Fall Anis Amri Anis Amri stärker überwacht als bisher bekannt

Kreuze und Kerzen am Berliner Breitscheidplatz, an dem Anis Amri im Dezember 2016 zwölf Menschen ermordete.

(Foto: imago/IPON)
  • Deutsche Behörden haben einem Bericht der Welt am Sonntag zufolge den Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri weit umfangreicher überwacht als bisher bekannt.
  • Ein V-Mann und eine eigene Sachbearbeiterin waren demzufolge für den Tunesier zuständig, die Ermittler überwachten schon ein Jahr vor dem Anschlag seine Telefone und Chats.
  • Unklar bleibt, warum Anis Amri nicht lange vor dem Anschlag verhaftet wurde.

Anis Amri, der Weihnachtsmarkt-Attentäter von Berlin, wurde schon ein Jahr vor dem Anschlag stärker überwacht als bisher bekannt. Das berichtet die Welt am Sonntag (WAMS) unter Berufung auf Akten, V-Mann-Berichte und Überwachungsprotokolle, die der Zeitung vorliegen.

Bereits am 24. November 2015 habe ein V-Mann der Polizei, der Amri gezielt überwachte, konkrete Anschlagspläne an das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen weitergeleitet. Von dort erreichten die Informationen auch das BKA, den Generalbundesanwalt und den Verfassungsschutz.

Eine eigene Sachbearbeiterin war für Amri zuständig

Von Anfang Dezember 2015 an seien dann die Mobiltelefone Anis Amris "rund um die Uhr" überwacht worden. Dank des V-Manns erlangten die Behörden auch Zugriff auf die Messenger-Dienste des Tunesiers. So erfuhren die Ermittler, dass er Anleitungen zum Bombenbau herunterlud und mit IS-Kadern telefonierte.

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Der Welt am Sonntag liegt nach eigenen Angaben außerdem eine zweiseitige Analyse über Anis Amri vor, die im Januar 2016 verfasst wurde und von Verfassungsschutz-Chef Maaßen persönlich unterschrieben wurde. Eine eigene Sachbearbeiterin für den späteren Attentäter habe es ebenfalls gegeben.

Auch ausländische Geheimdienste hatten wohl umfangreiche Informationen über den Attentäter. So soll er schon nach seiner Abschiebehaft in Italien im Mai vom AISI, dem italienischen Inlandsgeheimdienst überwacht worden sein, der tunesische Geheimdienst soll seit Jahren von engen persönlichen und familiären Bindungen Amris zum IS gewusst haben.

Ströbele sieht US-Geheimdienste am Werk

Die Recherchen der WAMS legen nahe, dass internationale Geheimdienste Amri als Lockvogel gesehen haben könnten, der sie zu seinen Hintermännern in Lybien führen sollte. Auch Hans-Christian Ströbele, Mitglied des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, vermutet die "ordnende Hand" eines US-Geheimdienstes. Es sei sonst unerklärlich, warum Amri nicht festgenommen wurde. Ströbele nannte es einen "riesigen Skandal", dass die Bundesregierung die Hintergründe des Anschlags auch ein Jahr später noch nicht geliefert habe.

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