Fall Anis Amri Viele "lose Enden" im Fall Amri

Auch ein Jahr nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin bleibt jene Frage unbeantwortet, die Trauernde am Breitscheidplatz auf eine Tafel geschrieben hatten: Warum konnte das passieren?

(Foto: Stefan Boness/Ipon/imago)

Wurde Amri als Informationsquelle protegiert? Und welchen Einfluss übte ein V-Mann auf ihn aus? Diese Fragen werden den dritten Untersuchungsausschuss zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt beschäftigen.

Von Ronen Steinke, Berlin

Zwei Landtags-Untersuchungsausschüsse haben sich schon mit den Ermittlungsfehlern gegen Anis Amri befasst, den Attentäter auf den Berliner Weihnachtsmarkt, der monatelang im Visier der Behörden stand. Am Ende ist es so: Es gibt offene Fragen, viele "lose Enden", wie eine Aufklärerin sagt - und bei manchen Beobachtern den Verdacht, bei anderen vielleicht sogar den Wunsch, dass diese ganzen Behörden-Merkwürdigkeiten ein Muster ergeben, also Sinn.

Diese Fragen treiben die Aufklärung jetzt wieder voran. Die Grünen im Bundestag fordern seit Monaten, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Vor Kurzem hat die Union eingelenkt. Der grüne Innenpolitiker Konstantin von Notz erklärt den Sinneswandel so: "Man fürchtet offensichtlich den Jahrestag des Anschlags, weil man nichts vorzuweisen hat außer Lücken, Skandalen und einen komischen blinden Fleck auf der Bundesebene." Bald also wird die Beweisaufnahme wieder von vorne beginnen, diesmal im Bundestag - motiviert von vor allem zwei düsteren Szenarien.

Da ist zunächst die Libyen-Theorie. Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele war einer der Ersten, der sie aufstellte. Im vergangenen Frühsommer bombardierte die US-Luftwaffe Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Libyen. Der amerikanische Fernsehsender CNN berichtete im Februar dieses Jahres unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass ein Zusammenhang zum Attentat auf den Berliner Breitscheidplatz bestanden habe. Details wurden nicht genannt.

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Manche vermuten: Der Tunesier Amri, der während seiner Zeit in Deutschland viel mit IS-Kontakten in Libyen chattete, führte die USA zu diesen Zielen. Die Deutschen hörten sein Handy ab. Deshalb sei Amri politisch wertvoll gewesen, mutmaßte Ströbele in der vergangenen Woche wieder. Es habe "übergeordnete Interessen im Hintergrund" gegeben, Amri als Informationsquelle im Spiel zu behalten, sogar eine "ordnende Hand", die verhindert hätte, dass er in Haft kam.

Keine Neuigkeiten für die Amerikaner

Ermittler haben das bestritten. Der für Terrorismus zuständige Bundesanwalt Thomas Beck sagte am 3. Juli 2017 im Berliner Abgeordnetenhaus, die Chatpartner Amris seien letztlich nicht identifizierbar gewesen. Das heißt: Es sei unbekannt, ob der US-Militärschlag wirklich sie traf. Und eine "ordnende Hand"? Sie hätte in Deutschland ganz schön viele staatliche Stellen beeinflusst haben müssen: mehrere Landespolizeien, das Bundeskriminalamt, den Verfassungsschutz, mehrere Staatsanwaltschaften.

Ein Sicherheitsexperte, der Einblick in die Vorgänge hat, sagt: Ja, die Deutschen hätten den Vereinigten Staaten im Februar und März 2016 Amris Chat-Kontakte gegeben, um den USA in Libyen zu helfen. Allerdings: Sie hätten den Amerikanern da nichts Neues erzählt. Die wussten alles schon. Die Amerikaner hätten eher gelacht und den Deutschen geantwortet: Guckt mal hier, wir haben noch viel mehr Nummern von dieser libyschen IS-Zelle.