Fall Dschaber al-Bakr Der vereitelte Anschlag erfüllt Syrer in Deutschland mit Stolz und Scham

Ammar, ein Nachbar des Syrers, in dessen Wohnung der flüchtige Terrorverdächtige al-Bakr festgenommen wurde, sitzt für ein anonymes Interview in seiner Wohnung im Leipziger Stadtteil Paunsdorf.

(Foto: dpa)

Der Terroverdächtige al-Bakr wird von Landsleuten überwältigt. Syrer in Deutschland wollen nun vor allem wissen, wer sie sind. Die Geheimhaltung der Polizei finden sie schwierig.

Kolumne von Yahya Alaous

Vielen Syrern in Deutschland bedeutet es viel, dass die Anschlagspläne von Dschaber al-Bakr vereitelt wurden. Dass es nicht zu einem terroristischen Angriff kam, dass es keine Toten gab und keine Verletzten. So konnte dieses Mal niemand "den Syrern" die Schuld geben - anders als beim Anschlag von Ansbach im Juli, als ein syrischer Flüchtling eine Bombe zündete und 15 Menschen verletzte. Dass al-Bakr geschnappt wurde, ist für viele Syrer zuallererst eine Erleichterung.

Dass es Syrer waren, die ihn festsetzten, erfüllt sie mit Stolz. Aya, eine 20-jährige Studentin, sagt etwa: "Das ist eine Nachricht an alle: Wir lehnen Terrorismus und Gewalt ab. Wir wollen in Frieden leben." Der 50-jähirge Bassim sieht es ähnlich. "Dieser Syrer war kurz davor, seinen Landsleuten eine Menge Ärger zu bereiten, und andere Syrer haben ihn davon abgehalten."

Doch da sind nicht nur Stolz und Erleichterung, da ist auch Scham. Ausgerechnet ein Mann aus ihrer ersten, vom Krieg zerstörten Heimat war es, der nun einen Angriff auf ihre zweite Heimat plante. Aya entsetzt das, sagt sie. Bassim weiß nicht so recht, was nun überwiegt. "Die Ereignisse erinnern mich an ein Fußballspiel", sagt er. "Zuerst schießt Syrien ein Eigentor, dann trifft es noch einmal auf der richtigen Seite. Das Ergebnis am Ende ist unentschieden."

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"Ist das logisch, dass eine so erfahrene Polizei einen solchen Fehler macht?"

Allerdings gibt es auch kritische Fragen. Der Schriftsteller Ihab sieht Versäumnisse bei der deutschen Polizei. "Als sie al-Bakrs Wohnung in Chemnitz gestürmt haben, haben sie es zugelassen, dass er fliehen konnte", sagt er. "Ist das logisch, dass eine so erfahrene Polizei einen solchen Fehler macht?"

Apropos logisch. Für manche Syrer in Deutschland macht es überhaupt keinen Unterschied, dass der Verdächtige von Syrern gefasst wurde; dass viele Deutsche die Syrer nun loben und die rechten Verschwörungheoretiker darauf hinweisen, dass eben doch nicht alle Flüchtlinge verkappte Terroristen sind. Diese Gruppe befürchtet, es handle sich um ein von der politischen Rechten inszeniertes Theaterstück. Es solle dazu dienen, Flüchtlinge als ständige Gefahr darzustellen. Niemand sei vor ihnen sicher. Auch unter Syrern in Deutschland gibt es eine kleine Gruppe, die für Verschwörungstheorien anfällig ist.

Was nun viele Syrer interessiert: Wer sind die Männer, ihre Landsmänner, die die Anschläge verhindert haben? Wie heißen sie? Dass die Polizei Informationen über sie zurückhält, laut eigenen Angaben, um sie nicht zu gefährden, finden viele schwierig. Sie würden gern auch mehr Details zu dem Anschlag wissen, den al-Bakr geplant haben soll.

Die drei jungen Männer werden nun mit Lob überhäuft, doch um des Lobes willen haben sie den Anschlag nach allem, was wir wissen, nicht vereitelt. Sondern, weil sie Mord und Gewalt ablehnen und in einem sicheren Zuhause leben möchten. So, wie das auch die Deutschen wollen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Auch in Zukunft braucht die Polizei die Hilfe der Flüchtlinge

Auf Fotos sieht man al-Bakr seinen Extremismus nicht an. Er hat keinen langen Bart und keinen dunklen Punkt auf der Stirn, der auf exzessives Beten hinweisen würde. Nichts erinnert an einen Terroristen, es gibt dutzende friedliche Flüchtlinge, die ihm ähneln. Terrorismus kann sich hinter jedem Gesicht verstecken.

Möglich ist, dass al-Bakr von einem ranghohen IS-Mitglied beeinflusst wurde. Der IS-Propagandachef Abu Mohammad al-Adnani wurde bei einer Aktion der USA vor etwa einem Monat getötet. Sein Aufruf aber, Anschläge in den Ländern des Westens zu verüben, ist mit ihm offenbar nicht verschwunden.

Die Polizei wird möglicherweise auch in Zukunft viel zu tun haben, um Anschläge zu verhindern. Dafür braucht sie auch die Hilfe der Flüchtlinge.

Übersetzung: Benedikt Peters

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