Das Buch von Ines Geipel über die Hintergründe des Erfurter Schulmassakers bricht viele Tabus.
Dresden - Wertvolle Minuten verrinnen im Gutenberg-Gymnasium am Vormittag des 26. April 2002. Das Sondereinsatzkommando steht bereit, aber der Befehl zum "schnellen Notzugriff" kommt nicht - während Opfer von Robert Steinhäuser um Hilfe rufen und verbluten.
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"Von außen die immergleiche Order: Warten! Keinerlei Handlung am Einsatzort!" beschreibt die Schriftstellerin Ines Geipel in ihrem umstrittenen Buch "Für heute reicht's" den Polizeieinsatz.
"Die Funkgeräte stehen auf Habacht, die Polizisten wollen agieren, doch die Einsatzleitung lässt nichts Koordinierendes von sich hören." Mit solcher Kritik, die von der Landesregierung lange tabuisiert wurde, hat sie dazu beigetragen, dass alle Umstände des Massakers noch einmal geprüft werden.
Dabei wirft Geipel in ihrem, zum Teil als Fiktion aus der Sicht einer erfundenen Ex-Schülerin namens Elsa geschriebenen Buch Fragen auf, die zum großen Teil schon gleich nach dem Massaker gestellt wurden, dann aber in Vergessenheit gerieten.
Die Autorin greift darüber hinaus Aspekte auf, die in keiner juristischen Kategorie zu fassen sind. So will sie genauer wissen, warum die Eltern des Täters dessen Entwicklung zum Massenmörder nicht wahrgenommen haben. Sie stellt Zusammenhänge zum Kollaps der DDR und der tiefen Identitätskrise vieler Ostdeutscher her.
Sie fragt nach der Überforderung von Eltern, die alles für die Fassade einer heilen Welt getan hätten, obwohl sie selbst Orientierung gesucht hätten. In Ostdeutschland, folgert Geipel und bezieht das auf den Täter, sei der Konflikt zwischen vielen Jugendlichen und ihren Eltern aufgrund jener beispiellosen historischen Desorientierung unüberbrückbar geworden.
Geipel kritisiert auch Bemühungen der Thüringer Regierung, nach dem Massaker sofort grundlegende Debatten abzuwürgen. Und sie stellt das Verhalten der Schulleiterin in Frage, die den Täter von der Schule verwies.
Den "juristisch unsubstantiierten Schulverweis" erklärt Geipel zur fatalen Schlüsselszene für den 26. April 2002. Dass die Autorin in Erfurt von Schülern und Lehrern des Gutenberg-Gymnasiums für ihr Buch heftig angefeindet wurde, liegt gewiss auch daran, dass sie einige berechtigte, aber tabuisierte Fragen aufgriff. Ihr Buch wird als unberechtigte Einmischung zurückgewiesen.
Aber Geipel hat die Kritik auch durch fehlendes Gespür im Umgang mit der Materie provoziert. Dazu zählt, dass sie den Tathergang so detailliert schildert, wie viele Angehörige es offenbar nicht gewollt hätten. Sie zitiert aus Polizeivernehmungen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren - und stellt aufgrund angeblich "schulinterner Aussagen" Behauptungen von ungeheurer Tragweite auf.
So schreibt sie zum Beispiel, dass zwei Tage vor dem Attentat ein Mitglied der Familie des Täters in der Schule angerufen haben soll, um zu warnen: Robert Steinhäuser plane in Kürze Schreckliches an der Schule. Anklagend formuliert die Autorin: "Doch der gewöhnliche Schulbetrieb läuft reibungslos weiter."
Hätte es diesen Anruf gegeben, müsste die gesamte Analyse des Attentats neu begonnen werden. Weitere Belege dafür sucht man in dem Buch vergeblich.
(SZ vom 3.3.2004)
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