FDP-Wähler Berlin Mitte

In der Hauptstadt gibt es wie kaum anderswo eine Klientel, die früher SPD oder Grüne wählte: Meinungsmacher, Produzenten, Galeristen, Künstler. Dieses Milieu hat in der FDP eine neue Heimat gefunden.

Von Gustav Seibt

Das Wort "Milieu" wurde in der älteren Parteienforschung zuerst für die Liberalen erfunden. Denn die großen Volksparteien vertraten immer mehr als ein einziges Milieu, so heimelig es im Ruhrpott-Ortsverein oder auf dem Land in Bayern auch zugehen mochte. Bei den Liberalen dachte man dabei immer an eine Mischung aus Herrenzimmer (mit Rauch) und Apotheke (rauchfrei), an den Landmaschinenbetrieb und gelegentlich an den Professor des Staatsrechts.

Das war Bürgertum, mit Besitz, Bildung, Zigarre und Gattin. Diese wählte zwar mit, trat aber politisch nur ausnahmsweise in Erscheinung.

Der FDP-Wahlerfolg am Sonntag verdankt sich nun vor allem SPD-Wählern, die nicht mehr wählen gegangen sind, außerdem der Wahltaktik von Unions-Wählern. Dass die Liberalen heute den Kommentatoren oft so verdächtig vorkommen, hängt daran, dass man ihr Milieu im Gegensatz zu früher nur schwer ausmachen kann. In der Hauptstadt selbst und ihren angrenzenden Gartenbezirken hingegen kann man einen spezifischen und vor allem wirkungsmächtigen Teil dieses Milieus beobachten.

Es ist die Welt der Galeristen, Filmproduzenten, Kuratoren und Meinungsmacher aus der Rennstrecke zwischen den Restaurants "Borchardt" und "Grill Royal".

Ohne dieses liberale Milieu hätte - beispielsweise - ein gewiss schwer zu steuernder Schriftsteller wie Rainald Goetz vermutlich nicht seinen Internet-Blog eröffnet, der dann zu einer historischen Quelle der Merkel-Steinmeier-Jahre geworden ist. Goetz berichtete dabei am häufigsten aus zwei Milieus: der Bundespressekonferenz und den neuen Galerien in Berlin-Mitte, wo Neo Rauch seinen Markt findet. Dass bei Guido Westerwelle Gemälde von Norbert Bisky an der Wand hängen, das weiß sogar der kunstferne Wähler der Linkspartei - und er graust sich.

Es gibt in Berlin ein neues liberales Milieu, das sich wie alles im Feld der politischen Kultur Deutschlands auch im Stadtplan der Hauptstadt abbildet. Geringfügig vereinfacht, kann man sagen: Der neue FDP-Wähler ist hier oft ein Berliner Stadtbewohner, der in den vergangenen Jahren von Prenzlauer Berg oder Mitte weggezogen ist, weil ihm der Kinderlärm und der Geruch von Babynahrung in den rauchfreien Lounges mit den würfelförmigen Sitzen auf die Nerven fielen - und ihn in seiner Arbeit behinderten. Er wohnt nun im stillen Ortsteil Nikolassee, wo er diesen Sommer wieder Beobachtungen zur Effizienz von Staatsbetrieben machen konnte: Die S-Bahn steuerte Nikolassee wochenlang nicht an.

Kreatives Bürgertum oder kreatives Prekariat?

Warum kennt der Journalismus dieses Milieu nicht, oder warum reagiert er so allergisch darauf, wenn er mit ihm in Berührung kommt? Aus Klassengründen. Journalisten sind heute in überwiegender Mehrzahl entweder festangestellte Gutverdiener, bei denen es auf die Lohnnebenkosten nicht ankommt; oder aber sie gehören schon zum geringverdienenden Prekariat, also einer "kreativen Klasse" (die Grüne Renate Künast), mit deren Bürgerlichkeit es nicht weit her ist. Beide Positionen, die bestverdienende und die geringverdienende, ermuntern stark zu sozialmoralischem Engagement.

Dazwischen liegt eine nicht mehr ganz unerhebliche Mitte. Diese hätte früher selbstverständlich SPD oder Grüne gewählt. Heute aber ist sie vierteljährlich mit der Abrechnung der Umsatzsteuervoranmeldung beim Finanzamt beschäftigt. Viele kreative Berufe - Filmproduzenten, Webdesigner, Galeristen, etablierte Schauspieler - sind heute nicht mehr in Groß- und Staatsbetrieben wie Museen und Theatern beschäftigt. Stattdessen betreiben sie schnell entstehende wie vergehende kleine und mittlere Subunternehmen. Zwischen ihnen und dem Staat liegt keine Personalstelle mehr. Und so hat für sie das Wort "Transferleistung" eine Anschaulichkeit, die da fehlt, wo man nur einmal im Monat achtlos einen Gehaltszettel abheftet.

Dass am unteren Rand dieses Kreativbürgertums die Zwangsverwaltung des Alltags durch die Arbeitsagenturen droht, macht die Einstellungen dieser Leute nicht sozialdemokratischer. Wer fast 20 Prozent Umsatzsteuer für jene öffentlich-rechtlichen Radiohonorare entrichtet, die von den öffentlich-rechtlichen Gebührenempfängern nicht vergütet werden, und wer einmal im Jahr die Bescheide der Künstlersozialkasse über die wahrscheinliche Rente ab 67 erhält, der schaut mit kühlem Blick auf die Rentnerheere bei den anderen Parteien.

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