Flüchtlinge aus Nordafrika Europas falsche Angst

Eine Invasion aus Nordafrika drohe, warnen Politiker aus ganz Europa angesichts von 25.000 Flüchtlingen. Wissenschaftler verweisen auf das arme Tunesien, das 160.000 Flüchtlinge schultert - und entlarven die Flüchtlingspolitik der EU.

Von Inga Rahmsdorf

Europa ist in Aufruhr. Italiens Präsident Silvio Berlusconi bezeichnet die Flüchtlinge aus Nordafrika als "menschlichen Tsunami". Frankreich und Deutschland lehnen es ab, ihnen Visa auszustellen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann will wieder Grenzkontrollen einführen. Europas Politiker reden, als drohe dem Kontinent eine Invasion.

Mahdi Mabrouk versteht das nicht. Dabei kennt der Migrationswissenschaftler die Situation der Flüchtlinge in Tunesien und Europa gut. Der Soziologieprofessor an der Universität von Tunis beschäftigt sich schon seit 20 Jahren mit Migrationspolitik. "Die Zahl von 25.000 Menschen ist lächerlich klein, wenn man sie auf ganz Europa verteilen würde", sagt Mabrouk.

Um seine These zu untermauern, verweist der Wissenschaftler auf die Zahl der Flüchtlinge, die in der vergangenen Woche nach Tunesien gekommen sind: mehr als 160.000 Menschen sollen es sein, bis zu 15.000 Menschen täglich erreichten Tunesien in der ersten Woche der libyschen Proteste. "Tunesien hat seine Grenzen trotzdem nicht dicht gemacht." Tunesien sei im Umbruch, die Regierung nicht stabil und die wirtschaftliche Lage schwierig - "doch die tunesische Zivilgesellschaft und die Übergangsregierung setzen sich trotzallem für die Flüchtlinge ein", sagt Mabrouk.

Die EU-Staaten dagegen streiten sich, sind nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen und die Aufgaben gerecht zu verteilen. Eine gemeinsame EU Flüchtlingspolitik gibt es nicht. Einigkeit herrscht allein bei der Sicherung der Grenzen. Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich erklärte nun großzügig, Deutschland werde 100 Flüchtlinge aus Malta aufnehmen - 100 Menschen bei einem Land mit 80 Millionen Einwohnern.

"Es ist eine Illusion zu denken, dass man Migration nach Europa stoppen könnte", sagt Wissenschaftler Mabrouk. Europa solle nicht vergessen, dass weltweit mehr als zwei Drittel aller Flüchtlinge in wirtschaftlich armen Ländern leben und nicht in den USA oder Europa.

Mabrouk war einer der Migrationsexperten, den das Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Goethe-Institut und Menschenrechtsorganisationen zu einer internationalen Konferenz über die europäische Flüchtlingspolitik nach Berlin eingeladen hatte. Bei der Debatte wurde deutlich, dass die EU dringend eine neue Flüchtlingspolitik braucht und eine grundsätzlich neue Haltung gegenüber Migration entwickeln muss.

Die Diktatoren Nordafrikas waren verlässliche Partner der europäischen Abschottungspolitik. Seit Beginn der politischen Aufstände im Januar versagen jedoch vielerorts die Kontrollen an den Küsten, die Zahl der Flüchtlinge im Mittelmeerraum steigt.

Warum aber fliehen die jungen Menschen ausgerechnet jetzt, wenn gerade in ihrem Land eine Demokratie entsteht? Innenminister Friedrich sagte in einem ARD-Interview, es handle sich um "Wirtschaftsflüchtlinge, von denen viele in Tunesien gebraucht werden". Daher müsse es im Interesse der nordafrikanischen Länder sein, die Menschen bei sich zu behalten.

"Jede Maßnahme Europas, Flüchtlinge wieder zurückzuschicken ist ein Schlag gegen die Revolution in der arabischen Welt", sagt dagegen der Migrationswissenschaftler Mabrouk. "Es gab zwei zentrale Gründe für die Revolution - die Unterdrückung und die Arbeitslosigkeit. Die neue Regierung kann aber nicht über Nacht alle Probleme lösen. Und jeder junge Mensch, der eine Chance sieht, sein Leben zu verbessern, ergreift sie." Die Gefahr eines Braindrain sieht Mabrouk dabei nicht. "Wir haben 28 Prozent Arbeitslosigkeit, vier Fünftel der Hochschulabsolventen haben keinen Job. Wenn einige von ihnen nach Europa gehen und dort Arbeit suchen, unterstützen sie damit sogar die tunesische Revolution." Wenn dagegen die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen in Tunesien anhalte oder sich noch verstärke, könne das sogar die Demokratiebewegung gefährden. "Das Geld, das Tunesier, die im Ausland arbeiten, nach Hause schicken, ist eine ganz wichtige Einnahmequelle für unser Land", sagt er.