Falscher Raketenalarm Hawaiianischer Horrorfilm

Es ist skandalös, dass eine Raketenwarnung leichtfertig von einem Mitarbeiter ausgelöst werden kann. Doch erst die Feuer-und-Zorn-Rhetorik des US-Präsidenten machte die Panik von Hawaii möglich.

Kommentar von Stefan Kornelius

Versagt wird immer. Menschliches Versagen, technisches Versagen - jede Gesellschaft ist sich der Risiken bewusst, die Technik oder Irrsinn mit sich bringen. Deswegen werden Risiken so gut es geht erfasst, analysiert und minimiert, sei es beim Bahnverkehr, in der Luftfahrt oder beim Bau einer Chemiefabrik. Nirgendwo aber ist das Risiko so groß wie bei Fehlern im Umgang mit Nuklearsprengköpfen. Deshalb hat die Waffe ein derart hohes Abschreckungspotenzial - und genau deshalb erfordert es enorm viel Aufwand bei der Minimierung des Risikos. Fehler darf es nicht geben. Der einzige Daseinszweck von Atomwaffen ist es, ihren Einsatz zu verhindern.

Ein technischer oder gar menschlicher Fehler im Zusammenhang mit einem möglichen Raketenangriff, gar mit Nuklearwaffen, muss also allergrößten Alarm auslösen. Die Raketenwarnung auf Hawaii hat dazu geführt, dass binnen Minuten in vielen Köpfen ein apokalyptischer Film ablief: Angriff, Nordkorea, Atomwaffe, Eskalation, Gegenschlag, Nuklearkrieg. Das ist keine hysterische Dramatisierung, sondern entspricht dem Protokoll der nuklearen Abschreckung, die nur funktioniert, wenn eine Gegenschlagsdrohung glaubhaft ist. Vielleicht wird eines Tages bekannt, welcher Horrorfilm im Kommandobunker der strategischen Nuklearstreitmacht der USA in der halben Stunde von Hawaii ablief.

Falscher Raketenalarm schreckt Hawaiianer auf

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Im Zeitalter von Pakistan, Nordkorea, Iran und Trump zeigt der Hawaii-Zwischenfall, dass die nukleare Einsatzdoktrin dringend modernisiert werden muss. Das Schicksal der Menschheit kann von derartigen Zufalls-Hysterien nicht abhängen. Außerdem müssen die Gefahren- und Warnszenarien ins 21. Jahrhundert übertragen werden. Es ist geradezu skandalös, dass ein Warnmechanismus leichtfertig von einem Mitarbeiter ausgelöst werden kann. Jeder Hacker kann so Panik säen. In Zeiten der asymmetrischen Kriegsführung darf sich jeder Aggressor beim Zivilschutz von Hawaii für den wertvollen Tipp bedanken. Eine Gesellschaft muss nicht angegriffen werden, es reicht, wenn sie in Hysterie versetzt wird.

In Washington schwindet die realistische Einschätzung einer Bedrohung

Dennoch konnte der falsche Alarm nur deshalb seine Wirkung entfalten, weil es eine breite Bereitschaft gab, ihn ernst zu nehmen. Diese gesellschaftliche Konditionierung verdanken die USA ihrem Präsidenten. Dank Donald Trumps Feuer-und-Zorn-Rhetorik und seiner latenten Aggression liegen die Nerven blank. Die Wahrnehmung der Welt ändert sich, wenn sie ständig manipuliert wird. Nach 9/11 steigerten sich die USA in eine Kriegshysterie gegen den mutmaßlichen Terrorpaten Saddam Hussein im Irak. Die Wahrnehmung musste irgendwann eine Entsprechung in der Realität finden. Der Schritt zum Krieg war da nicht mehr groß.

So schwindet auch in Washington die realistische Einschätzung einer Bedrohung. Nordkorea sollte in seiner Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden, aber gleichzeitig darf man die Gefahr nicht aufblasen. Wer die Eskalation aus Pjöngjang mitträgt, der endet irgendwann bei einem Raketenalarm in Hawaii und später in einer nuklearen Eskalation. Zwischen Alarm und Alarmismus gibt es einen himmelweiten Unterschied. Nicht so bei Donald Trump. Die eigentliche Alarmmeldung sollte in Washington auf den Telefonen aufleuchten. Die Bedrohung ist der Mann, der die Gefahr herbeiredet.

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