Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Sanftmut statt Streitkultur: Der Evangelischen Kirchentag in Bremen war fromm und kulturell interessiert - aber etwas mehr Zorn hätte ihm gutgetan.

Der Bibeltext, aus dem das Leitwort des Bremer Kirchentages stammt, ist eine peinliche Geschichte. Die Schlange, die, wie es in der Kirchentags-Übersetzung heißt, "weniger an", aber "mehr drauf" hatte als alle Tiere, hat Eva dazu gebracht, vom Baum der Erkenntnis zu pflücken. Adam hat mitgegessen, ohne groß nachzudenken. Nun ist ihre Unschuld dahin; Gott fragt Adam: "Wo bist du, Mensch?" Und der tritt zögernd hervor. Er schämt sich, weil er nackt ist. Er kann jetzt Gut und Böse unterscheiden, zumindest glaubt er das, doch ein besserer Mensch ist er nicht geworden. Er hat das Paradies verloren, die Mühsal des selbstbestimmten Lebens wartet auf ihn. Adam und Eva, zwei Gefallene, gehen hinaus in die Welt.

"Na gut, hier bin ich": Menschenmassen auf dem Kirchentag in Bremen. (© Foto:)

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Das Leitwort passte besser zum Christentreffen in der Wirtschafts- und Gesellschaftskrise, als es die Veranstalter bei der Auswahl ahnen konnten. Es ist die Zeit, in der Paradiesträume platzen, die Menschen verunsichert, sich Kräften ausgeliefert sehen, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Sie möchten sich verstecken wie Adam und Eva, oder sich verdrücken, wie Jona, der Ninive die Umkehr predigen soll und vor dem Auftrag Gottes aufs Schiff nach irgendwohin flieht. Und dann kratzen einige doch ihr bisschen Mut zusammen und sagen: Na gut, hier bin ich.

Der Kirchentag war das Treffen dieser Menschen, die zögernd sagen: Na gut, hier bin ich. Er übte sich nicht so sehr in Kapitalismus- und Globalisierungskritik. Er behandelte die Politiker aller Parteien freundlich, zu unkritisch. Er war fromm und kulturell interessiert, die größte Veranstaltung war das Konzert der A-capella-Gruppe "Wise Guys". Er vermied den Streit, egal, ob es um Politik ging, um Ökumene oder den interreligiösen Dialog. Manche Veranstaltung hat nachdenklich gemacht. Aber etwas mehr Streit wäre notwendig gewesen, weil produktiver Streit die Dinge weiterbringt. Daniele Garrone aus Rom, der Abschlussprediger der kleinen waldensischen Kirche, hat dem Kirchentag am Ende Sanftmut und Selbstbescheidung empfohlen. Es gab Zeiten, da lebte der Kirchentag vom heiligen, gerne auch überschießenden Zorn auf das, was er als ungerecht empfand.

Aber warum soll das Treffen mehr sein als der Spiegel einer Gesellschaft, der die Utopien abhanden gekommen sind? In dieser Gesellschaft sind aber jene gefragt, die, unvollkommen, nackt und sündig hinterm Busch hervorkommen und sagen: Na gut, hier bin ich. Und dann im Schweiße des Angesichts ihr Gärtlein beackern, damit die Welt ein bisschen besser wird. Sie hat der Kirchentag versammelt, ihnen hat er Mut gemacht, den Glauben gestärkt, dass sie, die Gefallenen, Gottes einzigartige Geschöpfe sind. Das ist nicht die große Zeitansage, aber auch nicht wenig. Dass die versammelten Christen die Dauerbeschallung durch Posaunenchöre und Sacropop-Gruppen für eine Ahnung vom Paradies halten, möge man ihnen da verzeihen.

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(SZ vom 25.05.2009/woja)