Fatih Akin über seinen Kurnaz-Film "Ich wäre in Guantanamo zerbrochen"

Der Regisseur Fatih Akin hat aus einem sueddeutsche.de-Interview mit Murat Kurnaz einen Berlinale-Kurzfilm gemacht. Ein Gespräch über politische Lügen und den Guantanamo-Häftling.

Interview: Christoph Gröner

Zur Lage der Nation: Für den Episodenfilm Deutschland '09 haben sich ein gutes Dutzend Regisseure zusammengefunden. Die heutige Premiere ist ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale. Fatih Akin greift mit seinem Beitrag "Der Name Murat Kurnaz" dabei so konkret wie kein anderer der Kurzfilme eine politische Diskussion auf: den Fall des ehemaligen Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz. Beim Interview in Berlin hat der deutsche Regisseur mit türkischen Wurzeln eigentlich nur kurz Zeit, dann lässt er sein Essen kalt werden. Fatih Akin will mit seinem Film bewegen. Ein Gespräch über Parallelen zwischen dem Guantanamo-Häftling und dem erfolgreichen Regisseur, Lügen der Politik und Gefahren für die Demokratie.

sueddeutsche.de: Herr Akin, wie kamen Sie zum Film-Projekt "Deutschland 09"?

Fatih Akin: Tom Tykwer fragte mich, ob ich mitmachen würde. Ich mag ihn und bewundere seine Arbeit. Die Verbindung zum Episodenfilm "Deutschland im Herbst" 1978 war sehr anziehend. Außerdem reizen mich Kurzfilme: Da gibt es viel Freiraum, man kann wieder ein bisschen Filmstudent sein. Aus allen diesen Gründen habe ich zugesagt, aber dann wurde es schwierig.

sueddeutsche.de: Was war passiert?

Akin: Offen gesagt: Ich hatte die Arbeit an meinem eigenen Projekt "Soul Kitchen" total unterschätzt. Mir blieb keine Energie mehr für "Deutschland 09", ich hatte keine Zeit und kein Thema - deshalb wollte ich aussteigen.

sueddeutsche.de: Sie haben schließlich doch ein Thema gefunden: der Fall des früheren Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz.

Akin: Ich hatte Kurnaz' Autobiographie "Fünf Jahre meines Lebens" im Urlaub gelesen, ein gutes, nüchtern geschriebenes Buch. Das war das auslösende Moment. Das Faszinierende an seiner Geschichte war für mich, wie sehr ich mich selbst darin erkannte.

sueddeutsche.de: Welche Parallelen sehen Sie?

Akin: Das, was ihm passiert ist, hätte auch mir passieren können. Er, der Deutsch-Türke aus Bremen - ich, der Deutsch-Türke aus Hamburg. Wir kommen aus ähnlichen, wenig religiösen Familien, unsere Wurzeln in der Türkei liegen in einer ähnlichen Region. Wir hatten in unserer Jugend eine ähnliche Sozialisierung - Gangs, Türsteher, Nachtleben.

sueddeutsche.de: Hatten Sie auch eine Phase wie Kurnaz, wo Sie sich intensiver mit dem Glauben beschäftigt haben?

Akin: Ich bin ein spiritueller Mensch. Damals - mit 16, 17 Jahren - hat der Islam für mich eine größere Rolle gespielt. Und ich hatte übrigens auch lange keinen deutschen Pass, so wie Kurnaz.

sueddeutsche.de: Hören die Gemeinsamkeiten nicht auf, wenn es um die Reise von Kurnaz nach Pakistan kurz nach dem 11. September 2001 geht?

Akin: Es hätte mich auch nach Pakistan verschlagen können, für die Recherche zu einem Dokumentarfilm, den Besuch einer entfernten Tante - oder für einen Koran-Kurs. Das ist das Verrückte, das Kafkaeske: Ich kann mich identifizieren mit Kurnaz. Aber ich glaube, es gibt einen Unterschied: Ich wäre in Guantanamo zerbrochen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Fatih Akin antrieb, den Kurzfilm über Murat Kurnaz zu drehen.

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