Fakten zur Europawahl Wo kaum einer zur Wahl ging

Wo leben die wahlfaulsten Europäer? Wo hat die AfD in Deutschland ihre Hochburgen? Und weshalb hat die CSU bei der Europawahl so miserabel abgeschnitten? Wichtige Zahlen und Fakten zur Europawahl.

Von Sebastian Gierke und Marc Zimmer

Niedrigste Wahlbeteiligung bundesweit im Bayerischen Wald

Die Wahlbeteiligung in Deutschland lag mit 48,1 Prozent um 4,8 Prozent höher als 2009 und fast fünf Prozent über dem EU-Durchschnitt von 43,1 Prozent. Ein Grund dafür waren Kommunalwahlen, die in einigen Bundesländern gleichzeitig zur Europawahl stattfanden. Die Zahlen zeigen: In den zehn Bundesländern mit gleichzeitigen Kommunal- beziehungsweise Bezirkswahlen lag die Beteiligung um 7,1 Prozentpunkte höher als in den anderen Ländern.

Die niedrigste Beteiligung bundesweit hatte der Bayerische Wald zu verzeichnen. Im Landkreis Regen gaben lediglich 26,4 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme für das EU-Parlament ab, im Nachbarkreis Freyung Grafenau waren es 26,5 Prozent. Unter den zehn Kreisen mit der bundesweit geringsten Wahlbeteiligung rangieren gleich sieben Kreise aus Niederbayern. In dem Regierungsbezirk gaben nur 33,3 Prozent der Wähler ihre Stimme ab.

Slowakei unterbietet den eigenen Negativrekord

Vor allem im Osten Europas gingen im Vergleich nur sehr wenige Bürger zur Wahl. So gaben in der Slowakei nur 13 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Das ist der niedrigste Wert aller EU-Staaten. Die Slowakei unterbot damit ihren eigenen Negativrekord aus dem Jahr 2004. Schon damals wählten nur 17 Prozent der Stimmberechtigten. Aber auch in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks war die Wahlbeteiligung extrem gering. In Tschechien lag sie bei 18,2 Prozent, in Polen bei 22,7 Prozent.

Im Euro-Krisenland Griechenland gingen 57,3 Prozent der Bürger zur Wahl, in den südeuropäischen Krisenländern Spanien und Portugal 44,7 Prozent beziehungsweise 34,5 Prozent. Die höchste Wahlbeteiligung gab es in Belgien und Luxemburg mit je 90 Prozent. In beiden Ländern herrscht allerdings Wahlpflicht.

Woher die AfD ihre Stimmen hat

Die euroskeptische AfD holte aus dem Stand sieben Prozent der Stimmen bei der Europawahl und zieht mit sieben Abgeordneten ins Europäische Parlament ein. Betrachtet man die einzelnen Bundesländer, schnitt die AfD in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen am schwächsten ab, mit jeweils 5,4 Prozent. Am stärksten war die Partei in Hessen (9,1 Prozent) und Sachsen (10,1 Prozent).

Die AfD ist der große Gewinner der Wählerwanderung in Deutschland. Ausgehend von den Ergebnissen der Bundestagswahl 2013 konnte sie den etablierten Parteien fast 900 000 Stimmen abjagen. Allein 510 000 vormalige Unionswähler entschieden sich am Sonntag für die Partei von EU-Kritiker Bernd Lucke; sogar von der Linken wechselten mehr als 100 000 Wähler zu den Rechtspopulisten. Damit kompensieren die Euro-Gegner, dass fast die Hälfte ihrer zwei Millionen Wähler von der Bundestagswahl diesmal nicht zur Urne gingen. Die SPD verlor zwar an Grüne, AfD und Linke mehr als 300 000 Wähler, die Sozialdemokraten konnten aber dank ehemaliger CDU/CSU- und FDP-Wähler dennoch zulegen. Den Liberalen bleiben weniger als eine Million Wähler, sie verloren Stimmen an sämtliche Parteien.

Welche Folgen die Wahl ohne Prozenthürde hat

Durch den Wegfall der Prozenthürde hierzulande werden insgesamt 14 verschiedene deutsche Parteien im EU-Parlament vertreten sein. Darunter sieben mit nur einem Abgeordneten: Die Freien Wähler, die Tierschutzpartei, die Familie, die Piraten, die ÖDP, die NPD und Die Partei. Auffällig: Die Kleinparteien konnten dieses Mal insgesamt mehr Stimmen auf sich vereinigen als bei der vorangegangenen Europawahl.

Mit einer Drei-Prozent-Hürde wären nur 7 Parteien aus Deutschland in das Europäische Parlament eingezogen. Neben den im Bundestag vertretenen Parteien wären dies die AfD und die FDP gewesen. Das Bundesverfassungsgericht hatte die Prozenthürde vergangenes Jahr gekippt.

Wieso die CSU in Bayern eingebrochen ist

Die CSU hat in Bayern eine historische Niederlage erlitten. Die Christsozialen brachen von 48,1 Prozent auf 40,5 Prozent ein. Damit wird die CSU nur noch mit fünf Abgeordneten im EU-Parlament vertreten sein - drei weniger als bisher. Wo liegen die Gründe für diese Niederlage? Die Zahlen beweisen: Das schlechte Ergebnis ist ein Problem der CSU, keines der Union. Die CSU hat es nicht verstanden, ihre Wähler zu mobilisieren.

So ist die Wahlbeteiligung in Bayern mit 35,1 Prozent im bundesdeutschen Vergleich die zweitniedrigste. Nur in Brandenburg (29,9 Prozent) gingen noch weniger Menschen zur Wahl. Ein Unterschied zwischen Ländern mit Kommunalwahl und Ländern, in denen nur die Europawahl stattgefunden hat, lässt sich aus den Zahlen für die Union nicht ableiten. Die Verluste der CSU in Bayern sind signifikant höher als die Verluste der CDU in jedem anderen deutschen Bundesland. Nimmt man alle Bundesländer zusammen, hat die Union in absoluten Zahlen 406 605 Stimmen dazugewonnen. In Bayern hat sie allerdings 329 504 verloren. Berücksichtigt man Bayern nicht, gibt es auch kaum einen Unterschied zwischen den aggregierten Zugewinnen in Ländern mit Kommunalwahl und denen ohne.

Die besten und schlechtesten Ergebnisse der deutschen Parteien

CDU (insgesamt 35,3 Prozent)

Bestes Ergebnis: 65,1 Prozent in Vechta, Niedersachsen

Schlechtestes Ergebnis: 16,5 Prozent in Potsdam, Brandenburg

SPD (insgesamt 27,3 Prozent)

Bestes Ergebnis: 46,1 Prozent in Gelsenkirchen, Nordrhein-Westfalen

Schlechtestes Ergebnis: 11,4 Prozent Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Sachsen

Grüne (insgesamt 10,7 Prozent)

Bestes Ergebnis: 27,7 Prozent in Freiburg, Baden-Württemberg

Schlechtestes Ergebnis: 2,7 Prozent im Kyffhäuserkreis, Thüringen

Linke (insgesamt 7,4 Prozent)

Bestes Ergebnis: 33,9 Prozent in Suhl, Thüringen

Schlechtestes Ergebnis: 1,4 Prozent im Landkreis Straubing-Bogen, Bayern

FDP (insgesamt 3,4 Prozent)

Bestes Ergebnis: 13 Prozent in Freudenstadt, Baden-Württemberg

Schlechtestes Ergebnis: 1,2 Prozent in Schwandorf, Bayern

AfD (insgesamt 7 Prozent)

Bestes Ergebnis: 14,3 Prozent in Pforzheim, Baden-Württemberg

Schlechtestes Ergebnis: 2,8 Prozent in der Grafschaft Bentheim, Niedersachsen

Unsere Karte zeigt, dass die AfD vor allem in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Wirtschaftskraft Erfolge feiern konnte, zum Beispiel im brandenburgischen Frankfurt (Oder), in Görlitz (Sachsen) oder in Gera (Thüringen). Aber auch im reichen Main-Taunus-Kreis (Hessen) hat die AfD ein überdurchschnittlich gutes Ergebnis erzielt.

Wo rechte Parteien in Europa die größten Triumphe erzielten

Frankreich: Ein politisches Erdbeben gab es in Frankreich. Dort holte der rechtsextreme Front National 25,4 Prozent der heimischen Stimmen, 19 Prozentpunkte mehr als 2009. Bei jungen Menschen unter 35 Jahren sammelte die Partei sogar etwa 30 Prozent der Stimmen ein. Die konservative Oppositionspartei UMP kam bei deutlichen Verlusten auf 20,8 Prozent, die regierenden Sozialisten von Staatschef François Hollande auf knapp 14 Prozent.

Diese Frankreich-Karte verdeutlicht, dass der Front National flächendeckend dazugewonnen hat. Im Jahr 2009 ist das Land noch ganz überwiegend im Blau der UMP eingefärbt. 2014 hat es sich zu einem Großteil schwarz gefärbt.

Großbritannien: Einen Triumph konnte auch Nigel Farage verbuchen, der Vorsitzende der rechtspopulistischen britischen Protestpartei Ukip. Seine Partei, die für einen EU-Austritt Großbritanniens wirbt, ist mit voraussichtlich 29 Prozent der Stimmen ebenfalls heimischer Wahlgewinner.

Dänemark: Einen deutlichen Rechtsruck gab es auch in Dänemark, wo die rechtspopulistische Dänische Volkspartei 26,6 Prozent der Stimmen und damit den Wahlsieg holte. Die Rechtspopulisten lagen vor den Sozialdemokraten von Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, die 20,2 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnten.

Mit Material von dpa.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes wurde der Main-Taunus-Kreis als "Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Wirtschaftskraft" bezeichnet. Wir haben den Fehler verbessert.