Feierstunde zum Mauerfall Drachentöter Biermann geht auf die Linke los

Eigentlich soll er nur singen. Doch Liedermacher Wolf Biermann lässt sich das Reden im Bundestag nicht verbieten. Der DDR-Dissident macht aus der Feierstunde zum Mauerfall eine Abrechnung mit der Linkspartei - "dem elenden Rest der Drachenbrut".

Von Nico Fried, Berlin

Wolf Biermann tritt vor die Abgeordneten, blaues Hemd, hochgekrempelte Ärmel. Er sagt: "So." Dann spielt er ein dramatisches Intro auf der Gitarre, holt Luft - beginnt aber nicht zu singen. Stattdessen wendet er sich an Norbert Lammert, den Bundestagspräsidenten, der ihn eingeladen hat, offenbar ohne Rücksprache mit den Fraktionen. Es beginnt nun ein Geplänkel, das mindestens ungewöhnlich ist für eine Feierstunde.

Dabei hat alles begonnen wie immer. Der Bundestagspräsident erinnerte an den Anlass der besonderen Debatte. Die Bilder vom Mauerfall 1989, so Lammert, "gingen um die Welt und sie gingen unter die Haut". Doch Freiheit und Einheit hätten eine Vorgeschichte gehabt, die mit dem Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 begonnen habe. Der Fall der Mauer sei vielen wie ein Wunder erschienen, aber keines gewesen, sondern durch den Drang der Bürger in der DDR nach Veränderung bewirkt worden. "Ohne die friedlichen Massendemonstrationen hätte es den 9. November nicht gegeben", sagt Lammert vor dem ordentlich besuchten, aber keineswegs voll besetzten Plenum des Bundestages.

Er erinnerte auch an die Bürgerbewegungen in vielen anderen osteuropäischen Staaten. Manches spräche für die Vermutung, dass es ohne sie auch die Wende in Deutschland nicht gegeben hätte, sagte Lammert. Dann bat er Biermann nach vorne. (Das Video vom Auftritt finden Sie hier.)

25 Jahre nach dem Mauerfall: Wie viel SED steckt noch in den Linken?

Der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann hat in der Gedenkstunde des Bundestages die Linke scharf attackiert. Die Abgeordneten der Linkspartei seien "der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde". Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Lammert habe ihn wohl eingeladen in der Erwartung, "dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen gebe", sagt der Liedermacher, der einst aus der DDR ausgebürgert worden war und zuletzt wiederholt Kritik an der Linken geübt hatte. Zunächst klingt es so, als wolle er sagen, warum er auf die Ohrfeigen verzichten werde. Zudem erinnert Lammert ihn, noch zur Ironie aufgelegt, an die Geschäftsordnung: Sprechen dürfe Biermann nur als gewählter Abgeordneter, deshalb möge er doch nun singen - wohl versehentlich eine traumhafte Vorlage für Biermann: Er habe sich das Reden in der DDR nicht verbieten lassen, also werde er es auch im Bundestag nicht tun.

"Die sind geschlagen"

Und deshalb singt er jetzt immer noch nicht. Sondern wendet sich den Linken zu. Er sei ein Drachentöter, sagt Biermann, aber die Linken seien "nur der elende Rest der Drachenbrut". Die müsse er nicht schlagen, "die sind geschlagen". Es geht dann ein wenig hin und her, ein Wort gibt das andere. "Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es euch", sagt Biermann. Und dem erröteten Kopf Lammerts meint man anzusehen, dass er zumindest in Sorge ist, die Sache könne hier aus dem Ruder laufen.

Als Antwort auf die Zwischenrufe der Linken sagt Biermann: "Eure Sprüche, die habt ihr drauf, ich meine Sprüche auch. Wir brauchen uns gar nichts zu erzählen." Es hätte ein fast versöhnliches Schlusswort sein können, aber Biermann mag noch kein Ende finden. "Ihr seid nicht links, auch nicht rechts, sondern reaktionär." Lammert guckt indigniert, viele andere Abgeordnete auch, Gregor Gysi, der Linken-Fraktionschef, ist erkennbar verärgert. Aber er reißt sich zusammen. Dann singt Biermann.