Von Cerstin Gammelin

Auf Konfrontationskurs: Während Angela Merkel niedrigere Steuern ablehnt, empfiehlt die EU-Kommission nach SZ-Informationen, Bürger und Unternehmen rasch zu entlasten. Das passt der Kanzlerin nicht ins Konzept.

Um Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten, empfiehlt die EU-Kommission den Mitgliedsländern, die Steuern massiv zu senken und die Staatsausgaben zu steigern. Sie geht damit auf Konfrontationskurs zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Merkel lehnt niedrigere Steuern ab, ebenso weigert sie sich, mehr Geld für das geplante EU-Konjunkturprogramm auszugeben.

Angela Merkel, ap

Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnt niedrigere Steuern ab - und bekommt Gegenwind aus Brüssel (© Foto: AP)

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EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso will an diesem Mittwoch einen "Europäischen Plan für Wachstum und Arbeitsplätze" vorstellen. Er soll einen Rahmen schaffen, in dem die europäischen Staaten ihre nationalen Konjunkturpakete koordinieren können.

In dem Entwurf, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, empfiehlt Brüssel den EU-Staaten "umfangreiche steuerliche Anreize", um die drohende Rezession zu bremsen. "Vorübergehende Senkungen der Mehrwertsteuer könnten schnell eingeführt werden, um einen starken fiskalischen Impuls zu schaffen, der den Konsum stützt", heißt es.

Die EU-Länder sollten Anfang 2009 beschließen, für "arbeitsintensive Dienstleistungen" ermäßigte Mehrwertsteuersätze zu erheben und "die Einkommenssteuer für Geringverdiener zu reduzieren, um deren Beschäftigung zu sichern".

Mit diesen Vorschlägen stellt sich Barroso gegen Merkel. Die Kanzlerin lehnt niedrigere Steuern für Dienstleistungen ab. Auch die Einkommensteuer solle jetzt nicht sinken. Merkel will im Bundestagswahlkampf mit einer Steuerreform werben.

Auch lehnt Berlin es ab, die Mehrwertsteuer befristet zu senken, wie es Großbritannien beabsichtigt. Merkel hatte in den vergangenen Tagen ihre Haltung mehrmals deutlich gemacht, zuletzt bei einem Treffen mit EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy am Montag.

Sie lehnte auch dessen Forderung ab, aus den vergleichsweise gut gefüllten deutschen Kassen mehr Geld nach Brüssel zu überweisen. Deutschland werde "nicht mehr als die bereits beschlossenen Impulse von 32 Milliarden Euro ausgeben", sagte sie.

Ein hoher Beamter in Brüssel bestätigte, der europäische Plan sei "unter den Mitgliedsstaaten umstritten". Es werde gerungen, wie die Finanzlasten verteilt werden sollten. Noch am Dienstagabend fehlte in dem Kommissionsentwurf die Zahl, wie groß das europäische Hilfspaket insgesamt werden soll.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hatte von 130 Milliarden Euro gesprochen. Das wäre ein Prozent des in Europa erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukts. Die osteuropäischen Länder wollen kleinere Pakete schnüren.

Frankreich dringt auf mehr Geld. Der "Löwenanteil" werde über nationale Konjunkturpakete finanziert, sagte ein Beamter. Deutschland, Großbritannien und Spanien haben diese bereits beschlossen.

Die EU-Kommission empfiehlt, Unternehmen oder Branchen für zwei Jahre mit öffentlichem Geld zu unterstützen. Die Kriterien des Stabilitäts- und Wachstumspaktes müssten aber eingehalten werden. Staatshilfen müssten "schnell, zielgerichtet, zeitlich begrenzt und koordiniert" erfolgen. Spätestens von 2010 an sollen die Länder wieder Schulden abbauen und ausgeglichene Etats anstreben.

Als Beitrag zum Konjunkturpaket will Brüssel Fördergelder aus europäischen Fonds vorzeitig nutzbar machen und mehr zinsgünstige Kredite über die Europäische Investitionsbank ausgeben. Die EU-Kommission warnt vor Nichtstun: Ohne "korrigierende Aktionen" könne die EU in eine "tiefe und längerdauernde Rezession" geraten. Die jüngste Vorhersage zeichne ein "schwarzes Bild". Europaweit seien 2,7 Millionen Arbeitsplätze bedroht.

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(SZ vom 26.11.2008/bica)