FDP-Generalsekretär Lindner Bambi, Herrscher des Waldes

Der 30-jährige neue FDP-Generalsekretär Christian Lindner ist ein Frischling auf der Berliner Bühne. Parteifreunde und politische Gegner sollten ihn aber nicht unterschätzen - ein scheues Reh ist er längst nicht mehr.

Von D. Graalmann

Das schönste Abschiedsgeschenk kam von der Opposition. Als sich der FDP-Abgeordnete Christian Lindner im November nach neun Jahren aus dem Düsseldorfer Landtag verabschiedete, überreichte ihm die SPD-Politikerin Britta Altenkamp mit lobenden Worten einen Bilderrahmen mit zwei LP-Covern der Punk-Band Sex Pistols - einer der Titel: "Who killed Bambi?"

Denn Christian Lindner, geboren im Jahr 1979, als sich die legendären Sex Pistols schon aufgelöst hatten, ist nicht mehr das scheue Reh, das "Bambi", wie ihn Jürgen Möllemann einst taufte. Am Montag wurde der Liberale aus Wermelskirchen von Parteichef Guido Westerwelle offiziell als neuer Generalsekretär der Bundes-FDP nominiert. Der 30-Jährige sei "eines der größten jungen Talente" der Partei, sagte Westerwelle.

Dabei ist der smarte Lindner, der einst selbst in peinlicher Möllemann-Imitation mit Christian W. (für Wolfgang) zeichnete, längst erwachsen geworden. Schon den steten Verweis auf seinen Spitznamen hatte der bisherige NRW-Generalsekretär zuletzt lächelnd gekontert: "Lesen Sie das Buch bis zum Schluss: Am Ende ist Bambi der Herrscher des Waldes."

Rhetorische Begabung

Auf der Berliner Bühne aber ist Lindner, über die Landesliste gerade in den Bundestag eingezogen, ein Frischling. Entsprechend argwöhnisch beobachten manche Kollegen den Karrieresprung des bisweilen arrogant wirkenden Lindner, dem gleichwohl der Respekt vor der neuen Aufgabe anzumerken ist.

Immerhin aber kann der Vertraute des FDP-Vize Andreas Pinkwart nicht nur auf seine fünfjährige Erfahrung als NRW-Generalsekretär vertrauen, sondern auch auf seine rhetorische Begabung, bei der er durchaus zwischen Florett und Säbel zu unterscheiden weiß. Dabei schont der frühere Zivildienstleistende, inzwischen zum Oberleutnant der Reserve aufgestiegen, im Zweifel auch den Regierungspartner nicht.

Zu tief sitzt das Trauma von 1994, als der 15-jährige Gymnasiast in der nasskalten Fußgängerzone von Wermelskirchen im Bergischen Land für die Liberalen Wahlkampf machte, neben sich das Plakat "FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibt." Von der CDU-Dame am Stand gegenüber gab es Kaffee und Mitleid gratis, Linder nennt es heute einen "Offenbarungseid". Seither pocht er auf einen eigenständigen Kurs der FDP und legt sich auch gerne mal mit CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers an.

Zumindest verbal, denn in Sachen Machtpolitik ist Lindner durchaus flexibel. So höhnte er mit den NRW-Liberalen erst lauthals über den "VEB Opel", um kurz darauf doch eher kleinlaut für das Bürgschaftspaket der öffentlichen Hand zu stimmen.

Der Politikwissenschaftler gehört zur Gruppe der "94er-Generation" um Gesundheitsminister Philipp Rösler, mit dem er jüngst eine Essay-Sammlung herausgab, um die Liberalen inhaltlich interessanter zu machen. Lindner, der seit langem eine "argumentative Materialermüdung" der FDP beklagt, will als Leitgedanken der Partei den Begriff der "Fairness" verankern. Diese Fairness reicht aber nicht sehr weit. Denn Ungleichheit, so schrieb Lindner, ist "ein legitimes und notwendiges Ergebnis eines Lebens in Freiheit".