Fidel Castro Warum Fidel Castro gegen die USA wettert

Beäugt die Annäherung an die USA misstrauisch - Fidel Castro, hier 2006.

(Foto: AFP)

Sein Bruder geht auf Washington zu, der Revolutionsführer aber spottet in einem Brief über Obama. Es ist kein spontaner Gefühlsausbruch, sondern politisches Kalkül.

Von Boris Herrmann

Neuerdings besteht wieder eine direkte Postverbindung zwischen Kuba und den USA. Das gilt als eine der großen Friedensinnovationen im Verhältnis der lange verfeindeten Nachbarn. Fidel Castro, 89, hat für sein Schreiben an den US-Präsidenten trotzdem die klassische Briefform gewählt: einen Leitartikel in der kommunistischen Parteipostille Granma.

"Wir haben es nicht nötig, dass uns das Imperium etwas schenkt", lautet der zentrale Satz, mit dem der greise Comandante über Barack Obamas jüngste Kubareise herzieht, die allgemein als historisch eingestuft wird. Castros Brief ist auf seine Weise historisch. Es ist ein typischer Fidel-Text, eine weit ausgreifende Geschichtsstunde - von den spanischen Eroberern über Kubas Freiheitshelden bis zur angolanischen Befreiungsfront: Opa erzählt vom Kalten Krieg. Der 1961 geborene US-Präsident taucht darin als "Bruder Obama" auf sowie als "unser illustrer Besucher". Das spiegelt den Tonfall des Schreibens wider. Für jenen Mann, den Präsident Raúl Castro, 84, eben mit militärischen Ehren empfing und mit kumpelhaftem Handschlag verabschiedete, hat der große Bruder nur Spott übrig: "Mein bescheidener Vorschlag ist, dass er nachdenkt und nicht versucht, Theorien über die kubanische Politik auszuarbeiten."

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Obama rief in seiner Rede in Havanna das kubanische Volk auf, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen. Raúl klatschte im Publikum. Fidel wettert nun von seinem Schreibtisch aus, man riskiere bei diesen Worten, einen Infarkt zu erleiden (was hoffentlich auf seinen Gesundheitszustand keine Rückschluss zulässt).

"Traue den Amerikanern nicht"

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Revolutionsführer a. D. vom Kuschelkurs seines kleinen Bruders distanziert. Er begegnet ihm seit Monaten mit einer Mischung aus Ignoranz und Trotz. Zu den wenigen überlieferten Bemerkungen gehörte bisher der Satz: "Ich traue den Amerikanern nicht und habe kein Wort mit ihnen gewechselt." Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob sich die Gebrüder Castro nach all den Jahrzehnten des gemeinsamen antiimperialistischen Kampfes tatsächlich auseinander gelebt haben, oder ob hier jeder seine Rolle spielt, die in den wilden Zeiten des Wandels gefordert ist. Raúl als altersmilder Realist, der den Dollar ins Land holt, um den Kommunismus zu retten. Fidel als unnachgiebiger Chefideologe. Nach dem Muster Good cop, bad cop.

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Fest steht, dass der offene Brief an Obama sich auch nach innen richtet. Er steht für die Verwerfungen in der kommunistischen Partei, wo es noch eine breite Fraktion von Puristen gibt, die so offenbar besänftigt werden soll. Mitte April steht der siebte Parteitag an, da werden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Schon die Tatsache, dass sich Fidel Castro zu einer schriftlichen Stellungnahme genötigt sieht, zeigt aber, dass Obama mit seiner Reise einiges aufgewühlt hat. Die Kubaner konnten im Staatsfernsehen tatsächlich die Rede eines Politikers des 21. Jahrhunderts bestaunen, der die Sprache des 21. Jahrhunderts sprach. Castros Gegenrede ist im Revolutions-Slang gehalten. Vielleicht erlebt hier eine Insel, auf der es traditionell nur eine Meinung gab, gerade die Anfänge einer politischen Debatte.

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