Der Kapitalismus steckt in der Krise, die Liberalen sonnen sich im Stimmungshoch - warum das kein Widerspruch ist.
Die Banken- und Wirtschaftskrise hat die Bundesrepublik im Griff; wie lange sie dauert, wie dramatisch ihre Auswirkungen sein werden, kann noch niemand sagen. Da würde es kaum verwundern, wenn nun die Linke erstarkte, wenn klassenkämpferische Parolen populär würden. Statt dessen aber erstarkt die FDP, eine Partei, die mehr Markt fordert, als Antwort auf das Marktversagen. Wie ist das möglich?
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Matthias Jung leitet die Mannheimer "Forschungsgruppe Wahlen". Der Ökonom, Politologe und Mathematiker analysiert seit mehr als 20 Jahren die politische Stimmung in Deutschland. (© Foto: privat)
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Fakt ist: Die Liberalen, die sich bisher gegen die Übermacht der großen Koalition kaum profilieren konnten, haben bei der letzten Hessen-Wahl ihr bestes Wahlergebnis der vergangenen Jahrzehnte eingefahren und danach ein politisches Stimmungshoch in den bundesweiten Umfragen erreicht. Letzteres ist ein altbekanntes Phänomen: Wahlsieger werden, zumindest kurzfristig, bei den Stimmungswerten in den Umfragen belohnt. Das fällt in Zeiten starker Stimmungs-schwankungen heftiger aus, legt sich aber auch wieder schneller. Dennoch hat die FDP die Chance, davon etwas zu behalten.
Lange nicht alle betroffen
Wenn man das erklären will, muss man mit einigen weit verbreiteten Illusionen aufräumen: Auch wenn in den Umfragen die Arbeitslosigkeit wieder das wichtigste Thema in Deutschland geworden ist, ist die Wirtschaftskrise dennoch kein Thema, das die überwältigende Mehrheit der Deutschen existentiell bedroht und nachts um den Schlaf bringt. Das fängt schon damit an, dass nur gut die Hälfte der Wahlberechtigten überhaupt erwerbstätig ist; von den Erwerbstätigen wiederum befindet sich ein großer Teil in unkündbaren (staatsnahen) Arbeitsverhältnissen.
Schon allein deshalb ist es keineswegs zwingend, dass das Hoch für die FDP eine Antwort auf die aktuelle ökonomische Krise darstellt. Präferenzen für eine bestimmte Partei sind zudem nur sehr selten Ergebnis einer intensiven programmatischen Reflexion, schon gar nicht in Zeiten, in denen die Ratlosigkeit selbst bei den Experten so offensichtlich ist. Aber auch die grundsätzliche politische Orientierung der Deutschen erklärt nicht, warum die Liberalen derzeit so stark sind.
Lässt man die Deutschen zentrale politische Begriffe und Werte einzeln bewerten, dann zeigt sich bei der übergroßen Mehrheit ein entschiedenes Sowohl-als-auch: für soziale Sicherheit und Eigenverantwortung, für einen starken Staat und individuelle Freiheit. Das aber ist ein Profil, wie es von den vielgescholtenen Volksparteien viel besser abgedeckt wird als von einer programmatisch pointiert ausgerichteten FDP.
Merkel vor Westerwelle
Und am politischen Spitzenpersonal kann es auch nicht liegen: Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle ist zwar in den vergangenen Monaten leicht in den positiven Bereich der Bewertungen aufgestiegen. Er wird damit aber weiterhin wesentlich schlechter bewertet als beispielsweise die CDU-Vorsitzende Angela Merkel.
Zudem erhält er auch bei den FDP-Anhängern eine wesentlich zurückhaltendere Bewertung als die Bundeskanzlerin bei den Unions-Anhängern. Insofern spricht alles dafür, dass der gewachsene Zuspruch für die FDP mehr mit ihrer funktionellen Rolle im Parteiensystem als potentieller Koalitionspartner zu tun hat und weniger damit, dass die FDP um ihrer selbst willen bevorzugt wird.
Was sich verändert hat zu Beginn dieses Jahres, ist die Koalitionsorientierung der FDP. Nachdem sich Ende letzten Jahres eine realistische Chance für eine schwarz-gelbe Koalition in den Umfragen zeigte, hat sich die FDP eindeutig zugunsten der Union festgelegt. Besonders glaubwürdig wurde diese dezidierte Hinwendung zur Union durch das Verhalten der FDP in Hessen, wo sie an der Seite von Roland Koch allen Verlockungen einer Ampel-Koalition widerstand und prinzipientreu das Risiko einer Neuwahl eingegangen ist.
Die Lager bleiben gleich
Auf der Basis einer glaubwürdigen Koalitionsaussage - das haben die Bundestagswahlen immer wieder gezeigt - kann die FDP enorm von den koalitionspolitisch denkenden bürgerlichen Wählern zu Lasten der Union profitieren. Denn trotz aller Lockerungen der politischen Bindungen hat sich an der Selbstverortung der überwiegenden Mehrheit der Wähler in den klassischen politischen Lagern fast nichts geändert.
Betrachtet man beispielsweise die teilweise starken kurzfristigen Stimmungsschwankungen bei der Sonntagsfrage aus der Perspektive der politischen Lager aus CDU/CSU und FDP einerseits und SPD, Grünen und auch der Linken andererseits, dann zeigt sich eine erstaunliche Stabilität. Die Bewegung findet nur innerhalb der Lager statt. Dort reagieren die Werte für die jeweiligen Partner nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren: legt die Union zu, verliert die FDP und umgekehrt. Gleiches gilt für das linke politische Lager, auch wenn da die Verhältnisse durch die Linke weniger überschaubar geworden sind.
CDU muss Distanz zur FDP halten
Schaut man sich die Parteipräferenzen innerhalb des bürgerlichen Lagers genauer an, dann zeigt sich die große grundsätzliche Verwundbarkeit der Union durch die FDP. So können sich gut zwei Fünftel der Befragten mit Unions-Wahlabsicht vorstellen, auch für die FDP zu stimmen. Das sind rund 15 Prozent der Gesamtwählerschaft. Zwar ist die entsprechende Reichweite der Union in die Wählerschaft der FDP mit über 50 Prozent relativ betrachtet größer, aber absolut gesehen handelt es sich dabei lediglich um rund fünf Prozent der Gesamtheit.
Von daher müsste die FDP ein natürliches Interesse haben, einen Lagerwahlkampf zu führen, bei der die inhaltlichen Unterschiede zwischen Union und FDP weitgehend verwischt werden, während die Union Wert darauf legen müsste, die Distanz zur FDP möglichst groß zu halten und die Wähler im Zwischenbereich zur SPD in den Blick zu nehmen. Die Auseinandersetzungen zwischen FDP und Union entscheiden dabei darüber, welches Gewicht den jeweiligen Parteien in einer möglichen schwarz-gelben Koalition zukommt.
Ob Schwarz-Gelb überhaupt eine Mehrheit bekommt, hängt aber davon ab, wie attraktiv die Union und die Kanzlerin bei SPD-nahen Wählern wahrgenommen werden. Der letzte Bundestagswahlkampf war durch einen Wettkampf um neoliberale Positionen im bürgerlichen Lager geprägt. Im Ergebnis erstarkte dadurch die FDP, ohne dass es für eine gemeinsame Koalition reichte. Manch einer vom Wirtschaftsflügel der Union hat aus 2005 offensichtlich nichts gelernt. Westerwelle kann sich freuen.
Zoff im Bundesgerichtshof: Eine Personalie führt zu heftigen Verwerfungen – die Akte Karlsruhe. Seite Drei Jetzt lesen ...
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(SZ vom 27.2.2009/vw)
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Politiker und ihre Pannen
"... und sich Leistung in diesem Land wieder lohnen soll."
Wessen Leistung und für Wen soll sie sich lohnen? Durch die kalte Progression und die viel zu niedrige obere Bemessungsgrenze bleibt beim Durchschnittsverdiener nichts mehr hängen! Vom letzten Boom haben nur gaaaanz Wenige profitiert: Die letzten 2 - 3% der Einkommens Skala.
Wenn sich die Leistung eines Durchschnittsarbeitnehmers für ihn wieder lohnen soll, dann müssen Sie das den Wenigen Profiteuren wieder wegnehmen! Es wär tatsächlich mal an der Zeit, die obere Bemessungsgrenze auf "Zumwinkel-Niveau" anzuheben :o) Damit ein zehnfacher Einkommensmillionär auch tatsächlich seine 47% Steuern abdrückt.
Gruß Balldieb
Immerhin ist die FDP, die einzig wählbare Partei, wenn man für einen Rückzug des Staates plädiert und sich Leistung in diesem Land wieder lohnen soll.
Das Kapital bleibt nicht im Land. Exportüberschüsse bedeuten immer Kapitalexporte.
Die Kaufkraft, das Kapital, der Konsum, die Investitionen - alles fließt ins Ausland ab durch Exportüberschüsse.
Dafür hat man Forderungen an andere Volkswirtschaften, die dann in Krisen abgeschrieben werden können...
Sollen sie ruhig einführen, so eine Exit-Tax.
"In Deutschland würden Sie für so etwas als übler Linksradikaler beschimpft, vor allem von der Spass Partei..."
Das bezweifle ich aber: Jeder hat doch Interesse daran, dass das Kapital im Land bleibt (und ich verkneife mir mal den Zusatz "und unsere Leistungselite auch").
Die Wahlforscher gehen von einer niedrigen Wahlbeteiligung wie in Hessen (60%) oder Niedersachsen (57%) aus. Na klar hat die Freie Demokratische Partei eine stabile Wählerschaft und durch die mangelnde Beteiligung entsprechende Wahlquoten. Selbst wenn es zu einer Regierung Merkel/Westerwelle/Seehofer kommt, werden den meisten reichen Bildungs- und Großbürgerlichen die Augen aufgehen. Denn sollte das Programm noch neoliberaler werden als 2005, wird ihnen aufgehen, dass dann der soziale Konsens zerstört wird und sie un- als auch mittelbar von diesem Zusammenbruch getroffen werden. Wenn die gesetzlichen Krankenkassen aufgelöst werden, ist die Frage, was kommt danach. Wenn kein Mindestlohn kommt, stopfen sich die FDP-Wähler und /oder Manager weiterhin die dicken Provisionen in die Taschen, während andere mit 1 Euro Jobs aus dem Gefängnis des Hartz IV nicht hinausgelangen. Die maroden Kernkrafwerke werden weiterhin am Netz bleiben, egal wieviel Lecks oder Störfälle diese dann haben, ein Tricastin oder Krümmel oder andere reichen nicht für die Vernuft einer Energiewende. Den meisten wird nicht bewusst, wen sie aus Kommunistenangst wählen. Sie stimmen für die Säge für den Ast, auf dem sie sitzen. Erst in NRW im Mai 2010 oder schon in Schleswig-Holstein werden die Menschen erkennen, dass sie mit einer extremen Verbrauchssteuererhöhung herangezogen werden, um die Steuererleichterungen der Reichen zu begleichen. Westerwelle ist sowieso ein populistischer Wendehals, kein Mensch weiß, welchen Kurs dieser einnimmt. Ähnlich wie die Kanzlerin, die als neoliberale Kämpferin startete und als sozialpolitischer Bettvorleger landete.
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