"Meisterwerke der Klientel-Rhetorik": Im Gespräch mit sueddeutsche.de erklärt Thomas Kliche, Experte für politische Psychologie, welche Strategie hinter den radikalen Thesen von FDP-Chef Guido Westerwelle steckt.
Thomas Kliche ist Politologe und Psychologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Kliche leitete viele Jahre die Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen.
FDP-Chef Westerwelle liefert "Meisterwerke der Klientel-Rhetorik" analysiert der Polit-Psychologe Thomas Kliche. (© Foto: AP)
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sueddeutsche.de: FDP-Chef Westerwelle wird derzeit mit Kritik überhäuft. Im Marketing gilt der Satz: Besser schlechte PR als keine PR. Gilt der auch in der Poltik?
Thomas Kliche. Nein, so einfach kann man das nicht auf die Politik übertragen.
sueddeutsche.de: Dann macht Guido Westerwelle aber einiges falsch. Er warnt im Zusammenhang mit Hartz IV vor Sozialismus und spricht von "spätrömischer Dekadenz". Das gefällt nicht einmal der Kanzlerin.
Kliche: Politische Kommunikation richtet sich in erster Linie an die eigene Klientel. Ich bin kein Anhänger der Thesen von Guido Westerwelle und kein Anhänger der FDP. Trotzdem muss ich festhalten: Westerwelle betreibt mit seinen Äußerungen eine sehr geschickte und mutige Diskurspolitik. Vor allem aber liefert er unter handwerklichen Gesichtspunkten Meisterwerke der Klientel-Rhetorik.
sueddeutsche.de: Kritiker gehen die FDP gerade wegen ihrer Klientelpolitik an. Auch die ist in der Öffentlichkeit nicht beliebt.
Kliche: Nach den Koalitionsverhandlungen wurde den Liberalen vorgeworfen, sie seien umgefallen. Nun versuchen sie, ihr Profil wieder zu schärfen. Klientelpolitik kostet auf Dauer zu viel Geld. Nicht einmal die FDP kann immerzu Geschenke wie an die Hoteliers verteilen. Klientel-Rhetorik kostet hingegen nichts. Westerwelle bedient geschickt die Stammwähler der FDP mit ihrem Selbstbild.
sueddeutsche.de: Mit der FDP-Stammwählerschaft erringt Westerwelle aber keine 14,6 Prozent der Wählerstimmen wie bei der Bundestagswahl. Geht es ihm nur darum, die eigene Klientel zu begeistern?
Kliche: Nein. Westerwelle will natürlich auch den Diskurs in der Gesellschaft beeinflussen. Der FDP-Chef hat eine Sache begriffen, die psychologisch wichtig ist: Minderheiten, auch kleine Minderheiten, können gesellschaftliche Mehrheiten beeinflussen, wenn sie konsequent und hartnäckig auftreten. Und er will auch in der Koalition die Positionen seiner Partei markieren und halten.
sueddeutsche.de: Mit seiner radikalen Rhetorik will Westerwelle also Druck auf Angela Merkel ausüben?
Kliche: Die politische Großwetterlage ist derzeit unklar. Die Bundestagswahl wurde stets als Richtungswahl bezeichnet. Nun fährt die CDU einen konsensorientierten Integrationskurs und aus der Richtungswahl ist eine leichte Akzentverschiebung geworden. Die Koalition hat uns bis heute nicht gesagt, was sie eigentlich will. Die FDP besitzt aber als kleiner Partner einen ganz klaren Auftrag: Sie will eine Erweiterung des Marktes in allen Bereichen - auch wenn das vielen Angst macht. Westerwelle versucht, das Potential der Richtungswahl einzulösen und den Kuschelkurs von Angela Merkel nicht einfach fortzusetzen.
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Stockender Kita-Ausbau
Wohngeld, Kinderzuschlag, etc.
Die Zahlen werden die Diskussion bereichern. Habe gerade einen Einkommensnachweis vor mir liegen (Familie, zwei Kinder 3 + 5 Jahre),
Ehemann Alleinverdiener 1.379,- netto + Wohngeld + Kinderzulage + Kindergeld 863,-. Ohne staatliche Unterstützung kann so eine Familie in München nicht leben. Was muss man also hier ändern?
Die unteren Einkommen anheben oder weitere Kürzung der Einkommen, die "mehr" verdienen um sie nach "unten" wieder zu verteilen? Ich dachte, Arbeit soll sich wieder lohnen?
"Könnten Sie denn gfs. dem Hinweis nähertreten, wonach nicht zuletzt das Verhalten des Konsumenten auf die Preisentwicklung hohen Einfluss hat?"
Ich weiss nicht, wie man einem Hinweis naehertreten kann, erlaube mir aber darauf hinzuweisen, dass dieses Maerchen trotz heftiger Wiederholung doch ein solches bleibt - vielmehr ist in Bereichen Oel und Strom eine voellige Losloesung von der Nachfrage offenkundig und in anderen Bereichen die Gewinnmaximierung ebenfalls als dominierender Einfluss sichtbar.
Ihre Argumente in Sachen Mindestlohn sind ebenfalls mit recht wackeligen Beinen ausgestattet, denn auf dieser Welle reiten nicht nur die Fruehstuckspension in Schwerin, sonder wahrscheinlich die ueberwiegende Mehrheit der Nicht-Exportwaren-Produzierenden ohne ausreichende Berechtigung.
Sie liefern einen Link, der sich mit einer PwC Analyse befasst und erklären dann, dass "die Bankenkrise 39 Mrd" ....=? ....... gekostet habe......hingegen die "HarzIV-Beihilfe kostet im Jahr 18 Mrd".....
Ohne Hintergedanken: könnten Sie das mal erläutern? Wo haben Sie denn diese Zahlen erfahren?
Von den über 130 Mrd Sozialkosten 2009 entfielen auf
HarzIV 18 Mrd
Für die Bankenkrise wendeten die Länder im gleichen Jahr auf
Bankkosten 39 Mrd
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/pwcbanken100.html
Die, die wirkliche Arbeit leisten, sei es in der Produktion oder als Dienstleister, etwa putzen oder Post austragen, sollten mindestens so viel verdienen, wie die vom Staat durch Absicherung ihrer Boni bevormundeten Banker: trotz Kredite von der EZB zum Nulltarif herrscht Kreditklemme, sie kommen ihren Aufgaben nicht nach, sondern suchen nur nach für die Wirtschaft nutzlosen Tricksereien, um Geld zu verdienen. Ein weites Feld, Guido. Wie geschaffen für Dich.
Nur mal so aus Interesse. Was werfen sie mir eigentlich vor, und das sogar dreifach?
Ich habe an keiner Stelle geäußert, dass ich den Regelsatz für zu hoch halte oder der Meinung bin, dass Hartz IV Empfänger in Saus und Braus leben. Ich vermute nur, dass das BVG Urteil, welches ganz wesentlich auf das Einhalten der Menschenwürde abhebt, wohl kaum dazu führen kann, nun nach neuer Berechnungsmethode zu geringeren Sätzen zu kommen. Was ist daran naiv?
Paging