Extremisten-Vormarsch im Irak Bagdad wirft Saudi-Arabien Unterstützung der Isis-Kämpfer vor

Bewaffnete schiitische Iraker protestieren in Bagdad. Jetzt schicken die USA Soldaten in die irakische Hauptstadt, um US-amerikanische Einrichtungen und Bürger gegen Islamisten zu schützen.

(Foto: dpa)

Die irakische Regierung wirft Saudi-Arabien vor, die Isis-Rebellen zu finanzieren. Die Islamisten bringen unterdessen die Stadt Tal Afar im Nordirak unter ihre Kontrolle, die Armee kann sie nördlich von Bagdad zurückschlagen. Offenbar sammeln sich in Iran Tausende Frewillige, um den Vorstoß der sunnitischen Isis abzuwehren.

Die Entwicklungen im Newsblog
  • Die irakische Regierung wirft Saudi-Arabien die Unterstützung der Dschihadistengruppe Isis vor.
  • Gefechte zwischen Armee und islamistischen Isis-Kämpfern dauern an: Die strategisch wichtige Stadt Tal Afar im Norden fällt weitgehend an die Aufständischen.
  • Tausende iranische Freiwillige melden sich zum Kampf.
  • US-Präsident Barack Obama schickt Soldaten nach Bagdad.
  • USA und Iran sprechen in Wien über den Vormarsch der Isis im Irak.

Irak wirft Saudi-Arabien Finanzierung der Isis-Kämpfer vor

Die Regierung in Bagdad wirft Saudi-Arabien vor, die sunnitischen Dschihadisten im Irak zu unterstützen. Die Regierung in Riad finanziere die Kämpfer der Dschihadistengruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis), die in der vergangenen Woche weite Gebiete im Nordirak erobert hatten, erklärte Regierungschef Nuri al-Maliki in Bagdad. Damit sei Saudi-Arabien auch für die von Isis-Kämpfern begangenen Gräueltaten verantwortlich. Das sunnitische Königreich Saudi-Arabien und auch Katar hatten ihrerseits die "sektiererische Politik" der von Schiiten beherrschten irakischen Regierung gegen die Sunniten im Land für die Eskalation der Gewalt verantwortlich gemacht.

Isis-Rebellen kontrollieren Tal Afar

Die nordirakische Stadt Tal Afar ist nach Angaben eines Regierungsvertreters nach heftigen Kämpfen weitgehend an die Aufständischen gefallen. Die Stadt ist strategisch wichtig, weil sie auf dem Korridor nach Syrien liegt. Sie ist mehrheitlich schiitisch. Bei den Kämpfen seien Dutzende Kämpfer und Zivilisten getötet worden, sagt der Vize-Vorsitzende des Provinzrats von Ninive, Nuriddin Kabalan. Die Sicherheitskräfte halten nur noch wenige Teile der Stadt. Tal Afar liegt etwa 380 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad. Dagegen haben irakische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben einen Angriff der Rebellen auf die Stadt Bakuba - etwa 60 Kilometer nördlich von Bagdad - zurückgeschlagen. Die Dschihadisten scheiterten demnach mit der Befreiung führender Gesinnungsgenossen aus einem Gefängnis. Nach Angaben von irakischen Sicherheits- und Rettungskräften sind bei dem Angriff mindestens 44 Gefangene getötet worden. Bakuba ist die Hauptstadt der Provinz Diyala.

Experten schätzen die Stärke der extremistischen Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) auf etwa 10 000 Mann. Die weitaus größere irakische Armee hat am Wochenende eine Gegenoffensive begonnen, um mit Kurdenverbänden (Peschmerga) und Tausenden Freiwilligen unter anderem die nördliche Millionenmetropole Mossul zurückzuerobern.

5000 Iraner melden sich zum Kampf im Irak

Offenbar haben sich mehr als 5000 Iraner im Internet als Freiwillige zum Kampf im Nachbarland Irak gemeldet. Wie iranische Medien der Nachrichtenagentur AFP zufolge berichteten, folgten sie einem Aufruf der Organisation Volkshauptquartier zur Verteidigung schiitischer Heiligtümer gegen Angriffe sunnitischer Dschihadisten. Auf der Internetseite www.harimshia.org heißt es AFP zufolge, die in Einheiten zusammengefassten Freiwiligen warteten auf den Befehl von Irans geistlichem Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei zum Einsatz im Irak. Die iranische Bevölkerung gehört mehrheitlich der schiitischen Glaubensrichtung des Islam an. Teheran unterstützt die Regierung des irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Der Schiit verbrachte Jahre im iranischen Exil.

US-Soldaten nach Bagdad entsendet

Die USA schicken bis zu 275 Soldaten in den Irak. Das teilt US-Präsident Barack Obama in seiner Funktion als oberster Befehlshaber in einem Schreiben an den Kongress mit. "Diese Einheit wird im Irak bleiben, bis die Sicherheitslage es nicht länger erfordert", heißt es darin. Die Soldaten sollen in Bagdad US-Bürger und die Botschaft vor islamistischen Extremisten beschützen. Die Truppe sei für den Kampf gerüstet. Wie Pentagon-Sprecher John Kirby mitteilt, haben 170 der Soldaten Bagdad bereits am Wochenende erreicht. Zudem entsendet Washington zusätzlich zum Flugzeugträger USS George H. W. Bush das Kriegsschiff USS Mesa Verde in den Persischen Golf. Es ist für amphibische Einsätze konzipiert und trägt nach Militärangaben senkrecht startendes Flugzeuge vom Typ MV-22 Osprey.

Auch nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak vor zweieinhalb Jahre sind 200 bis 300 US-Soldaten in dem Land verblieben, um amerikanische Einrichtungen zu schützen. Durch die Entsendung der Soldaten wird die Präsenz der USA im Irak verdoppelt

Direkte Gespräche zwischen USA und Iran

Vertreter der USA und Irans haben sich erstmals zu direkten Gesprächen über die Krise im Irak getroffen. Abgesandte hätten am Rande der Atomverhandlungen in Wien kurz über den Vormarsch der Islamistenmiliz Isis geredet, sagt ein hochrangiger Vertreter des US-Außenamtes. Der schiitische Iran befürchtet eine Machtübernahme im Irak durch die radikalen Sunniten der Isis. Washington sei bereit, sich sowohl mit Teheran als auch mit anderen Mächten in der Region über das Vorgehen gegen die Isis-Kämpfer abzustimmen, sagt der Vertreter des US-Außenamtes. Eine militärische Zusammenarbeit mit Iran werde es aber nicht geben. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bestätigt die Besprechung in Wien. "Ja, wir haben auch die Brutalitäten der Isis im Irak besprochen", so Sarif gegenüber iranischen Medien.

London kündigt Wiedereröffnung der britischen Botschaft in Iran an

Auch die britische Regierung nähert sich Iran an: Großbritannien will seine Botschaft in Teheran wiedereröffnen. Die Bedingungen für den Schritt seien gegeben, erklärt der britische Außenminister William Hague in einem Schreiben an das Parlament. Es seien allerdings noch "eine Reihe praktischer Fragen" zu klären, bevor der Schritt tatsächlich erfolgen könne. Hague verweist dabei darauf, dass Iran "ein wichtiges Land in einer unsteten Region" sei. London hat im November 2011 die Beziehungen zu Iran abgebrochen.

UN rufen irakische Regierung zum Dialog mit Sunniten auf

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert die von Schiiten geführte Regierung im Irak zum Dialog mit den Sunniten auf. Die Missachtung von Menschenrechten bilde den Nährboden für Extremismus und Terrorismus, sagt Ban gerichtet an Ministerpräsident Nuri al-Malaiki. Er hoffe, dass es mit Hilfe der Länder in der Region und der internationalen Gemeinschaft gelingen werde, die irakische Regierung bei der Wiederherstellung von Frieden und Stabilität zu unterstützen. Die Menschenrechtskommissarin der UN, Navi Pillay, wirft den Irak-Rebellen Kriegsverbrechen vor. Sie spricht von Massenhinrichtungen. Kämpfer, die mit Isis verbündet seien, hätten höchstwahrscheinlich Hunderte nicht am Kampf beteiligte Männer ermordet, sagt Pillay.

Kurdischer Regierungschef schlägt Autonomieregion für Sunniten vor

Der Regierungschef der kurdischen Provinzen im Nordirak schlägt Autonomieregionen für sunnitische Muslime vor. Der kurdische Ministerpräsident Nechirvan Barsani sagte der britischen BBC in einem Video, der beste Weg aus der Krise wäre die Einrichtung einer eigenständigen Sunnitenregion - ähnlich der autonomen kurdischen Gebiete. Dem schiitischen Premierminister der Zentralregierung, Nuri al-Maliki, warf er vor, die Sunniten mit seiner Politik systematisch ausgeschlossen zu haben. "Es gibt im Moment kein Vertrauen", betonte er. Die Kurden im Irak konnten mit der US-Invasion 2003 eine Autonomieregion im Norden des Landes errichten. Viele von ihnen leben aber auch in den irakischen Städten Mossul und Kirkuk südlich der Grenze. Als diese Städte nun von irakischen Soldaten verlassen und von Isis-Kämpfern bedroht wurden, stieß die kurdische Peschmerga-Armee in das Vakuum vor.

Türkei verhängt Nachrichtensperre wegen Isis-Geiseln

Türkische Medien dürfen nicht mehr über die entführten Landsleute im Nordirak berichten. Ein Gericht in Ankara habe eine entsprechende Sperre verhängt, teilt die türkische Rundfunkaufsicht RTÜK mit. Dies sei nötig, um die Sicherheit der Geiseln nicht zu gefährden. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wirft der Opposition und regierungskritischen Medien vor, das Thema für politische Zwecke ausbeuten zu wollen und so Menschenleben zu gefährden. Isis-Kämpfer haben vergangene Woche in der nordirakischen Stadt Mossul etwa 80 Türken verschleppt, darunter den türkischen Konsul und ein acht Monate altes Baby. Zudem befinden sich rund 30 türkische Lastwagenfahrer in der Gewalt der Extremisten.

Größte Öl-Raffinerie des Landes geschlossen

Die größte Ölraffinerie des Irak in Baidschi ist nach Angaben von Mitarbeitern geschlossen worden. Alle Ausländer seien aus der Anlage gebracht worden, berichten die Mitarbeiter. Iraker seien weiter in der Raffinerie, die auch noch unter Kontrolle der Regierungstruppen sei. Die islamistische Extremistengruppe Isis war vergangene Woche auf Baidschi vorgerückt und hatte Stellungen außerhalb der Raffinerie bezogen. Auch die Firma Siemens hat ihre ausländischen Mitarbeiter aus Baidschi herausgeholt. "Alle deutschen Mitarbeiter, die in dem Kraftwerk in Baidschi festsaßen, sind inzwischen in Sicherheit", bestätigt eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes einen Bericht von Spiegel Online. Demzufolge handelte es sich um 50 ausländische Siemens-Mitarbeiter, darunter acht Deutsche. Die deutschen Behörden hätten befürchtet, dass die Siemens-Mitarbeiter von den islamistischen Rebellen als Geiseln genommen werden.

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