Europa hat sich den Spiegel vorgehalten, und was es sieht, muss alle ernüchtern. Die Union muss jetzt ihre Verfassung beschließen, oder sie versinkt in der Krise.
Rom und Berlin. Zwei europäische Hauptstädte mit großer, wenn auch nicht immer glorioser Vergangenheit. Am Tiber brach Europa vor fünfzig Jahren endgültig auf, sich zu vereinigen. An der Spree feierte die Europäische Union jetzt Geburtstag.
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Der Jubiläumsfeier zum Trotz: Europa stehen schwere Aufgaben stehen bevor, das weiß auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. (© Foto: dpa)
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Weil an solchen Tagen selbst nationale Kleingeister empfänglich sein könnten für große Ziele, schien das eine gute Gelegenheit, der vor sich hinkriselnden Gemeinschaft einen neuen Schub zu geben.
Aber: Der erhoffte Aufbruch blieb aus und in die Historiographie Europas wird die Berliner Feier nur als Fußnote mit etwa folgendem Inhalt eingehen: Deutschland hat sich bemüht, aber es hat nicht gelangt.
Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel unter großen Mühen mit den Regierungen der anderen EU-Länder ausgehandelte "Berliner Erklärung" ist dennoch kein wertloser Fetzen Papier.
Im Gegenteil handelt es sich um ein Dokument großer Ehrlichkeit. Europa hat sich den Spiegel vorgehalten, und was es sieht, muss alle ernüchtern, die nach der großen Erweiterung nun auf die politische Vertiefung hofften.
Bedauernswerter Zustand
Die Erweiterung hat der Vertiefung den Garaus gemacht. Polen und Tschechien, aber auch der alte Querlieger Großbritannien verweigern sich der Idee der Integration, die in Rom und lange danach das Gemeingut aller Mitglieder der Union war.
Wenn es wochenlanger Verhandlungen bedarf, den Euro in der Berliner Erklärung als Erfolg erwähnen zu dürfen, wenn das europäische Sozialmodell schwer verklausuliert werden muss, wenn die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik nur bei sehr gutem Interpretationswillen in der Erklärung zu entdecken ist, dann ist Europa in einem bedauernswerten Zustand.
Natürlich ist es ein Erfolg für Merkel, dass die anderen sich auf das Jahr 2009 für den Abschluss der Reformen haben verpflichten lassen. Aber welcher Reformen? Sollte der Heilige Geist der europapolitischen Vernunft nicht doch noch in alle Staats- und Regierungschefs der EU fahren, dann wird es nur eine Minireform geben, um die Geschäftsstelle in Brüssel am Laufen zu halten. Das ist auch wichtig, aber das reicht bei weitem nicht.
Es ist eine Binse, dass die europäischen Staaten die Probleme der Moderne nur gemeinsam bewältigen können. Dafür jedoch brauchen sie mehr europäische Politik und nicht weniger.
Ausgerechnet Wladimir Putin war es, der die Europäer in einem Gruß zum 50-Jährigen an die Bedeutung ihres Unterfangens für eine multipolare Welt erinnerte. Und an noch etwas erinnerte der Gruß aus Moskau: Die ausgestreckte Hand Russlands kann nur eine EU ergreifen, die mit einer außenpolitischen Stimme spricht und die sich ihr Verhältnis zum großen Nachbarn nicht von den Ressentiments der Vergangenheit bestimmen lässt.
In einer Welt, die sich rasant verändert, in der neue Mächte aufsteigen, in der die alte Macht Russland wieder an Stärke gewinnt und in der die Supermacht USA sich selbst beschädigt, in dieser Welt können die Europäer es sich nicht leisten, immer erst dann gemeinsam zu handeln, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Der klügste Satz in der bemerkenswert mutigen Festrede Angela Merkels hieß: "Die Welt wartet nicht auf Europa." Wer also mitgestalten will in der Welt, der muss über seinen langen nationalen Schatten springen.
Der Kanzlerin bleiben noch drei Monate Zeit, die Partner davon zu überzeugen, dass Souveränitätsverzicht meist auch Machtgewinn bedeutet. Dann muss sie einen Vorschlag für die Reform machen. Dabei reicht es nicht, nur Termine für Konferenzen zu verabreden.
Die Berliner Erklärung offenbart, wie weit der Weg noch zu einer Verfassung ist, so wie sie der Konvent einst beschlossen hat. Wie auch immer das Reformwerk heißt: Wenn es nicht aus der Substanz des ursprünglich verabredeten Verfassungsvertrags besteht, dann gleitet Europa aus einer akuten in eine chronische Krise.
Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 26.03.2007)
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Politiker und ihre Pannen
Ach, die EU. In 50 Jahren ist es nicht gelungen, irischen Fischer und griechische Bauern einander naeher zu bringen, die deutsch-polnischen Beziehungen sind so angespannt wie seit Jahrzehnten nicht, und Schotten und Englaender hassen sich wie eh und je. Glaubt eigentlich im Ernst jemand, dass italienische Bauern sich ernsthaft fuer, sagen wir mal, belgische Justizprobleme interessieren?
Machen wir uns doch nichts vor: Die EU ist und bleibt ein kuenstliches Gebilde, erschaffen am Gruenen Tisch der Politik. Natuerlich zusammengewachsen ist da nichts, oder herzlich wenig.
Die Oeffnung der Grenzen, angenehm, ja, sicher. Im Reiseverkehrt. Fuer diejenigen, die keinen Dreck am Stecken haben. Andererseits: Fuer alle die Dreck am Stecken haben, ist die fehlende Kontrollinstanz an der Grenze eine Einladung sich auf Kosten anderer breit zu machen. Jeder moege sich selbst seinen Teil dazu denken.
Der Euro - bringt denjenigen, die ihn eingefuehrt haben, keinen einzigen Vorteil. Im Gegenteil - die Teuerungsrate war gigantisch, und nach wie vor muessen deutsche Unternehmen, die vom Export leben, ihre in Dollar erwirtschafteten Umsaetze teuer bezahlen; naemlich mit Euro, mit denen sie zu Hause die Kosten decken muessen.
Quo vadis, EU? Bin ich der Einzige hier, oder gibt es auch noch andere, die sich fragen: Waere es wirklich so falsch die D-Mark wieder zu holen? Waere es wirklich so falsch die Grenzen wieder zu bewachen? Muessen wir uns wirklich alles von der EU Gesetzgebung in Bruessel vorschreiben lassen? Reicht es denn nicht, wenn wir es bei den bestehenden Zollunionen belassen? Haben wir nichts aus dem Airbus Debakel gelernt? Welchen Vorteil, bitteschoen, sollen diese Gemeinschaftsprojekte ueber Sprach-,Kultur- und Ausbildungsgrenzen haben?
Austausch ist wichtig. Toleranz ist wichtig. Miteinander ist wichtig. Aber genauso wichtig ist doch, dass man nicht vergisst, wo man herkommt. Gilt das gar nichts mehr?
Soso, jetzt also Verfassung beschließen oder in der Krise versinken. Die EU am Scheideweg, vor der Schicksalsfrage. Die Vertiefung in der Erweiterung ausgelöscht. Bedauernswerter Zustand.
Interessanterweise liefert der Kommentar kein einziges konkretes Argument zur Untermauerung dieser Behauptungen. Stattdessen kommt zum Beispiel dies:
"Es ist eine Binse, dass die europäischen Staaten die
Probleme der Moderne nur gemeinsam bewältigen können.
Dafür jedoch brauchen sie mehr europäische Politik und
nicht weniger." (Zitat aus dem Kommentar)
Pardon, aber das ist keine Binse, sondern eine Phrase. Gut, immerhin so hohl wie eine Binse. Insofern passt das schon. Was spricht dagegen, die Probleme der Moderne (welche auch immer hier gemeint sein mögen) zum Beispiel ohne Rumänien und Bulgarien zu lösen? Oder ohne Polen und Tschechien?
"Der Kanzlerin bleiben noch drei Monate Zeit, die
Partner davon zu überzeugen, dass Souveränitätsverzicht
meist auch Machtgewinn bedeutet." (Zitat aus dem Kommentar)
Wie bitte? Souveränitätsverzicht soll Machtgewinn bedeuten? In dieser Konstellation? Das ist doch nichts weiter als ein Trick zur Schwächung Kerneuropas. Kerneuropa, das bedeutet in erster Linie Frankreich und Deutschland. So ist es nun mal, ob das den kleineren Ländern nun passt oder nicht. Für wen arbeitet Frau Merkel, wenn Sie diesen komischen Karren zieht?
Polen, Tschechien, Großbritannien nicht integrationswillig. Exakt. Die wollen einfach nicht. Sehen wir es doch mal, wie es ist. Diese Länder tun immer, was Washington will. Werden Quälgeister, Nörgler und Querulanten bleiben. Genau so ist es doch geplant. Genau das ist doch der Sinn der Sache.
Meint ernsthaft jemand, eine handlungsfähige EU wäre im Interesse Washingtons? Strategische Projekte wie der Euro oder Airbus wären den USA willkommen? Eine militärische Autonomie der EU würde man in Übersee gutheißen?
Mitnichten. Die EU ist für Washington nur der Brückenkopf in Eurasien. Sie soll bloß nicht zu gut funktionieren. Deshalb sollte damals "der alte Querlieger Großbritannien" dazu. Und ob die EU mit der Osterweiterung im eigenen Interesse gehandelt hat? Man denke an den Irak-Krieg und die Zweiteilung in altes und neues Europa. Handlungsfähigkeit stelle ich mir anders vor. Die EU hat sich mit der Osterweiterung gründlich ins Knie geschossen. Keine Verfassung wird dieses Problem lösen.
Diejenigen, die jetzt mit einem erstaunlichen Maß an Geschichtsblindheit und Ignoranz sagen "Also ich brauch' Europa nicht..." oder "Mehrheit zugunsten der Minderheit" wären vielleicht - hätte es den europäischen Einigungsgedanken nicht gegeben - auf irgendeinem Schlachtfeld noch eines weiteren Krieges gestorben. Aber wie will man einem, der alle Vorteile dieser Einigung schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, erklären, wie es hätte sein können? Wie kann man jemandem, der auf seine eigene Uninformiertheit auch noch stolz ist, so etwas nahebringen? Vielleicht sollten diese Herrschaften aber mal ehrlich (vor sich selbst) bewerten, in welchen der 1950 übrigen Jahre sie gerne gelebt hätten. Vielleicht im 30-jährigen Krieg? Die Tragödie ist, dass unsere Politiker auch nicht besser sind und Europa mit erstaulicher Böswilligkeit zu Tode erweitern.
wäre ein Merkel-Satz gewesen: Jawohl, wir haben die Ablehnung verstanden und werden nun auch das dumme deutsche Volk um seine Meinung bitten. Art.20 GG ermöglicht das schließlich.Es kam aber nur wieder die übliche Phrasendreschrei, das hohle Pathos einer Gemeinsamkeit, die von der Mehrheit zugunsten der Minderheit gezahlt werden muß.
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