Der Lissabon-Vertrag ist etwas für EU-Mechaniker - der Bürger steht davor wie ein Ochs vorm Berg.
Nun also ist Europa wieder näher an die Bürger herangerückt. Aber die Bürger haben nichts davon gemerkt - nicht einmal die, die auf der Tribüne des Bundestags saßen: Sie haben zwar Angela Merkel von dem Heranrücken reden hören, das sich mit dem Vertrag von Lissabon einstellen soll.
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Europa wird in Berlin künftig noch wichtiger. Die Bürger verstehen dennoch nicht mehr. (© Foto: AP)
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Auch Kurt Beck hat in einer schön weitgespannten historischen Rede betont, dass dieses Europa für die Menschen da sein müsse - und nun auch tatsächlich für sie da sei. Wo aber stehen diese Tatsachen in diesem Vertrag von Lissabon? Mit welchen Artikeln kann man den Menschen zeigen, dass Europa ihre Schutzgemeinschaft ist? Kein Redner hat es versucht; es ist auch kein leichtes Unterfangen.
Die Bürger wollen eine Europäische Union, die ihnen die Angst vor Arbeitslosigkeit und vor Billigkonkurrenz mildert. Aber das ist nicht das Herzensanliegen des neuen EU-Vertrages. Es ist überhaupt schwer, das Herz darin zu finden: Der Vertrag von Lissabon ist eine Betriebsanweisung für das neue, ost-erweiterte Europa.
Er ersetzt die gescheiterte Europäische Verfassung des Jahres 2005; beim Vertrag von Lissabon handelt es sich um deren veränderte, noch weniger leicht lesbare Neuauflage. Es ist dies ein bürokratisches Vertragswerk ohne historische Aura, obwohl es sich um einen Vertrag von historischer Bedeutung handelt.
Der Bürger hält diesen Vertrag in der Hand wie die holprige Bauanleitung für einen Küchenmixer aus Hongkong. Man muss viel Liebe zu Europa haben, wenn man dabei ins Schwärmen kommen soll. Vielleicht gelingt das den EU-Eliten, die an Brüsseler Texte gewöhnt sind; das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Eliten eilt dem der normalen Bürger weit voraus.
Aber dieses nüchterne und sperrige Konvolut namens Vertrag von Lissabon ist vielleicht ein ehrlicheres Papier, als es eine golden eingebundene Verfassung wäre. Es ist ein Abbild des real existierenden Europa, es entspricht dem Stand des europäischen Bewusstseins und es regelt das technisch Notwendige. Das ist nicht wenig, aber eine Basis für europäische Träume ist das natürlich nicht. Aber diese großen Träume sind so oft geträumt und so oft (und manchmal grausam) zerstört worden, dass es vielleicht besser ist, nicht so aufzutrumpfen.
Die EU ist auch dann ein weltgeschichtliches Projekt, wenn die Verträge, die dieses Projekt gestalten, davon kaum etwas spüren lassen. Einem Vertrag verzeiht man die Defizite auch eher als einer Verfassung - und Defizite hat diese Minderverfassung, die Vertrag von Lissabon heißt, viele: Von den rechtsstaatlichen und demokratischen Standards, die etwa die Deutschen aus ihrer Bundesrepublik gewohnt sind, ist auch die Union nach Lissabon noch weit entfernt. Aber Verträge wie dieser haben den Vorteil, dass sie nicht in Stein gehauen sind.
Der soeben im Bundestag genehmigte EU-Vertrag ist kein großer Wurf, er wird aber auch nicht der letzte sein. Es steckt also darin die Hoffnung auf mehr.
- EU-Debatte: Beck kontra Merkel Der Todesblick des Jägers 24.04.2008
- Vertrag von Lissabon Bundestag stimmt EU-Vertrag zu 24.04.2008
- Dänemark Parlament stimmt EU-Reformvertrag zu 24.04.2008
- EU-Reformvertrag Gauweiler kündigt Verfassungsklage an 24.04.2008
- Bundestagsdebatte über EU-Vertrag "Die Phase der Lähmung muss vorbei sein" 24.04.2008
(SZ vom 25.04.2008/woja)
"The Substance" im Kino
In seiner Persönlichen Erklärung im Bundestag hat Peter Gauweiler die zusätzlichen Anforderungen definiert, die den Vertrag von Lissabon kompatibel mit dem Grundgesetz machen würden. Ebenso die Punkte, die ihn gegen den Vertrag haben stimmen lassen, siehe http://www.peter-gauweiler.de/pdf/ErklaerungVertragvonLissabon.pdf .
Man kann es kaum fassen, dass
1. diese Argumente nicht öffentlich und intensiv diskutiert werden;
2. die große Mehrheit der Abgeordneten sie ignoriert haben - skandalös schon die Abstimmung über ein Gesetz mit hunderten unverständlicher Verweise;
3. das Ausmass der Ignoranz, das offensichtlich die große Mehrheit der Abgeordneten so handeln läßt;
4. das Ausmass der Ignoranz bei den Presseorganen;
5. das Ausmass der Ignoranz der Bundesregierung gegenüber dem Lösungsvorschlag Gauweilers, der zugleich europafreundlich ist und eine Gesichtswahrung ermöglicht.
Ja, und genauso wird der Bürger auch behandelt. Wir erleben das Ende der Demokratie in Europa.
zu finden - ja, auch Ihre ausführungen sind nicht ohne.
Aber ich wiederhole: es fehlt eine Offizielle deutsche konsolidierte Fassung. Selbst dann ist es imer noch ein Ungetüm, sogar nur rein formal schon.
Der von mir nicht gerade hofierte CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler, eines der wenigen Mitglieder der Union, der hoffentlich wie angekündigt, mit Nein gestimmt hat, sagte: Dann geht die Staatsgewalt nicht mehr, wie das Grundgesetz es fordert, vom Volke aus, sondern von der EU. Doch das ist nicht alles. Ohne dass es in den Lissabonner Verträgen aufgeführt ist steht nach der Ratifizierung, EU-Recht zwingend über dem Recht der Mitgliedstaaten. So der Juristische Dienst am 22. Juni 2007!
Wissen die 90% der Bundestagsabgeordneten was sie da getan haben?
So ist es halt mit der Gesetzgebung im Bundestag. Vor lauter Juristen kennen sich diese am Schluss selbst nicht mehr aus, was diese auch zugeben und nach einer Vereinfachung des Rechts schreien. Deshalb brauchen wir keine weiteres "Recht" das über das Grundgesetz gestülpt wird. Zu viele Artikel, dieses durchaus guten Grundgesetzes, sind wie durch Nebengesetze ausgehöhlt, dass wir nicht noch ein weitere Verunreinigung durch ein weiteres Gesetz brauchen können, das sogar die Grundfesten der Bundesrepublik angreift.
Das Machtwerk ist im Internet unter consilium.europa.eu/igcpdf/de/07/cg00/cg00001-re01.de07.pdf zu finden.
Europa ist sicherheitspolitisch ein Bund von Einzelstaaten, ökonomisch suprationational. Die Akzeptanz der Bürger fehlt, was durch dieses Dokument nicht geändert wird...
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