FDP-Spitzenkandidat Lindner zur NRW-Wahl "Die Union will keine bürgerliche Alternative mehr zu Rot-Grün sein"

SZ: Ihr CDU-Mitbewerber Norbert Röttgen ist erstaunlicherweise nicht mehr so Feuer und Flamme für Studiengebühren wie Sie. Haben Sie noch den Eindruck, dass er wirklich Ministerpräsident werden will?

Lindner: Nein, aus der CDU wird inzwischen ja sogar offen erklärt, dass man auf eine große Koalition setzt. Das sagen nicht Stimmen aus der zweiten Reihe, sondern das sagt der Fraktionsvorsitzende. Das wäre dann Rot-Schwarz. Die Leute wählen Röttgen, bekommen in der Regierung dann aber Laumann, den Chef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Ich finde es bedauerlich, dass die Union keine bürgerliche Alternative mehr zu Rot-Grün sein will. Eine solche große Koalition mit starkem Linksdrall bräuchte dringend Opposition aus der bürgerlichen Mitte. Das wäre die Aufgabe der FDP.

SZ: Die CDU geht jetzt massiv auf das Thema Mindestlohn. Ist sie damit für die FDP überhaupt noch koalitionsfähig?

Lindner: Das CDU-Modell ist so vage, dass es von den Piraten sein könnte. Ich habe jedenfalls nicht verstanden, was der zusätzliche Nutzen gegenüber der bisherigen Rechtslage sein soll. Das hat Züge von Symbolpolitik.

SZ: Sie waren immer ein Verfechter des mitfühlenden Liberalismus. Haben Sie ihn aufgegeben?

Lindner: Keineswegs, nur wird in den Begriff gern etwas sozialdemokratisches hineininterpretiert. Ich bin aber Anhänger der FDP von Lambsdorff, Genscher und Baum. Ich will zum Ausdruck bringen, dass es unsere Aufgabe ist, jedem Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dass wir einen Staat brauchen, der uns bei den großen Fragen nicht im Stich lässt, aber der uns im Alltag in Ruhe lässt.

SZ: In Schleswig-Holstein fliegt die Linkspartei raus, die Piraten kommen rein. Heißt das: Der Protest bleibt, nur die Parteien ändern sich?

Lindner: Zumindest scheinen die Piraten eine gute Anlaufstation für enttäuschte Linkswähler zu sein. Da verbindet sich ein anarchistisch-libertäres Bild vom Internet mit klassisch linken, staatsorientierten Forderungen.

SZ: In zwei Jahren sieht die Welt wieder ganz anders aus. Sie werden nicht Parteichef sein, das haben wir jetzt gelernt. Aber wird Herr Rösler noch Parteivorsitzender sein?

Lindner: An der Debatte beteilige ich mich nicht. Was zählt ist: Mit Schleswig-Holstein und kommenden Sonntag in NRW erreichen wir eine Stabilisierung. Das hilft auch der Bundes-FDP.