Experten über Bin Laden Detroit - "ein Fiasko" für Terrornetzwerk

Es sollte die Fortsetzung des 11. September sein. Doch Experten sehen den vereitelten Anschlag eher als Beleg für die Schwäche al-Qaidas.

Von H. Leyendecker

Einen Monat nach dem vereitelten Flugzeuganschlag von Detroit hat sich angeblich der Anführer der Terrorholding al-Qaida, Osama bin Laden, zu der Attacke bekannt und den USA mit neuen Angriffen gedroht.

Osama bin Laden, dpa

Das Archivfoto von 2000 zeigt Osama bin Laden. Er soll sich nun zum vereitelten Flugzeuganschlag von Detroit bekannt haben.

(Foto: Foto: dpa)

In einer Audiobotschaft, die der arabische Fernsehsender al-Dschasira am Sonntag ausstrahlte, soll bin Laden zu hören sein. Die Stimme wandte er sich direkt an den amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Die versuchte Sprengung der Maschine sei eine Fortsetzung der Anschläge vom 11. September 2001 gewesen: "Amerika wird nie davon träumen können, in Frieden zu leben, solange wir es nicht in Palästina können", sagte die Stimme.

Die bislang letzte bin Laden zugeordnete Terrorbotschaft stammt vom vergangenen September. Er hatte damals auch mit Anschlägen in Deutschland gedroht.

Vollkommen intakt und weltweit aktiv

Fast alle diese Botschaften enthalten Anspielungen auf aktuelle Ereignisse und sollen offenkundig belegen, dass der Terrorführer noch am Leben ist und die Kontrolle über die von ihm 1988 gegründete Organisation hat. Eine al-Qaida zugerechnete Gruppierung im Jemen hatte sich bereits im Dezember zu dem Anschlagsversuch bekannt.

Ob bin Laden die Kontrolle wirklich noch ausüben kann und ob er tatsächlich der Drahtzieher des Anschlagsversuchs von Detroit war, ist unter Experten umstritten. Es gibt in den europäischen Nachrichtendiensten zwei Lager: Die Traditionalisten erklären, das Netzwerk sei vollkommen intakt und weltweit aktiv.

Die Terrortruppe sei nicht auf der Flucht, sondern auf dem Vormarsch. Bin Laden unterstütze lokale Ableger, lasse diesen aber auch Spielraum für eigene Aktionen. Auch schicke die im pakistanischen Grenzgebiet vermutete Qaida Spezialisten in andere Länder wie in den Jemen, um Anschläge vorzubereiten. Neben bin Laden und Sawahiri spiele auch der afghanische Al-Qaida-Chef, der unter dem Namen Scheich Saeed bekannt ist, eine große Rolle.

Es gibt aber in den Diensten mittlerweile Analytiker, die meinen, die Terrortruppe sei in den vergangenen Jahren schwächer geworden und habe auch in der muslimischen Welt an Rückhalt verloren. Im einst monolithischen Block gebe es Risse, weil selbst prominente ehemalige Terroristen wie der unter seinem Kriegsnamen bekannte Dr. Fadl mit bin Laden gebrochen hätten.

Die als gescheitert eingestuften Länder Jemen und Somalia seien die wichtigsten verbliebenen Stützpunkte der Terroristen. Bin Laden und seine engsten Gefolgsleute seien damit beschäftigt, zu überleben. Der Verfolgungsdruck auf ihn sei größer geworden.

"Eigentlich ein Fiasko"

Bin Ladens erneuter Hinweis auf die angebliche Fortsetzung des 11. September zeige "das Problem", erklärt ein Experte der Dienste. Der Massenmord von New York sei "fast perfekt organisiert und eindeutig auch von bin Laden befohlen worden".

Der gescheiterte Anschlag von Detroit sei "eigentlich ein Fiasko" für die Terrorbande gewesen. Der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der vergeblich versucht hatte, die Maschine zu sprengen, sei ein Einzeltäter gewesen. Fluggäste konnten ihn überwältigen. Offenbar habe er auch Fehler gemacht: "Gewehre, der übliche Sprengstoff sind nicht die ganz große Gefahr".

Wenn ein "dänischer Karikaturist von einem Gotteskrieger mit dem Beil bedroht wird, ist das einerseits ein Beleg für die weiterhin drohende Gefahr, andererseits: Ein Angriff mit einem Beil wirkt archaisch". Von der schmutzigen Atombombe beispielsweise sei die Bande augenscheinlich "und glücklicherweise weit entfernt". Stattdessen veröffentliche sie im Internet Anweisungen zum Bombenbasteln mit einfachsten Mitteln.

Der letzte Anschlag in Europa, dem in London 52 Menschen zum Opfer fielen, liege mittlerweile schon fast fünf Jahre zurück. Es gebe keinen "Grund für Entwarnung, aber schon gar keinen für Hysterie".