Interview: Dirk Graalmann

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Laschet lobt das Lebenswerk von Faruk Sen, sieht aber gute Gründe für eine Abberufung.

Seit der Gründung des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) 1985 leitet Faruk Sen das Essener Institut. Jüngst war der 60-jährige Direktor in die Kritik geraten, weil er in der türkischen Zeitung Referans unter dem Titel "Die neuen Juden Europas" einen Vergleich von Türken und Juden gezogen hatte. Der Gastbeitrag, als Verteidigung für den in der Türkei lebenden jüdischen Unternehmer Isaak Alaton gedacht, löste große Proteste aus. Der Vorstand des ZfT entband Sen von seinen Aufgaben, über eine Abberufung entscheidet nun das Kuratorium der öffentlich geförderten Stiftung in einer Sitzung am 18. Juli. Vorsitzender des Kuratoriums ist der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU).

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Armin Laschet, nordrhein-westfälischer Integrationsminister (Archiv) (© Foto: AP)

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SZ: Herr Laschet, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden hat sich vor Faruk Sen gestellt und die Diskussion über eine Abberufung als ZfT-Direktor als "unseriös" bezeichnet. Sen hat seinen Vergleich bedauert. Reicht Ihnen das nicht?

Laschet: Es geht nicht um mich, sondern um das Kuratorium eines Instituts, in dem alle vier Landtagsfraktionen und viele gesellschaftliche Gruppen vertreten sind. Das Kuratorium weiß, dass Faruk Sen weder ein Antisemit noch ein Relativierer des Holocaust ist. Das hat auch nie jemand behauptet. Aber der Vergleich ist und bleibt inakzeptabel, er ist auch eine Verkennung deutscher Integrationspolitik. Die Aussage trifft insbesondere die deutsche Gesellschaft. Selbst mit dem guten Willen, Herrn Alaton zu verteidigen, darf man so die Deutschen und die deutsche Gesellschaft nicht mit der Zeit vor 1945 vergleichen. Dieser Vergleich ist auch wissenschaftlich nicht haltbar und Sen spricht in seiner Funktion als ZfT-Direktor.

SZ: Öffentlich entstand der Eindruck, dass allein dieser Artikel die scharfe Debatte entzündet hat ...

Laschet: Das ist auch so, da der Vergleich in besonderer Weise inakzeptabel ist. Aber viele erinnern daran, dass schon 1998 zu Zeiten von Rot-Grün der damalige Botschafter in der Türkei ihm vorgehalten hatte, er schüre Vorurteile.

SZ: Das ist zehn Jahre her ...

Laschet: Auch nach dem Brand in Ludwigshafen waren viele irritiert, dass er in türkischen Medien die Brände ein Signal nannte, "ein Signal der deutschen Gesellschaft an die Türken, dass sie so langsam nach Hause gehen sollen". Das ist inakzeptabel.

SZ: Abgemahnt wurde er dafür nie ...

Laschet: Der Vorstand hat ihm das aber immer wieder deutlich gemacht. Es hat leider, und das ist das Tragische, nicht gefruchtet. Auch bei dem aktuellen Vorgang hat er ja gesagt: Diesen Text hätte er in Deutschland nie so geschrieben. Das geht nicht: Ein Wissenschaftler muss sich in den Medien zweier Länder gleich äußern. Man kann nicht in türkischen Zeitungen das Bild der Opfergesellschaft malen und in Deutschland für Integration eintreten. Das ist der Grund, der den Vorstand und alle, die sich aus dem Kuratorium bisher geäußert haben, nun bewegt hat zu sagen: Dies verstößt eklatant gegen die Satzung, das Renommee des Instituts nimmt Schaden.

SZ: Haben Sie denn Hoffnung, die Personalie Sen von der Kuratoriumssitzung vor dem 18. Juli lösen zu können?

Laschet: Ich hoffe darauf, dass es uns gemeinsam gelingt, sowohl die unumstrittene Lebensleistung Sens zu würdigen als auch das Renommee des Instituts zu retten, dass wir seine großen Verdienste anerkennen und trotzdem zu einem Neuanfang kommen.

SZ: Was ist denn seine Lebensleistung?

Laschet: Er hat den Türken eine Stimme gegeben, als die Politik das alles noch verschlafen hat. Er war einer der erfolgreichen Türken, einer, der die Integrationspolitik angestoßen hat, als sich darum noch keiner kümmerte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich nach der Meinung Armin Laschets viele Türkeistämmige nicht mehr von Faruk Sen vertreten fühlen.

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