Seine Mediensozialisierung stammt mithin aus einer Zeit, als die ganze Familie noch vor dem Röhrenfernseher saß, als "fernsehen" noch ein bewusster Vorgang war und Spencer Tracy noch ein Star, den jeder kannte. Es gab einen Sendeschluss und ein Testbild, wer könnte so etwas heute seinen Kindern erklären? Mihm findet ein schönes Wort für das, was mit dieser Art des Fernsehens verloren gegangen ist: "Behaglichkeit". Solche Filme waren Entschleunigung, ehe sich die übertaktete Gesellschaft diesen Begriff überhaupt erfinden musste, als Alibi, um mal einen Gang runterschalten zu dürfen.

Ein Klassiker ist ein Film dann, definiert das Lexikon der Filmbegriffe, "wenn er in Struktur und ästethischem Anspruch eine Phase oder Richtung der Filmgeschichte repräsentieren kann". Nicht Unterhaltsamkeit ist das alleinige Kriterium, auch nicht der kommerzielle Erfolg. Filmklassiker könnten in einem "imaginären Museum der Filmkunst" stehen, weil sie prototypisch für die Entwicklung ihres Genres oder radikal in der Ausführung sind. "Der Kanon der Filme, die in diesen Rang erhoben werden können, wird zu jeder Zeit neu verhandelt", definierte das Lexikon 1995.

Was verloren geht, wenn solche Filme einem nicht mehr zufällig begegnen, weil sie in gut versteckten Spezialkanälen wie ATV oder Sky Cinema Nostalgie oder spätnachts im MDR laufen, ist das gemeinsame Erleben. "Solche Filme sind früher ins kollektive Gedächtnis eingegangen", sagt Kai Mihm vom Deutschen Filminstitut, "jeder hat sie gesehen, jeder konnte darüber sprechen." Er selbst erinnert sich an "Miss Marple" ("alle Filme!") oder an "Eine total, total verrückte Welt" mit Spencer Tracy, Kino-TV, das in den 1960er-Jahren entstanden ist und für das es lange feste Sendeplätze in den öffentlich-rechtlichen Kanälen gab.

Rauschen auf Schallplatten gilt wieder als authentisch. Omas Flimmerkiste will keiner mehr

Die aber gibt es nicht mehr. Spielfilme am Sonntagvormittag, einst üblich, sind Unterhaltungssendungen gewichen; die ZDF-Matinee etwa wurde vom Fernsehgarten verdrängt, mit 32 Jahren selbst schon auf dem Weg zum Klassiker. Um 20.15 Uhr, zur besten Sendezeit, gibt es zwar jede Menge Spielfilme - die das Fernsehen aber am liebsten selbst produziert, um so präzise wie möglich den aktuellen Publikumsgeschmack zu treffen. Für großes Kino gibt es zwar Sendeplätze, doch die Filme dort können nur dann anständig beworben werden, wenn sie möglichst aktuell sind. Die neueren James-Bond-Episoden zeigt das ZDF beispielsweise montags um 22.15 Uhr - die alten Goldstücke aus der Reihe meistens irgendwann gegen Mitternacht.

Mit dieser TV-Ära sind ganze Gattungen verschwunden: Western etwa, vieler Großväter größtes Glück, laufen so gut wie gar nicht mehr im Fernsehen - dabei gehören Filme wie "Die glorreichen Sieben" (1960), "Für eine Handvoll Dollar" (1964), "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) filmisch zum Besten aller Zeiten. Alte Western, sagt der Regisseur Quentin Tarantino, der das Genre nach 50 Jahren wiederbelebte, erzählen mehr über das Jahrzehnt in Amerika, in dem sie gemacht wurden, als jedes andere historische Genre. Sie haben also einen Wert über die Unterhaltung hinaus.

49 Prozent

aller Menschen in Deutschland nutzen einer repräsentativen Studie von Statista zufolge sogenannte Video-on-Demand-Anbieter, auch Streamingdienste genannt, wie Netflix, Amazon Prime oder Maxdome; unter den 18- bis 29-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 68 Prozent. Besonders gut gefällt den Nutzern die Flexibilität (freie Zeiteinteilung), die inhaltliche Qualität und der Fakt, dass die Angebote werbefrei sind. Diese Woche hat der US-Anbieter Netflix den Disney-Konzern als wertvollstes Medienunternehmen der Welt abgelöst.

Gerade bei Western zeigt sich noch ein weiteres Problem: Viele Filme wurden über die Jahre im Nachschnitt verstümmelt, um sie sendetauglich zu machen fürs 88-Minuten-Programmschema. Sie sind in schlechter Auflösung und häufig nur im 4:3-Format abgefilmt, das im Breitbild auf modernen Fernsehern einen eher ärmlichen Eindruck macht. Rauschen auf einer Schallplatte mag heute als Authentizität der Musik wieder in Mode sein, die Anmutung der Flimmerkiste aus Omas Stube aber hat es noch nicht so weit geschafft. Vom Western-Klassiker "Leichen pflastern seinen Weg" gibt es zwar seit Jahren eine restaurierte Fassung, die aber nie einen Sendeplatz gefunden hat. Solche Filme verschwinden auch, weil sogar die Videotheken, in denen man sie finden konnte, fast ausgestorben sind.

Das Phänomen der verschwundenen Klassiker macht die Welt nicht zwingend zu einem schlechteren Ort, aber womöglich zu einem faderen. Im allgemeinen Sprachgebrauch finden sich Filmzitate, zu denen nur noch wenige den Bezug herstellen können. Der Vorwurf, sich "ramboartig" durch die Politik zu bewegen, wird vermutlich aussterben. Ein zum richtigen Zeitpunkt hingerauntes "Ich mache dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst" wird schon heute nur noch von den Älteren als sanfte Drohung verstanden. Filmzitate lösen sich nur dann aus ihrer Umgebung heraus und ergeben einen neuen Sinn, wenn sie über längere Zeit von vielen Menschen, die diesen Film gesehen haben, in einen neuen Zusammenhang gebracht werden, weil jeder noch weiß, was gemeint ist.

Ein Beispiel aus der Redaktion der SZ: Einem jungen Kollegen war neulich für eine Gerichtsreportage die Überschrift "Professor Unrat" eingefallen. Ziemlich genial, denn in dem Artikel ging es um einen Musikprofessor, der seine Übergriffe gegenüber Frauen mit einer Haftstrafe wegen sexueller Nötigung bezahlen muss. Wer Heinrich Mann nicht gelesen hat, könnte den Film "Der blaue Engel" (1930) gesehen haben, mit der verführerischen Marlene Dietrich und Emil Jannings als eben jenem Professor Unrat. Wer die Geschichte nicht kennt, wird "Unrat" allerdings nur mit Schmutz gleichsetzen, nicht mit einem wollüstigen Akademiker. Nach einer Blitzumfrage dazu in der Redaktion wurde der Titel geändert.

Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Mit den Sehgewohnheiten von früher hat man Filme im Kopf abgespeichert; heute lässt sich alles in einer digitalen Playliste ablegen. Meistens ist die Liste länger als die Zeit, um sie abzuarbeiten, weil schon wieder Tipps für die neue Staffel X und die Premiere von Y über die sozialen Medien hereinschwappen. Wer hat da noch Zeit und Muße, tief in die braunen Augen von Audrey Hepburn zu blicken, wenn sie das New York der Sechzigerjahre in "Frühstück bei Tiffany" mit ihrem naiven Charme verzaubert? Wer wissen will, was ein It-Girl und eine Stilikone wirklich sind, von denen es heute jeden Tag eine neue gibt, sollte sich diesen Film anschauen.

Die Quiz-Auflösung: 1. Manche mögen's heiß; 2. Der Pate; 3. Citizen Kane; 4. Die glorreichen Sieben; 5. La Strada