Europa in der Krise Ein Monster, zu groß für die mutigsten Jäger

Europa steckt in der entscheidenden Phase der Schuldenkrise. Die Wahlen in Griechenland sind ein dramatischer Höhepunkt. Doch längst wächst die Einsicht, dass die Probleme unlösbar sein könnten. Ein Quantensprung wäre es, wenn Europa unter diesem Druck rasch den Weg in eine politische Union ginge. Doch die Neuerfindung der Gemeinschaft entsteht nicht über Nacht.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Eine düstere Stimmung hat sich über Europa gelegt. Vor der griechischen Wahl zeichnet sich ab, dass nun die letzte, entscheidende Phase in der Währungskrise begonnen hat. In drei Monaten sei das Schicksal Europas besiegelt, sagte die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. Sie steht nicht alleine mit ihrem Urteil.

Dabei ist es nicht nur die Griechenland-Wahl, die zu diesem kathartischen Augenblick geführt hat. Nachdem Spanien die Hilfe Europas beanspruchte, nachdem die italienische Depression nicht weichen will, nachdem der neue französische Präsident die ersten Tage im Amt für die falschen Signale nutzte, nachdem sich die deutsche Innenpolitik in lächerlichen Hakeleien über den Fiskalpakt ergeht - seitdem ist klar: Europa bringt möglicherweise die Kraft nicht mehr auf, das Monster vor seiner Tür zu verjagen.

Immer stärker wächst die Einsicht, dass dieses Monster möglicherweise zu groß geraten ist, derart groß, dass selbst die mutigsten Jäger es nicht zur Strecke bringen können - zu hoch die Schulden, zu gering das Wachstum, zu viel Verkrustung, zu stark das Leistungsgefälle zwischen Zentrum und Peripherie in Europa. Das Problem könnte also tatsächlich unlösbar sein.

Europa hat in den vergangenen zwei Jahren zwar eine veritable Waffe gegen die Krise entwickelt - und dennoch scheint sie zu schwach geraten zu sein. Unter Deutschlands Führung hat sich die Euro-Zone einer Mischung aus Spar- und Reformpolitik verschrieben, gleichzeitig haben die Regierungen, die Europäische Zentralbank und der IWF die Währungsunion mit Hilfe zweier gewaltiger Geldfonds vor dem Kollaps zu bewahren versucht. Jetzt wird ein großer Wachstumplan geschrieben.

Nun kann eine Bilanz gezogen werden: Griechenland, Portugal und Irland haben bereits die Fonds in Anspruch genommen, Spanien ist das neueste Mitglied im Klub. Nach allen ökonomischen Indikatoren wird die spanische Regierung die Hilfe nicht nur für den maroden Bankensektor erbitten, sondern sie braucht Unterstützung für die Finanzierung der Staatsgeschäfte insgesamt. Die Märkte wollen Madrid zu bezahlbaren Konditionen nicht mehr finanzieren. Damit wären die Rettungsfonds ausgeschöpft.

Verstetigen sich die Probleme in Italien, oder ergibt der Kassensturz in Frankreich gar eine finanzielle Schieflage von bisher unbekanntem Ausmaß, dann helfen keine Garantien mehr. Die Last wird höher sein als die Leistung, die etwa Deutschland noch erbringen kann. Dann werden die Länder aus dem Euro ausscheiden. Europas Währung zerbricht.

Dieses Szenario nun deutlicher vor Augen denn je zuvor, haben Europas Regierungschefs wenige Wochen Zeit, die Katastrophe abzuwenden. Für den Schicksalsgipfel in Brüssel Ende Juni stehen bereits mehrere Ideen auf der Tagesordnung, die in ihrer Kombination tatsächlich eine neue Qualität für die Euro-Rettung bringen könnten. Überzogene Hoffnungen aber sollte sich keiner machen. Zwar mag die Krise den Übergang von einer Utopie hin zur Realität beschleunigen, aber Wunder wurden in Europa in den letzten Jahrzehnten nicht gesichtet.

Der politische Quantensprung gelänge, wenn binnen Monaten eine Fiskalunion, eine Bankenunion und eine für beide Vorhaben zwingend nötige politische Union gebaut werden könnten. Übersetzung: Europa braucht einen Finanzminister, einen gemeinsamen Haushalt, ähnliche Renten- und Sozialsysteme, eine harmonisierte Steuerpolitik.