Europa-Rede von Gauck Herausforderung für die Euroskeptiker

Muss ein Bundespräsident eine Betriebsanleitung für eine runderneuerte Europamaschine liefern? Natürlich nicht. Zwar waren Gaucks Worte vielleicht ein bisschen zu wenig euphorisch. Es ist keine "große" Rede geworden, die Rührung oder gar einen Ruck hätte bewirken können. Gut war sie trotzdem.

Von Daniel Brössler, Berlin

Bundespräsident Joachim Gauck hat eine Europarede gehalten, die viele Erwartungen nicht erfüllt hat. Es ist keine "große" Rede geworden, die Rührung oder gar einen Ruck hätte bewirken können. Es ist keine Rede geworden, die der Europäischen Union nun endlich eine Richtung weisen würde. Trotzdem war es eine gute Rede. Gemessen an Erwartungen jedenfalls, die erfüllbar sind. Auch so hing die Latte schon hoch - von Gauck dort selbst platziert, als er die Kanzlerin ermahnt hatte, Europa besser zu erklären.

Diesem Anspruch folgend hat Gauck keine wegweisende, aber doch eine erklärende Rede gehalten. Ihm ging es darum, das grau gewordene europäische Haus auszuleuchten. Nicht in bunten Farben, sondern hell. Ausgehend vom Unbehagen der Bürger und der Krise der Union, lenkte er den Blick auf die Fundamente, auf die einigenden Werte von Frieden und Freiheit über Demokratie und Rechtsstaat bis zu Gleichheit und Solidarität. Und darauf, dass auch solche Werte Identität stiften.

Gaucks Europa-Rede im Wortlaut "Vertrauen erneuern - Verbindlichkeit stärken"

Innere Vereinheitlichung und Großbritannien soll bleiben: Bundespräsident Gauck skizziert in einer Grundsatzrede im Schloss Bellevue seine Vision von Europa.

Dabei ist Gauck gegen den zunehmend europaskeptischen Zeitgeist nicht angerannt. Er hat ihn geschickt herausgefordert. Zwar räumte er demütig ein, dass sein Ruf nach mehr Europa am Tage der Amtseinführung zu euphorisch geraten sein könnte. Damit sagte er allerdings nur, dass mit Euphorie allein dieser Ruf nicht erhört werden wird. Nein, der Bundespräsident hat keinen europäischen Bundesstaat entworfen, aber er hat die Verwirklichung einer europäischen Res publica angemahnt, einer europäischen Republik.

Leider hat Gauck ein bisschen der Mut verlassen

Er hat dabei auch dem Irrglauben widersprochen, der Nationalstaat sei der Europäischen Union auf geradezu natürliche Weise überlegen. Auch der Nationalstaat, daran hat Gauck erinnert, nahm im 19. Jahrhundert zunächst als Kunstgebilde Gestalt an. Die Union ist nicht deshalb schwach, weil sie einer Idee entspringt, sondern sie wird schwach bleiben, wenn ihr die Ideen ausgehen.

An dieser Stelle hat Gauck der Mut dann leider verlassen. Gewiss ist es nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten, die Betriebsanleitung für eine runderneuerte Europamaschine zu präsentieren. In seiner Forderung nach weiterer "innerer Vereinheitlichung" blieb er aber doch recht allgemein und offerierte Konkretes allenfalls dort, wo es darum geht, einer europäischen Öffentlichkeit Leben einzuhauchen, sei es durch einen europäischen Fernsehkanal oder die Förderung des Englischen als alleuropäische Zweitsprache.

Beherzt wirkte Gauck überdies interessanterweise, wann immer er sich an die anderen Europäer wandte: an die Briten mit der Bitte zu bleiben; an die Nachbarn mit dem Wunsch, an das europäische Deutschland zu glauben. Insgesamt hat Gauck eine dezidiert proeuropäische Rede gehalten, in der aus berechtigter Furcht vor zu viel Euphorie etwas zu wenig Gefühl steckte. Nach dieser Rede wachsen keine europäischen Bäume in den Himmel. Die Rede war eher dazu angetan, den Boden zu bereiten. Würde sie diesen Zweck erfüllen, wäre das nicht wenig.