Familienreport Das Armutsrisiko von Kindern steigt

Zu viele Kinder erreicht der Staat mit seinen Angeboten nicht.

(Foto: dpa)
  • Mehr unverheiratete Paare, weniger Scheidungen, mehr Geburten, weniger kinderlose Akademikerinnen, mehr Gelassenheit angesichts familiärer Vielfalt - das sind Ergebnisse des "Familienreports 2017".
  • Dieser beklagt auch mehr Ungerechtigkeit. Etwa 2,8 Millionen Kinder gelten als armutsgefährdet.
  • Um die Chancen von Kindern aus Migrantenfamilien zu verbessern, seien gute Ganztagsangebote notwendig, aber auch mehr frühkindliche Bildung und Betreuung.
Von Constanze von Bullion, Berlin

Kaum eine Auffassung verändert sich in Deutschland so schnell wie die von guter Elternschaft und Familie. Immer mehr Mütter und Väter wollen auch weg von stereotypen Rollenmustern. Mit dem Wohlstand wächst die Popularität des Wortes "Chancengleichheit" - zugleich aber steigt die Zahl der Familien in Deutschland, in denen Kinder von Armut und Bildungsdefiziten bedroht sind. Das zeigt der "Familienreport 2017", den Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) an diesem Freitag in Berlin vorstellt und der der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

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"Die Chancen von Kindern sind in unserem Land immer noch zu ungleich verteilt", sagte Barley der SZ. Der Familienreport, zuletzt 2014 erschienen, zeige, wie viel die Familienpolitik vorangebracht habe. Dennoch erreiche der Staat zu viele Kinder mit seinen Angeboten nicht. So ist das Armutsrisiko für Kinder gestiegen. "Das beste Mittel, um bestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, ist eine gute, verlässliche und kostenfreie Kinderbetreuung", sagte Barley. "Jeder Euro, den wir in gute Kitas, Ganztagsschulen und Horte investieren, zahlt sich mehrfach aus." Kurz vor der Bundestagswahl forderte Barley einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Grundschulkinder. Neben Alleinerziehenden, Kinderreichen und berufstätigen Müttern müssten auch Väter stärker unterstützt werden.

Mehr unverheiratete Paare, weniger Scheidungen, mehr Geburten, weniger kinderlose Akademikerinnen, mehr Gelassenheit angesichts familiärer Vielfalt, aber auch mehr Ungerechtigkeit - das sind Ergebnisse des "Familienreports 2017". Demnach hat sich die Zahl nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften in den letzten 20 Jahren auf 843 000 fast verdoppelt. In den neuen Bundesländern ist nur noch gut jedes zweite Elternpaar verheiratet, in den alten Ländern sind es drei von vier. Die Zahl der Kinder, die bei nur einem Elternteil aufwachsen, ist deutlich gestiegen: von rund 1,9 Millionen im Jahr 1996 auf 2,3 Millionen im Jahr 2016. Neun von zehn Alleinerziehenden sind weiblich, 44 Prozent gelten als armutsgefährdet. Paarfamilien dagegen tragen nur zu zehn Prozent ein Armutsrisiko. In Paarfamilien mit drei oder mehr Kindern allerdings steigt das Armutsrisiko auf 25 Prozent.

Zu den unerfreulichsten Themen des Familienberichts 2017 gehört die Chancengerechtigkeit. Laut Mikrozensus lag die Armutsrisikoquote von unter 18-Jährigen 2015 bei 19,7 Prozent. Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche galten als armutsgefährdet, das sind 1,5 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2010. Als Grund nennt der Bericht auch den Zuzug von Kindern aus Migrantenfamilien nach Deutschland. Um die Chancen dieser Kinder auf Teilhabe zu verbessern, seien gute Ganztagsangebote notwendig, aber auch mehr frühkindliche Bildung und Betreuung. Diese werde auch in Migrantenfamilien besser angenommen. Bei Kindern bis zu drei Jahren stieg die Betreuungsquote hier um sieben Prozentpunkte auf 21 Prozent.

"Der beste Schutz vor Armut ist die Erwerbstätigkeit beider Elternteile"

Als Grund für Armut und Bildungsdefizite nennt der Bericht aber auch Väter als Alleinverdiener. Ihre Familien hätten im Monatsdurchschnitt 3393 Euro netto zur Verfügung. Arbeite die Mutter zusätzlich 15 bis 28 Stunden, habe die Familie 1000 Euro mehr. Arbeiteten beide Eltern 28 bis 36 Wochenstunden, brächten sie netto durchschnittlich 4154 Euro heim. "Der beste Schutz vor Armut ist die Erwerbstätigkeit beider Elternteile", heißt es im Report. Und gerade unter Jüngeren wachse die Zustimmung zu partnerschaftlicher Arbeitsteilung. Nach einer Studie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung von 2013 fanden 84,5 Prozent Befragte zwischen 20 und 39 Jahren, dass auch Mütter von Kleinkindern arbeiten gehen sollten. Nur 13 Prozent der Männer waren noch Haupternährer der Familie, 40 Prozent sahen sich als "Vereinbarer", die für Kinder auch beruflich zurückstecken.

Im Vergleich zu früheren Berichten schlägt der "Familienreport 2017" beim Thema Väter einen neuen Ton an. Sie seien "Treiber der Veränderung in der Arbeitswelt", heißt es etwa. Belegt wird das mit dem zweiten "Väterbarometer" von 2016, wonach etwa 70 Prozent der Väter in familienunfreundlichen Unternehmen in Zeitkonflikte zwischen Arbeit und Familie geraten. Über 80 Prozent dieser Väter planten daher, den Arbeitgeber zu wechseln. 46 Prozent junger Väter - doppelt so viele wie 2015 - sagten zudem, sie würden gern bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit reduzieren.

Das gewandelte Rollenverständnis von Vätern betont der Report auch beim Thema Trennung. 15 Prozent getrennter Eltern teilten sich die Erziehung der Kinder zu mehr oder weniger gleichen Teilen. Sehr viel mehr Trennungseltern, 51 Prozent, wünschten sich eine quasi paritätische Aufteilung, könnten dies aber nicht realisieren. Barley will solche Eltern stärker unterstützen.

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