Er soll an der Ermordung von 29.000 Juden mitschuldig sein: Der mutmaßliche frühere KZ-Aufseher Demjanjuk könnte angeklagt werden - wenn die USA ihn ausliefern.
Nazi-Jäger Kurt Schrimm suchte in den vergangenen Jahren nach der Stecknadel im Heuhaufen - mit zunehmendem Zeitabstand zu den Verbrechen des NS-Regimes sank auch die Wahrscheinlichkeit, noch lebende Nazi-Schergen und Zeugen zu finden.
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Der angeklagte John Demjanjuk lacht im Juni 1992 in Israels Supreme Court. (© Foto: AP)
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Dem Leiter der weltweit größten Fahndungsstelle für NS-Verbrechen könnte im Jahr des 50-jährigen Bestehens der Behörde in Ludwigsburg nun ein Coup gelungen sein, der kritische Stimmen verstummen lässt. Diese hatten der Behörde zuletzt die "Note mangelhaft" für die Strafverfolgung ehemaliger Nazis gegeben.
Nach aufwendigen Recherchen in Archiven in Israel, in den USA und in Deutschland trugen Schrimm und seine Kollegen ausreichend Material zusammen, um den in den USA lebenden mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher Iwan John Demjanjuk vor ein Gericht zu bringen - in Deutschland.
"Demjanjuk ist, was die Zahl seiner Opfer anbetrifft, sicher eine ganz große Nummer. Wir freuen uns, dass wir gerade in unserem Jubiläumsjahr einen solchen Erfolg vermelden können", sagt Schrimm. Der 59-jährige Oberstaatsanwalt gibt am Montag ein Vorermittlungsverfahren gegen Demjanjuk an die Staatsanwaltschaft München I ab: "Aus unserer Sicht kann Anklage erhoben werden."
Demjanjuk soll sich laut Schrimm als Angehöriger der Wachmannschaften des Vernichtungslagers Sobibor zwischen März und September 1943 der Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Juden schuldig gemacht haben. Der mutmaßliche NS-Verbrecher sei nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zuerst in einem bayerischen Flüchtlingslager untergetaucht und 1952 in die USA ausgewandert. Nachdem seine Vergangenheit bekanntgeworden war, lieferten ihn die Vereinigten Staaten 1986 an Israel aus.
Todesurteil in Israel wieder aufgehoben
Dort wurde Demjanjuk wegen seiner angeblichen Tätigkeit als besonders grausamer Wachmann im Vernichtungslager Treblinka angeklagt und 1988 zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof in Israel hob das Urteil aber 1993 auf, weil die Identität nicht sicher geklärt werden konnte. Bereits damals gab es Hinweise auf den Einsatz von Demjanjuk als Wachmann in Sobibor.
Unter den Opfern - und das ist für eine mögliche Anklageerhebung in Deutschland wichtig - waren etwa 1900 deutsche Juden. "Aufgrund der Tatvorwürfe sind wir zuversichtlich, dass gegen ihn ein Prozess in Deutschland geführt werden kann", sagt Schrimm.
Es sei nun erstmalig möglich, die Opfer mit ihren vollständigen Namen und Geburtsdaten zu benennen. Das älteste Opfer, das am 23. April 1943 in den Gaskammern den Tod gefunden habe, sei ein 99 Jahre alter Jude aus Holland gewesen. In allen Deportationszügen befanden sich laut Schrimm Säuglinge und Kleinkinder, die unmittelbar nach ihrer Ankunft in Sobibor vergast worden seien.
Ein besonders erschütterndes Dokument des Holocaust bezeugt einen Transport vom 8. Juni 1943, der als Kindertransport bekanntgeworden sei, sagte der Behördenleiter. Die deutsche Lagerleitung des niederländischen Konzentrationslagers Herzogenbusch habe zuvor angeordnet, dass alle Kinder bis zum Alter von 16 Jahren in Begleitung ihrer Eltern das Lager zur Vernichtung in Sobibor zu verlassen hätten.
Zuerst Soldat bei der Roten Armee
Demjanjuk wurde früheren Angaben zufolge 1941 als Soldat zur Roten Armee eingezogen. 1942 sei er in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Dann habe er eine Ausbildung zum Wachmann im SS-Lager Trawniki in der Nähe der polnischen Stadt Lublin absolviert. Von Ende März bis Mitte September 1943 habe er im Vernichtungslager Sobibor seinen Dienst verrichtet.
Schrimm hofft, dass die Bundesregierung ein Auslieferungsersuchen an die USA richtet. Politisch ist dies nicht unumstritten: Demjanjuk, der zurzeit in Ohio lebt, ist in der Ukraine geboren und hatte zunächst die US-Staatsbürgerschaft. Diese war ihm im Mai 2008 nach jahrzehntelangen Bemühungen aberkannt worden.
"Die USA haben starkes Interesse daran, Demjanjuk loszuwerden. Die Ukraine und auch andere Staaten wollen ihn nicht aufnehmen. Dies ist eine große Chance, Demjanjuk zu überführen und ihn für seine Gräueltaten zur Verantwortung zu ziehen", betonte Schrimm.
Der letzte ganz große Prozess gegen einen Nazi-Schergen in Deutschland liegt 16 Jahre zurück. 1992 war SS-Oberscharführer Josef Schwammberger vom Landgericht Stuttgart wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an über 650 Menschen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Schwammberger starb 2004 in Haft.
Die strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern war von den Siegermächten vor Kriegsende in einer gemeinsamen Erklärung im November 1943 beschlossen worden. Doch erst mit der Gründung der Zentralen Stelle 1958 kam die deutsche Strafverfolgung von NS-Verbrechern in Gang. Die Fahndungsstelle lieferte das Material für zahllose NS-Verfahren und ermöglichte erst die großen Auschwitz- Prozesse 1963 bis 1965 und 1964 bis 1966 in Frankfurt/Main sowie den Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 in Düsseldorf.
Die Behörde leitete bisher Vorermittlungsverfahren gegen mehr als 110.000 Personen ein. Vor etwa 20 Jahren arbeiteten in Ludwigsburg noch etwa 130 Mitarbeiter, heute sind es 19. Schrimm leitet die Behörde seit Oktober 2000.
Vermehrt eigene Ermittlungen
Seit dem Fang des "großen Fischs Schwammberger" war es um die Zentralstelle allerdings ruhig geworden. Von außen wurden immer weniger Fälle an die Mitarbeiter herangetragen, deswegen wurde die Behörde selbst aktiver. "Wir gingen nach draußen, um systematisch in Archiven, die uns vorher nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung standen, zu ermitteln", betont Schrimm. Dazu wurde die Zahl der Mitarbeiter im Ermittlungsbereich verdoppelt.
Reisen nach Moskau, Israel, Chile, Argentinien, Brasilien, Uruguay und die USA standen fortan auf dem Programm. "Wir sind froh, zu wissen, wo Demjanjuk ist. Flüchtig ist aber noch der ehemalige KZ-Arzt Aribert Heim alias "Dr. Tod". Heim ist nach dem Eichmann-Gehilfen Alois Brunner die Nummer zwei auf der Liste der meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Unsere Arbeit geht weiter", sagt Schrimm.
Zum Festakt Anfang Dezember wird neben Bundespräsident Horst Köhler auch die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in Ludwigsburg erwartet.
(sueddeutsche.de/dpa,Tatjana Bojic/AP/jkr)
Müll am Fluss
"Da die Gre.uel des N.S den jü.dischen Menschen dieses Kontinents keinen Ausweg ließen, als einen Staat Israel zu gründen, ist es nun eine wichtige Verantwortung einerseits den Bestand dieses Staates zu garantieren, andererseits aber auch immense diplomatische und finanzielle Anstrengungen zu unternehmen, dass die Palästinenser einen lebensfähigen Staat erhalten werden. "
Was folgt daraus eigentlich für die verfolgten Sinti und Roma? Auf wessen Grund und Boden sollen wir denn einen Staat für sie gründen? Wen sollen wir vertreiben und enteignen helfen, damit die Sinti und Roma, denen ja folglich auch nicht zugemutet werden kann weiterhin ohne eigenen Staat zu leben, Platz finden? Wie hoch veranschlagen sie die menschlilchen und finanziellen Belastungen, die sich für Deustchland aus diesem künftigen "Sinti und Roma"-Staat ergeben? Kennen sie zufällig irgendeinen König, der willens ist, Land das ihm nicht gehört, zu verschenken? Wenn ja, wo wir grade dabei sind, ich hätte auch gerne meinen eigenen Staat !
"Sie sprechen hier von einer "Bestandsgarantie" für einen Staat."
Die beste Bestandgarantie wäre ein anständiges Benehmen und ein gerechter Umgang mit der vertriebenen, enteigneten Bevölkerung Palästinas. Da dies aber eine Auseinandersetzung mit eigenen Fehlern und schmerzhafte Zugeständnisse bedeuten würde, setzt man lieber auf militärische Stärke (gerne auch fremdfinanzierte) zur Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustands.
@ MLP80: Demjanuk und Israel
"Demjanuk wurde in Israel der Prozess gemacht, er wurde zum Tode verurteilt, aber das Urteil aufgehoben, da der oberste Gerichtshof entschied, dass es "berechtige Zweifel" an seiner Schuld gäbe. So viel zum Thema des gnadenlosen, alttestamentarischen Staates..... "
Da werden ja die zehntausenden inhaftierten Palästinenser in Israels Gefängnisssen und Lagern aber nun wirklich in Jubel ausbrechen! Besonders natürlich die Insassen, die ohne Anklage oder Urteil seit Jahren inhaftiert sind.
All die tausenden Menschen, deren Land beschlagnahmt wurde, deren Haus gesprengt wurde, deren Felder von der tapferen israelsichen Armee planiert wurde, deren Oliven Haine gerodet wurden - die müssen nun völlig umdenken.
Tja und all die tausende Angehörigen, die Opfer von "geziehlten Tötungen" der tapferen israelischen Luftwaffe wurden, werden nun ihre Meinung über das Rechtssystem grundlegend ändern...
Ach ja wie lange war nun der lachende älterere Herr mit seinen lachenden Wächtern nun in israelischer Haft?? Werden demnächst Zeugen gefunden, die nach über 60 Jahren bestätigen können, das er vielleicht doch auch in Dachau Aufseher war oder sonst irgendwo...
Demjanuk wurde in Israel der Prozess gemacht, er wurde zum Tode verurteilt, aber das Urteil aufgehoben, da der oberste Gerichtshof entschied, dass es "berechtige Zweifel" an seiner Schuld gäbe. So viel zum Thema des gnadenlosen, alttestamentarischen Staates.....
@Rhinelander: "Die Balfour-Deklaration war aber bereits 1917. Die Staatsgründung war daher schon vor den Nazs geplant (wenn auch nur als Entschließung). "
Gerne wird ja argumentiert, durch die berühmte Belfaour Deklaration ist der Staat Israel in seinen heutigen Grenzen ermöglicht worden einschliesslich de eroberten und besetzten Gebiete... Aber das der damalige Aussenminister des Königreichs England etwas anderes zugesichert hat wird gerne vergessen.
In wie weit nun ein Aussenminister eines fremden köngreichs nun berechtig war oder sein sollt Land und Besitz weiter zu reichen, was nicht im eigenen Besitz ist sollte vielleicht auch erörtert werden. (Aber vielelicht verschenkt ja auch irgendwann der liechtensteinische Aussenminister Grönland an Einwanderer?)
Hier der besagte Brief von Belfour vom November 1917:
"Verehrter Lord Rothschild,
ich bin sehr erfreut, Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät die folgende Erklärung der Sympathie mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen übermitteln zu können, die dem Kabinett vorgelegt und gebilligt worden ist:
Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Erklärung zur Kenntnis der Zionistischen Weltorganisation bringen würden.
Ihr ergebener Arthur Balfour "
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