Facebook-Seite der Bundesregierung Oben harmlose PR, unten tobt der Mob

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht Fotos mit Schülern.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Facebook-Seite der Regierung liefert perfekte Werbung statt der versprochenen Nähe zwischen Bürgern und Politik.
  • Aus vielen Kommentaren unter den Posts sprechen Politikverdrossenheit und Frust.
  • Das macht deutlich: Für echten Austausch zwischen großer Politik und einzelnem Menschen ist die Seite nicht der richtige Ort, denn er braucht Mittler - auch in Zeiten von Social Media.
Von Hannah Beitzer

"Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, noch mehr für Demenzkranke zu tun", sagt Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Die Antwort: "Noch mehr für Demenzkranke tun? Die Bundesregierung hat sich doch gerade erst die Diäten erhöht!" Ein Bericht erklärt die Arbeit von Dolmetschern der Bundesregierung. Darunter: "Ich könnte ein Buch darüber schreiben, was Ihr alles verbockt!" Unter einem Bild von Frühlingsblumen vor dem Bundeskanzleramt steht: "Ihr halbaffen jetzt löscht ihr auch Kommentare die euch nicht passen?" (sic!) Und unter einem Video, in dem Fußballprofis zu Toleranz aufrufen, weist nicht nur einer auf vermeintlich kriminelle Ausländer hin.

Seit gut einem Monat ist die Facebook-Seite der Bundesregierung online, etwa 60 000 Menschen haben bisher auf "Gefällt mir" geklickt. Die Hoffnung früher Netzeuphoriker, Social Media könne die Distanz zwischen Politik und Bürger überwinden, kann sie jedoch nicht erfüllen. Im Gegenteil. Doch warum ist das so?

Fäkal-Deutschland tobt sich aus

"Wir wollen Sie so nah wie möglich an die Arbeit der Bundesregierung bringen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in seiner Begrüßungsbotschaft. Er verspricht Dialog - und bedient damit eben jene Erwartung aus den Anfangstagen des Web 2.0. Seitdem gibt es dort kurze Videos von Kanzlerin Angela Merkel auf Auslandsbesuch, Ankündigungen wie die von Minister Gröhe, Hinweise auf den Live-Chat mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und hin und wieder einen netten Gruß des Social-Media-Teams, das die Diskussionen unter den Einträgen geduldig moderiert.

Das ist gar kein so leichter Job, denn dort geht es ganz schön zur Sache. Nutzer beschimpfen Merkel als Kriegstreiberin, unterstellen pauschal allen Politikern Geldgier oder hauen schlicht "Was soll die Scheiße?" in die Tastaturen. Und selbst aus den meisten Kommentaren, die nicht in Fäkalsprache abgleiten, sprechen Misstrauen und Politikverdrossenheit. "Zensur!", vermuten sie, wenn ein Kommentar nicht sofort erscheint, nachdem ihn einer der Wütenden getippt hat. Konstruktive Kritik oder gar lobende Beiträge? Gibt es. Doch lauter sind die Schlechtgelaunten, die die Stimmung weit unter das Maß des Erträglichen drücken.

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Selten fand das Pegida-Grundgefühl "Ihr da oben, wir da unten" eine so verstörende optische Entsprechung wie auf der Facebook-Seite der Bundesregierung. Oben, in den Postings, macht das Facebook-Team der Bundesregierung gemessen an den Regeln des Social-Media-Marketing einen guten Job. Beiträge und Videos sind hübsch anzusehen und prägnant. Die Mischung stimmt zwischen Politikerauftritten, Hintergrundinformationen und einfach mal einem netten Bild. Die Moderatoren sind freundlich und verfallen bei schlimmsten Pöbeleien höchstens mal in sanfte Ironie.

Unten, in den Kommentaren, hingegen ist es optisch wenig ansprechend, Frust, Rechtschreibfehler, Verachtung, Jammerei - die ganze Klaviatur der Politikverdrossenheit. Spaß macht das nicht, sich das durchzulesen.

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Die Seite verspricht Nähe und liefert PR

Warum fällt der Diskurs so auseinander? Zum einen ist es natürlich keine echte Nähe, die das Moderatorenteam auf der Facebook-Seite herstellt. Es liefert perfekte PR im Sinne des Auftraggebers: inhaltlich harmlos, optisch ansprechend.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Politik muss sich dem Bürger gegenüber erklären, sie darf für sich werben und tat es schon lange bevor es Social Media gab - auf Wahlplakaten und bei Schiffstaufen, in den Homestorys der alten Massenmedien. Heute gehört eine Facebook-Seite zum Werbeangebot dazu, allein, weil Politiker nach Amerika gucken, wo ohne Social-Media-Kampagne gar nichts mehr geht. In Deutschland kann Politik schon beeindrucken, wenn sie die gängigen Netz-Codes (Ironie! Blumenfotos! Wacklige Videos!) einigermaßen geschickt bedient und sich nicht von Trollen unterkriegen lässt.

Den meisten Besuchern der Seite dürfte das klar sein. Sie lesen sie als das, was sie ist: gut gemachte Öffentlichkeitsarbeit. Doch die Nutzer, die in der Erwartung dorthin kommen, von "der Politik" angehört und verstanden zu werden, können nur frustriert werden.