Von Cornelia Bolesch und Roland Preuß

Im Sommer, wenn das Meer ruhig ist, versuchen besonders viele Flüchtlinge aus dem Süden nach Europa zu gelangen. Die EU reagiert mit Abschreckung und Angeboten.

Am 6. Juni waren es zehn Flüchtlinge, die vor der libyschen Küste ertranken, 27 konnten sizilianische Fischer noch lebend aus dem Wasser ziehen. Einen Tag später legte ein überfülltes Schiff in Nordafrika ab und kenterte eine Stunde später. Zwei Überlebende berichteten von mehr als 150 Toten. Mehr Glück hatten 26 Afrikaner vergangenen Freitag vor Malta: Ihr Boot sank, doch sie konnten sich an riesige Thunfischkäfige im Meer klammern, bis ein italienisches Boot sie rettete.

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In immer kleineren und gefährlicheren Booten versuchen afrikanische Flüchtlinge, Europa zu erreichen. (© Foto: dpa)

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70 afrikanische Flüchtlinge stürmten in der Nacht zum Sonntag die spanische Exklave Melilla. Das Leid an Europas Südgrenze ist längst Normalität geworden. Vor allem Menschen aus Afrika, dem Irak, Pakistan und Bangladesh versuchen über das Mittelmeer Armut oder Verfolgung zu entkommen. Tausende haben in den vergangenen Jahren den Tod gefunden.

Aufgreifen, auch vor dem Ertrinken retten

Immer öfter treffen die Flüchtlinge dabei auf Beamte von Frontex. Die Agentur mit Sitz in Warschau koordiniert den Schutz der EU-Außengrenzen. Sie überwacht die Routen der Flüchtlinge, die nach Europa gelangen wollen. Frontex führt drei Einsätze im Mittelmeer: "Hera" kontrolliert die Flüchtlingsroute aus Westafrika zu den Kanarischen Inseln.

"Nautilus" beobachtet die Strecke von Nordafrika nach Malta und Lampedusa. "Poseidon" überwacht die Route aus der Türkei nach Griechenland und Bulgarien. Frontex-Direktor Ilkka Laitinnen macht sich über die Vergeblichkeit seines Tuns keine Illusionen: "Wir sind am Mittelmeer, aber auch an den anderen Grenzen mit einem fortdauernden Einwanderungsdruck konfrontiert."

Vor allem im Mittelmeer zeichnen sich Licht und Schatten der Frontex-Operationen ab. Seit die Agentur vor den Küsten Südeuropas Schiffe und Hubschrauber aus den Beständen der EU-Länder dirigiert, gibt es zwar seltener dramatische Bilder wie 2006 und 2007, als Tausende Flüchtlinge auf seeuntüchtigen Booten die Kanarischen Inseln, Malta und das italienische Lampedusa ansteuerten und viele ertranken. Mit Hilfe von Frontex werden jetzt zahlreiche der Verzweifelten aufgegriffen und auch vor dem Ertrinken gerettet, angeblich 53.000 allein in den vergangenen zwei Jahren.

Dennoch wächst die Kritik am Frontex-Einsatz der EU. Die Küstenwache fängt die Flüchtlingsboote nämlich oft weit vor den europäischen Hoheitsgewässern ab und bringt sie, wenn immer das möglich ist, in die afrikanischen Herkunftshäfen zurück.

Immer kleinere und gefährlichere Boote

Dabei jedoch, kritisieren Flüchtlingsorganisationen, werde nicht geprüft, ob sich an Deck schutzbedürftige Menschen befinden, die Anrecht auf Asyl in Europa hätten. "Die Flüchtlinge müssen deshalb in einen sicheren, europäischen Hafen gebracht werden", fordert der FDP-Politiker Max Stadler. Er hat sich dem Aufruf "Stoppt das Sterben" der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl angeschlossen, in dem solche Frontex-Einsätze scharf verurteilt werden.

Die Kritik der Flüchtlingsorganisationen betrifft auch die Grenzüberwachung selbst: Dadurch, dass die typischen Routen wie jene über Gibraltar oder nach Lampedusa immer stärker überwacht werden, nutzten die Flüchtlinge und ihre Schlepper immer kleinere und damit gefährlichere Boote und immer weitere, ungewöhnlichere Strecken, um nicht entdeckt zu werden. So werden inzwischen vermehrt illegal Eingewanderte in Sardinien aufgegriffen, das viel weiter von der afrikanischen Küste entfernt ist als etwa Lampedusa.

Auf Kritik der Menschenrechtsgruppen reagierte Frontex-Direktor Laitinnen, indem er eine enge Kooperation mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) einging. Die UN-Einrichtung soll Frontex helfen, auch jenseits der europäischen Küstengewässer auf die Schutzrechte der Migranten zu achten. Laitinnen hofft mit dieser Vereinbarung noch mehr als mit den üblichen Mitteln erreichen zu können. "Grenzschutz", bekräftigt er, "ist nicht die Lösung des Problems."

Zusammenarbeit armer Herkunftsländer und reicher Zielregionen

Vor diesem Hintergrund haben die Innenminister der EU auch zwei Verträge unterzeichnet, die für die Union etwas Neues, fast Revolutionäres, in Gang bringen könnten: Es geht um Mobilitäts-Partnerschaften. Hinter dem ungewöhnlichen Titel verbirgt sich ein Projekt, mit denen die EU das Übel der Armutswanderung an der Wurzel packen will. Die Union will verhindern, dass Arme aus ihren Heimatländern fliehen, als "Illegale" nach Europa kommen und von dort wieder in ihre Heimat abgeschoben werden, nur um gleich wieder nach der ersten Möglichkeit Ausschau zu halten, ihr Land Richtung Europa zu verlassen.

Die Kapverdischen Inseln in Westafrika gehören zu den ersten Länder, die bei dem Projekt mitmachen. Die Idee hinter den Kooperationen ist einfach: Arme Herkunftsländer und reiche Zielregionen müssen zusammenarbeiten. Im Zentrum steht die Bereitschaft der beteiligten EU-Länder Menschen von den Kapverdischen Inseln legale Arbeitsplätze in Europa anzubieten. Im Gegenzug müssten sich die Kapverden verpflichten, Landsleute, die sich illegal in Europa aufhalten, wieder zurückzunehmen und die eigenen Grenzen zu sichern. 2009 will die Kommission eine erste Bilanz dieser Initiative ziehen. Dann wird man vielleicht wissen, ob es gelingen kann, die Flucht nach Norden zu stoppen.

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(SZ vom 23.6.2008/ihe)