Ex-Bundeskanzler Schröder wirft Cameron "größtmögliches Politikversagen" vor

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. (Archivbild)

(Foto: dpa)
  • Bei einem Vortrag der Industrie- und Handelskammer in München referiert Gerhard Schröder zum Thema "America First".
  • Er resümiert, dass sich die europäischen Länder nur in einer starken Union gegen die Weltmächte USA und China behaupten können.
  • Von einer Politik der Ausgrenzung, wie es der US-Präsident Donald Trump zu betreiben scheint, hält Schröder wenig.
Von Christian Gschwendtner

Am Ende seiner Rede lässt es sich Gerhard Schröder nicht nehmen, noch einmal in Richtung Amerika zu sticheln. Er berichtet davon, wie man ihn neulich zu einem Vortrag nach New York eingeladen hat. Er beauftragte sein Büro damit, ein Visum zu besorgen. Doch daraus wurde nichts.

Der Grund: Die Amerikaner wollten, dass der Altbundeskanzler persönlich im Konsulat vorspricht - und dort erklärt, um was es bei seinem Vortrag gehen soll, Schröder war zuvor auch in Iran gewesen. Doch er wollte da nicht mitmachen, sagt Schröder, und blieb lieber zu Hause. Heute erzählt er die Anekdote gerne, weil sie sein Verhältnis zu Amerika recht gut beschreibt.

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Die Industrie- und Handelskammer hat ihn anlässlich des Europatages am Dienstagabend nach München eingeladen. Schröder soll über "Amerika First" referieren, Amerika zuerst, den Leitspruch von US-Präsident Donald Trump. Vor allem aber: welche neuen Herausforderungen sich daraus für Europa ergeben.

Schröder: "Eine Politik der Isolation darf nicht unser Weg sein"

Man merkt Schröder an, dass er die Rolle des Elder Statesman genüsslich angenommen hat. Er konzentriert sich auf die ganz großen Fragen der Politik, spricht von "geostrategischen Verschiebungen". Das heißt bei ihm: Die europäischen Länder können sich nur in einer starken Union gegen die Weltmächte USA und China behaupten. Deshalb sollen die Europäer auch beim Brexit hart bleiben. Schröder jedenfalls will verhindern, dass andere Länder auf ähnliche Gedanken kommen.

Deshalb müsse aus Brüsseler Sicht auch das Motto der Austrittsverhandlungen lauten: "We want our money back" - wir wollen unser Geld zurück, die Briten sollen zahlen. Dem britischen Ex-Premier David Cameron wirft der deutsche Altkanzler "größtmögliches Politikversagen" vor. Mit dem Referendum habe er die Existenz Großbritanniens aufs Spiel gesetzt.

Mit Donald Trump hält sich Schröder sich nicht allzu lange auf. Nur so viel: "Eine Politik der Ausgrenzung und Isolation darf nicht unser Weg sein." Uns, das sind in seinem Fall vor allem Deutschland und Frankreich, die nach dem Brexit als Duo in Europa vorangehen müssen. Der Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich sei dafür ein "historisches Zeitfenster", sagt Schröder. Zusammen mit Frankreich will der frühere Kanzler die EU umbauen, ohne dafür neue Verträge zu schließen. Man müsse den Nationalstaaten lediglich mehr Freiheit bei den alltäglichen Dingen lassen.

Seine Meinung zur Zusammenarbeit mit Despoten

Der Basta-Politiker bricht erst nach dem Vortrag aus ihm heraus, als das Publikum Fragen stellt. Da nimmt Schröder seine Brille ab und sagt: "Lassen Sie das Altbundeskanzler, es hat sich ausgekanzlert". Volker Kauders Aussage, in Europa spreche man wieder deutsch, nennt er einen "törichten Satz" und fordert mehr Geld für Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Auch mit Despoten wie Recep Tayyip Erdoğan müsse man weiter zusammenarbeiten, sagt Schröder. Dass die Türkei womöglich die Todesstrafe wiedereinführen könnte, ändere daran überhaupt nichts.

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