"Euthanasie"-Morde der Nazis Der kalkulierte Tod

"...der Gnadentod gewährt werden kann": Direkte Anweisung von Nazi-Diktator Adolf Hitlers zur Euthanasie. Reichsleiter Philipp Bouhler, Chef des Euthanasieprogrammes, und Dr. Karl Brandt wurden ermächtigt, psychisch Kranke zu liquidieren.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Vor 75 Jahren begann der NS-Massenmord an psychisch Kranken und Behinderten. Das Münchner NS-Dokumentationszentrum dokumentiert nun, wie perfide die Nazis die Verbrechen verschleierten - und wie Ärzte mit "Hungerkost" hilflose Menschen umbrachten.

Von Jakob Wetzel

Die Mutter der kleinen Elisabeth war verzweifelt. "Sie werden doch kein Mädel aus Ihrer Anstalt geben, ohne zu wissen, wo sie hinkommt", schrieb die Frau am 11. August 1941 an Valentin Faltlhauser, den Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Unbedingt wolle Sie wissen, wo ihre Tochter sei. "Auf meine Verantwortung nehmen Sie das Mädel wieder in Ihre Anstalt zurück, ich werde mein Kind wieder besuchen", beschwor sie den Nervenarzt.

Sie habe erst am Vortag aufbrechen wollen, um nach Elisabeth zu sehen - als die Nachricht kam, das Mädchen sei an einen unbekannten Ort verlegt worden. Die Mutter ahnte wohl, dass sie ihre Tochter nie wiedersehen würde. Nachdem sie den Brief bereits unterschrieben hatte, ergänzte sie sechs Zeilen. Sie schrieb: Die Familie sei in der Lage, die Tochter zu begraben, sollte ihr "etwas passieren".

8000 Kinder wurden ermordet

Die kleine Elisabeth war krank; und sie bezahlte ihr Leiden mit dem Leben. Sie war eine von etwa 300 000 psychisch Kranken oder Behinderten, die während des Zweiten Weltkriegs unter dem Regime der Nationalsozialisten als "lebensunwert" ermordet wurden - hauptsächlich, um das Geld für die Pflege zu sparen.

Mehr als 70 000 Kranke starben durch Gas, die übrigen durch überdosierte Medikamente, an Vernachlässigung oder an Hunger. Allein etwa 8000 Opfer waren Kinder. "Euthanasie" nannten die Nationalsozialisten ihren Massenmord: den "guten Tod".

In München bemüht sich eine Arbeitsgruppe darum, die Erinnerung an die Ermordeten wachzuhalten. Im Auftrag des NS-Dokumentationszentrums schreiben der Psychiater Michael von Cranach und die Historiker Sibylle von Tiedemann, Annette Eberle und Gerrit Hohendorf an einem Gedenkbuch, das die Namen der etwa 2000 Münchner Opfer enthalten soll.

An diesem Sonntag, 18. Januar, lädt die Gruppe zur Gedenk- und Informationsveranstaltung in den Gasteig; Beginn ist um 18 Uhr. Vier Angehörige werden dort die Lebensgeschichten ihrer getöteten Verwandten erzählen. Er hoffe, dass darüber hinaus weitere Angehörige kommen, sagt von Cranach: Denn in vielen Familien sei das Schicksal der Ermordeten noch immer tabuisiert. Der Abend solle Mut machen, nachzuforschen und die Lücken im Stammbaum zu schließen.

Ein Denkmal im Isar-Amper-Klinikum in Haar erinnert an die ermordeten Patienten.

(Foto: Claus Schunk)

Ebenfalls am Sonntag will auch das Isar-Amper-Klinikum München-Ost, die Nachfolge-Klinik der früheren Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, der Ermordeten gedenken. Um 10 Uhr beginnt ein ökumenischer Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Raphael des Klinikums. Um 11 Uhr folgt ein jüdisches Gebet am Gedenkstein auf dem Klinikgelände. Gäste sind willkommen; eine Anmeldung ist nicht nötig.

Der Zeitpunkt des Gedenkens ist bewusst gewählt: Es ist der Jahrestag des ersten Transports in den Tod. Vor 75 Jahren, am 18. Januar 1940, brachte ein Bus 25 männliche Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Grafeneck, knapp 50 Kilometer westlich von Ulm.

Der Transport war ein Probelauf; später wurden die Patienten mit Zügen vom Münchner Osten zu den Gaskammern in Grafeneck oder in Schloss Hartheim bei Linz gebracht.

Für die "Aktion T4", benannt nach dem Verwaltungssitz in der Berliner Tiergartenstraße 4, wurden im Reichsgebiet insgesamt sechs Tötungsanstalten eingerichtet. In Eglfing-Haar wurde für die Transporte ein Gleisnetz reaktiviert, das ursprünglich für die Beförderung von Kohle errichtet worden war. Die frühere Gleishalle existiert noch heute.