FDP-Mann Christoph Waitz will mehr Tempo bei der Aufbereitung von Stasi-Akten - und von seinen Kollegen im Bundestag mehr Bereitschaft zur Aufklärung.
Christoph Waitz sitzt seit 2005 für die FDP im Bundestag und ist Mitglied im Beirat der Birthler-Behörde.
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Der FDP-Abgeordnete Waitz übt Kritik an der Birthler-Behörde: "Es ist natürlich ein Riesenproblem, wenn 20 Jahre nach der friedlichen Revolution gut 20 Prozent der Akten noch gar nicht für die Forschung zur Verfügung stehen." (© Foto: AP)
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sueddeutsche.de: Herr Waitz, Marianne Birthler wird an diesem Dienstag ihren neunten Tätigkeitsbericht als Chefin der Stasiunterlagen-Behörde vorstellen. Sie ist nach dem Zufallsfund im Fall Kurras in der Kritik, sich nicht ausreichend um die Aufarbeitung von Stasi-Akten gekümmert zu haben. Stimmen Sie zu?
Christoph Waitz: Es ist natürlich ein Riesenproblem, wenn 20 Jahre nach der friedlichen Revolution gut 20 Prozent der Akten noch gar nicht für die Forschung zur Verfügung stehen. Da muss Frau Birthler trotz beschränkter Mittel dringend nachsteuern.
sueddeutsche.de: Es warten noch Tausende Säcke mit Papierschnipsel darauf, zu vollständigen Akten zusammengebastelt zu werden. Eine elektronische Lösung ist zwar in Arbeit, aber noch wird von Hand gepuzzelt. Wie soll das schneller gehen?
Waitz: Wir können in der Tat die neue Scanner-Technik noch nicht einsetzen. Das wird aber in zwei bis drei Jahren der Fall sein.
sueddeutsche.de: Und bis dahin? Dass es ein Zufallsfund war, hält Hubertus Knabe, Chef der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, für einen Skandal.
Waitz: Darum geht es mir nicht. Ich will, dass die Stasiunterlagen-Behörde ihre Arbeit macht. Dazu muss sie sich wesentlich stärker als bisher auf die Aufarbeitung der Akten konzentrieren. Hier gibt es nach wie vor erhebliche Missstände.
sueddeutsche.de: Die Behörde ist personell unterbesetzt. Wie soll sie das leisten, ohne mehr Geld zu bekommen?
Waitz: Sie hat durchaus noch Handlungsspielraum. Ein Beispiel: Für Frau Birthler ist Bildungsarbeit heute genauso wichtig wie die Aufarbeitung der Akten. Sie sollte sich besser wieder ihrer Kernaufgabe widmen, der Aktenaufbereitung. Da wird noch einiges an interessanten Einflussversuchen der Stasi offenbart werden.
sueddeutsche.de: Der Fall Kurras scheint auch einige Missstände in der Behörde selbst zutage gefördert zu haben. Dass der Ohnesorg-Todesschütze bei der Stasi war, wurde von einem Mitarbeiter Birthlers früher als geplant an die Medien gegeben. Was ist da los?
Waitz: Das lässt sich schwer beantworten. Ich bin zunächst sehr glücklich darüber, dass der betreffende Historiker deutlich gemacht hat, in welchem Umfang die Stasi auch im Westen Deutschlands aktiv war.
sueddeutsche.de: Berhördenchefin Birthler sagt, wer forschen will, kann forschen.
Waitz: Natürlich, jeder kann Forschungsanträge stellen. Aber geforscht wird dann nur mit den Akten, die schon aufbereitet sind. Viele Akten sind ja nicht mal verschlagwortet. Es stehen eben vom Gesamtbestand der vollständigen Unterlagen nur 80 Prozent zur Verfügung.
sueddeutsche.de: Ihre Partei legt das Augenmerk besonders auf die Stasiverstrickungen ehemaliger Bundestagsabgeordneter und einstiger Stasi-Mitarbeiter in Bundesministerien. Am Freitag wird im Bundestag ein entsprechender Antrag Ihrer Fraktion voraussichtlich mit großer Mehrheit abgelehnt. Warum ist Ihnen das Vorhaben dennoch so wichtig?
Waitz: Es gehört einfach zu einem vollständigen Blick auf die Parlamentsgeschichte, hier aufzuarbeiten. Für die 6. Legislaturperiode von 1969 bis 1972 wurden die Stasi-Verstrickungen von Abgeordneten schon einmal untersucht. Es soll bis zu elf Abgeordneten nachgewiesen werden können, damals mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Mehr ist seither nicht geschehen - obwohl es sicher einige interessante Details zu entdecken gäbe.
sueddeutsche.de: Mit was rechnen Sie?
Waitz: Es ist ja bekannt, dass beim Misstrauensvotum gegen die Regierung Willy Brandt die Stasi zwei Abgeordnete schlichtweg gekauft hat. Es gibt eine ganze Reihe von Versuchen, Einfluss auf die Arbeit von Fraktionen und der Bundesregierung zu nehmen. Das gilt es aufzudecken.
sueddeutsche.de: Die anderen Parteien sagen, da ist nicht viel zu holen, es gibt Wichtigeres.
Waitz: Mein Eindruck ist, den anderen Parteien fehlt der Mut, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Möglicherweise auch deshalb, weil einige der betroffenen Abgeordneten heute noch leben dürften.
sueddeutsche.de: Marianne Birthler sagt, der Ertrag werde eher überschaubar ausfallen - und will deshalb ihre Kraft nicht daran verschwenden.
Waitz: Das halte ich für eine Schutzbehauptung. Sie hat ja mal angeboten, die anderen Legislaturperioden auch aufzuarbeiten. Sie hat es nur abhängig gemacht von einem eindeutigen Votum der Fraktionen, das bis heute nicht zustande gekommen ist. In meinen Augen will sie bloß nicht die politische Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.
sueddeutsche.de: Und was ist mit den Ministerien?
Waitz: Wir konnten im vergangenen Jahr zwei konkrete Fälle aufdecken, IM Konrad im Finanzministerium und IM Helene im Wirtschaftsministerium. Vor allem das Finanzministerium spielt offenbar auf Zeit. Peer Steinbrück will die Sache wohl seinem Nachfolger überlassen. IM Helene hingegen hat für eine Vielzahl von Wirtschaftsministern gearbeitet hat. Dabei hat sie Informationen nicht nur an die Staatssicherheit, sondern auch an den KGB in Moskau übermittelt.
sueddeutsche.de: Warum bekommt man die Agentin nicht wegen Spionage dran?
Waitz: IM Helene ist heute in einer nichtleitenden Position. Darum muss die Birthlerbehörde nach dem Stasiunterlagengesetz keine Auskunft über diesen IM geben. Wir dagegen wollen eine Auskunftspflicht für alle.
sueddeutsche.de: Die Linke befürchtet eine neue Hetzjagd.
Waitz: Damit hat das nichts zu tun. Wir wollen lediglich eine Auskunftspflicht in Einzelfällen mit Anfangsverdacht - aber keine neue Regelanfrage. Es ist den anderen Mitarbeiten doch auch nicht zumutbar, wenn sie wissen, dass in ihren Reihen ehemalige Stasileute sitzen. Das ist auch eine Frage der politischen Hygiene.
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(sueddeutsche.de/jja/bica)
Russland unter Putin
Die Vergangenheit der Stasi wird uns wohl auch in Zukunft beschäftigen.
Helmut Kohl und die Stasi Akten
Zur Erinnerung:
http://www.storyal.de/story2002/stasi.htm
zu dem Antrag der Abgeordneten Christoph Waitz, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Dr. Karl Addicks, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP Drucksache 16/9803
Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter in Bundesministerien, Bundesbehörden und Bundestag enttarnen Aufarbeitung des Stasi-Unrechts stärken
Der Staatssicherheitsdienst hat das Leben von Bürgerinnen und Bürgern in Ost und in West beeinflusst, manipuliert und teilweise ruiniert und zerstört.
Die meisten Täter der ehemaligen Stasidiktatur leben heute unbestraft und unbescholten in der Bundesrepublik weiter in saus und braus dank der verfehlten Politik.
Je länger ihr Leumund unangetastet bleibt, desto unverblümter werden die Versuche der Geschichtsverfälschung.
Ein Großteil der Mitarbeiter der Staatssicherheit erhielt mit der Übernahme des DDR-Beamtenapparates einen Posten im öffentlichen Dienst.
Warum ist es nicht möglich Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter in Bundesministerien, Bundesbehörden und Bundestag zu enttarnen?
Wer oder was verhindert diese Aufarbeitung des Stasi-Unrechts?
Heute wurde der Antrag im Bundestag von diesen Parteien abgelehnt.
Ablehnung des Antrags mit den Stimmen der Fraktionen CDU/CSU, SPD und DIE LINKE. gegen die Stimmen der Fraktion der FDP bei Stimm- enthaltung der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Wer hat von den Parteien was zu verbergen.
Dann soll sich doch Herr W. sowie die ganze FDP-Fraktion bei der Birthler-Behörde zum freiwilligen Einsatz melden. Dann machen die auch mal was Sinnvolles.
So genau wollen es die derzeitigen Machthaber, solange noch Entscheidungsträger und Mitläufer der eigenen Seilschaft leben, die darin möglicherweise verstrickt gewesen sein könnten, gar nicht wissen.
Ich warte auf die Meldung, daß die Archive bei einem bedauerlichen Unglücksfall vernichtet worden sind.
Nachtrag:
Meine persönliche Theorie ist, dass Angela Merkel (IM Erika) sozusagen die Monika Hohlmeier der CDU ist - nur, dass sie ihr politisches Umfeld noch wesentlich stärker im "Griff" hat. Die Stasi war offenbar bestens über die westdeutsche Innen- und Aussenpolitik informiert (z. B. über Waffengeschäfte mit Südafrika - am UN-Embargo vorbei). Mich würde beispielsweise interessieren, ob Merkel auch weiß, wer den Mordauftrag in Sachen Uwe Barschel erteilt hat. Die Witwe Barschel beschuldigt ja inzwischen Helmut Kohl (zumindest den Mord billigend in Kauf genommen zu haben aus "Staatsräson").
PS: Je mehr ich lese und mich informiere, umso mehr zweifle ich daran, dass wir jemals mehr hatten als eine reine Show-Demokratie. Ich bin gespannt, wie lange man noch seine Meinung frei äußern darf.
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