Expertise zu norwegischem Attentäter "Breivik ist kein Neonazi"

Anders Behring Breiviks Weltbild lässt sich nur schwer einordnen. Der deutsche Verfassungsschutz ist zu dem Schluss gekommen, dass er kein Neonazi ist. Ein christlich-fundamentalistischer Hintergrund wäre denkbar - doch noch ist unklar, ob es die angeblich 2002 gegründete Tempelritter-Vereinigung, auf die sich Breivik beruft, je gegeben hat.

Von Hans Leyendecker

Das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hält den mutmaßlichen Massenmörder Anders Breivik nicht für einen Neonazi. Das geht aus einer Expertise des BfV heraus, die Mitte dieser Woche an andere deutsche Sicherheitsbehörden verschickt wurde.

Dem rund zehn Seiten umfassenden Schriftstück zugrunde ist die ideologische Position von Breivik nach den bisher üblichen Maßstäben eher unklar und diffus. Da er sich in seinem rund 1500 Seiten dicken Manifest als Feind der Nazis ausgegeben habe und auch nicht kritisch zu Israel sei, entspreche er nicht den üblichen Kriterien eines Neonazis.

Die Behörde stuft ihn als anti-islamischen, fremdenfeindlichen Einzeltäter ein. Auf einen möglichen christlich-fundamentalistischen Hintergrund deutet nach Ansicht der Behörde der Umstand hin, dass er sich als angebliches Mitglied einer angeblichen Vereinigung der Tempelritter bezeichne. Es sei aber derzeit völlig unklar, ob diese Vereinigung, die Breiviks Angaben zufolge 2002 in London gegründet worden sein soll, je existiert habe.

Die Reaktion in der rechtsextremen Szene auf den Attentäter fällt nach Feststellungen des BfV und mehrerer Landesämter für Verfassungsschutz eher distanziert aus. Die meisten rechtsextremen Fanatiker haben, Berichten von Verfassungsschützern zufolge, distanziert auf den Massenmord reagiert.

Nur wenige haben offenkundig die Tat begrüßt: "Trotz allem HEIL und DANK BREIVIK! Der Wille ist da" schmierte beispielsweise ein rechter Fanatiker in einem anonymen Internet-Forum der Ultra-Rechten. Bei den Toten handele es sich um "erlegte Multikulti-Kosmosolzen", krakeelte ein anderer Rechtsaußen.

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat am Donnerstag die anderen deutschen Sicherheitsbehörden, darunter auch den Bundesnachrichtendienst, in einer Expertenrunde über die bisherigen Erkenntnisse zum Fall Breivik informiert. Es gibt demnach weiterhin keinen Hinweis darauf, dass der 32-jährige Attentäter vor der Tat ernsthafte Kontakte nach Deutschland gehabt haben könnte.

Zwar hatte Breivik nach Zählungen der norwegischen Behörden am vergangenen Freitag rund 2000 Personen und Organisationen in Europa sein 1500-Seiten-Pamphlet geschickt, aber viele der Adressen sollen falsch gewesen sein oder es soll sich um Dopplungen handeln. Von den rund achtzig deutschen Adressen, soll etwa die Hälfte doppelt oder falsch gewesen sein, weil der Attentäter die E-Mail-Adressen aus verschiedenen Netzen kopiert haben soll.