Europawahl AfD setzt auf Lucke und Henkel

Platz eins (links) und zwei (rechts) auf den Listen für die Europawahl: AfD-Chef Lucke und Unternehmer Henkel.

Mit "Mut zu Deutschland" will Spitzenkandidat Bernd Lucke seine AfD ins Europaparlament führen. Ein deutliches Zeichen an die großen Parteien - und an die Wertkonservativen in den eigenen Reihen. Auf Listenplatz zwei landet ein altbekannter Unternehmer.

Von Kathrin Haimerl, Aschaffenburg

Von den bisherigen Grabenkämpfen ist vorerst nichts zu spüren: Auf dem Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) ist Bernd Lucke zum Spitzenkandidaten für die Europawahl gekürt worden. Mit klarer Mehrheit - 261 Ja- und 26-Nein-Stimmen - haben die Delegierten den Parteichef auf den ersten Listenplatz gewählt. Er hatte keinen Gegenkandidaten.

Auf dem zweiten Platz landete wie geplant Hans-Olaf Henkel. Der frühere Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) setzte sich mit 248 von 318 Delegiertenstimmen gegen einen weiteren Bewerber durch. Nach Henkels Wahl war Spitzenkandidat Lucke sofort an seiner Seite, gratulierte und lächelte gemeinsam mit der neuen Nummer zwei in die Kameras. Ein Bürge für die Seriosität der wirtschafts- und währungspolitischen Vorstellungen der AfD, trat Henkel erst vor kurzem der Partei bei und war wegen seines rasanten Aufstiegs nicht unumstritten.

Es ist ein wichtiger Parteitag für die AfD, die 2014 zum Schicksalsjahr erkoren hat. Sie hofft darauf, bei der Europawahl ins Parlament einzuziehen. Denn bei der Wahl am 25. Mai gilt nur eine Drei-Prozent-Hürde, in Umfragen liegt die Partei derzeit bei drei bis vier Prozent.

Zuvor hatte Lucke das Motto bekannt gegeben, mit dem die AfD in den Europawahlkampf ziehen will. Lucke wirft es an die Leinwand: "Mut zu D EU tschland" steht da auf blauem Untergrund, das "EU" umrandet von gelben Sternen. Die Delegierten können sich nicht mehr auf den Plätzen halten, es gibt stehende Ovationen für den Slogan; nur einzelne Delegierte bleiben sitzen, ihre Gesichter sind nachdenklich.

Im wertkonservativen Flügel der Partei dürfte dies als klares Signal verstanden werden. Zwar weist Lucke das im Gespräch mit Süddeutsche.de zurück. Der Applaus habe gezeigt, "dass das Motto von der ganzen Partei getragen wird". Er habe die Parole gewählt, weil; "Ich glaube, dass es richtig ist, sich für die Interessen Deutschlands einzusetzen". Des provokativen Potentials des neuen Slogans ist sich Lucke allerdings sehr wohl bewusst und nimmt das auch gern in Kauf. In seiner Rede sagt er: "Mit dieser politischen Botschaft werden wir im Europawahlkampf den heftigsten Anfeindungen ausgesetzt sein."

Parteichef Lucke spielt sein übliches Spiel, und das sehr geschickt: Die Euro-Kritik in seiner Rede ist fundiert und gut begründet, auf dem Parteitag in Aschaffenburg zeigt er sich in Hochform. Er trägt ein graues Sakko, eine rotgestreifte Krawatte und einen AfD-Anstecker am Revers. Von Anspannung keine Spur. Im Gegenteil: Lucke gibt sich kampfeslustig, reißt Witze auf Kosten von CSU-Chef Horst Seehofer, von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der SPD. Zu Merkel: "Die SPD stellt den Wirtschaftsminister, die Umweltministerin, die Familienminister, die Bundeskanzlerin ..." Gelächter. "Ach nein, stimmt nicht. Das merkt man bei Merkel nicht immer, aber ich glaube, sie ist für die CDU gewählt worden."

Enttäuschte Konservative

Das gefällt den enttäuschen Konservativen, die wie Lucke aus der CDU ausgetreten sind, weil deren Politik ihnen zu sozialdemokratisch geworden ist. Sie klatschen, jubeln. Luckes Rede ist klug, witzig und wortgewandt, die Delegierten sind begeistert. Der Applaus am Ende ist lang und laut.

In seiner Rede setzt Lucke auf klare Abgrenzung zu den anderen Parteien: Die AfD wolle bei der Europawahl zeigen, "dass es Alternativen gibt zur Schmalspurpolitik der Altparteien". Auch das stößt bei den Delegierten auf große Zustimmung. Er stilisiert seine Partei zum "kleinen AfD-David", der dem "großen, starken Altparteien-Goliath" zumindest den "ein oder anderen schmerzlichen Denkzettel verpassen" könne.

Hinter den Kulissen toben seit Monaten ideologische Grabenkämpfe, Chaosparteitag folgte auf Chaosparteitag, ein Landesverband stand plötzlich ohne Parteivorstand da. Es geht um die Ausrichtung der Partei zwischen wertkonservativ, wirtschaftsliberal bis hin zu offen rechtspopulistisch. Auch an diesem Samstag treten die Grabenkämpfe zutage: Ein Delegierter kritisierte Lucke dafür, dass er auf europäischer Ebene ein Bündnis mit Rechtspopulisten wie Le Pen und Geert Wilders ausgeschlossen hat. Er hätte es bevorzugt, wenn Lucke diese Frage offen gelassen hätte, sagt der Delegierte: "An der Basis haben wir sehr große Sympathien für Herrn Nigel Farage."

Doch Lucke weist den Einwand zurück. Der britische EU-Skeptiker und seine Partei Ukip könnten nicht der erste Ansprechpartner sein. Ihn störten an der Ukip zwei Dinge: Ihre EU-Kritik und ihre Äußerungen zur Zuwanderungsproblematik. "Die schlagen einen Tonfall an, der mir nicht behagt, der ist aufputschend und birgt die Gefahr, dass Menschen aufgewiegelt werden." Das Thema Zuwanderung müsse mit besonderem Fingerspitzengefühl behandelt werden, sagt Lucke.

Kritiker dürften da wohl einwenden, dass der AfD selbst ebendieses Fingerspitzengefühl bisweilen fehlt. Am Nachmittag hat denn auch ein Aktionsbündnis eine Demonstration gegen den Parteitag angemeldet - gegen nationalistische Eurokritik und Rechtspopulismus. Die Frankenstolz-Arena, wo die Partei ihren Kongress abhält, ist in der Nacht mit Parolen beschmiert worden. "Scheiß Nazis" stand an den Fenstern. Übrigens war es eine Frau aus Kenia, die dafür gesorgt hat, dass die AfD pünktlich zu Beginn des Parteitags wieder saubere Fenster hatte.