Fall Lisa Vergewaltigungsvorwürfe in Berlin: Russische Regierung mischt sich ein

Der russische Außenminister Lawrow nimmt Stellung zum Fall Lisa.

(Foto: REUTERS)

Außenminister Lawrow sagt, das Mädchen sei nicht freiwillig verschwunden und verweist auf die deutsche Flüchtlingspolitik. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt zwei Verdächtige.

Von Benedikt Peters

Die russische Regierung schaltet sich in den Fall Lisa ein. "Es ist klar, dass das Mädchen nicht freiwillig für 30 Stunden verschwunden ist", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Dienstag. Damit meldete er Zweifel an der bisher verbreiteten Version der Polizei an.

Das 13-jährige russischstämmige Mädchen war Mitte Januar in Berlin-Marzahn für einen Tag verschwunden. Russische Medien berichteten daraufhin, das Mädchen sei von einem Mann arabischen Aussehens und zwei Komplizen entführt und vergewaltigt worden (hier eine Version aus dem russischen Staatsfernsehen, die die rechte Gruppe "Anonymous Kollektiv" auf Facebook verbreitete).

Die Berliner Polizei teilte hingegen mit, dass weder die Entführung noch die Vergewaltigung stattgefunden habe. Inzwischen geht sie von einvernehmlichem sexuellen Kontakt aus, was angesichts des Alters des Mädchens dennoch eine Straftat darstellt. Die Staatsanwaltschaft, die die Untersuchungen mittlerweile führt, ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs gegen zwei Männer. Welche Nationalität und Herkunft sie haben ist unklar. Spiegel Online zufolge erklärte die Staatsanwaltschaft, dass es sich nicht um Flüchtlinge handele. Das deckt sich mit Aussagen des Anwalts des Mädchens.

Zweifelhafte Berichterstattung im russischen Fernsehen

Der russische Außenminister stellte ungeachtet dessen einen Bezug zur deutschen Flüchtlingspolitik her. "Ich denke, die Wahrheit muss gefunden werden und hoffe, dass die aktuellen Migrationsprobleme nicht dazu führen, dass die Realität aufgrund bestimmter politischer Überzeugungen zurechtgestutzt wird. Das wäre falsch", sagte Lawrow.

Das russische Fernsehen war in dem Fall mit unseriöser Berichterstattung aufgefallen. Der Perwij Kanal verwendete in einem Beitrag zu der angeblichen Vergewaltigung und den Tätern Bildmaterial, mit dem belegt werden sollte, dass solche Taten zur Zeit in Deutschland keine Einzelfälle seien. Es zeigt einen dunkelhaarigen Mann, der auf gebrochenem Deutsch mit vermeintlich leicht schwäbischem Einschlag mit einer Gruppenvergewaltigung prahlt. Was der Sender verschweigt: Das Video des Mannes wurde schon 2009 bei Youtube hochgeladen.

Proteste in zahlreichen Städten

Nach Bekanntwerden des Falles und der Mitteilung der Berliner Polizei war es am Wochenende zu Protesten Tausender russischstämmiger Personen und Russlanddeutscher in Berlin und einigen süddeutschen Städten gekommen. In Ellwangen in Baden-Württemberg zogen 500 Protestler vor ein Flüchtlingsheim, einige schrien Parolen. Vertreter russlanddeutscher Verbände distanzierten sich von den Protestaktionen.

Alexander Reiser kritisierte die Kommunikationsstrategie der Polizei. Der Geschäftsführer eines Vereins, der sich für die Integration russischstämmiger Menschen in Berlin einsetzt, sagte, man habe die Mitteilung so verstehen können, dass keine Straftat geschehen sei und die Ermittlungen eingestellt würden. Die Polizei hatte zunächst nicht kommuniziert, dass die Ermittlungen im Fall Lisa weitergingen und auch nicht von möglichem sexuellen Missbrauch gesprochen. Dies sei mit dafür verantwortlich gewesen, dass es zu den Protesten gekommen sei.

Mitarbeit: Antonie Rietzschel

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