Europa im Jahr 2012 Euro-Rettung ohne Solidarität mit den Armen

Und nun also Weihnachten, es kommt noch ein Retter - einer, der ganz anders ist, der mit der geschilderten Rettungsroutine nichts zu tun hat, dem aber auch überaus routiniert, mit romantischer Routine, gehuldigt wird - mit einem Lied an Heiligabend, in dem es heißt: "Christ, der Retter ist da-ah!" Ein merkwürdiger Retter, es handelt sich um einen Säugling, der aber angeblich göttlich ist. Insignien der Macht gibt es bei ihm nur insofern, als seine Ankunft von Engeln gemeldet wird.

Das kann mit TV, Twitter und Nachrichtenagenturen mithalten: "Euch ist der Retter geboren", lautet die Botschaft, und sein Zeichen soll sein, dass er in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Retter? So nannten sich zur Zeit von Christi Geburt nur die Kaiser des römischen Weltreichs: "Soter tes oikumenes" auf Griechisch, Retter des Erdkreises. Windeln und Krippe als Embleme für sie - das war undenkbar; allein schon, beides in Verbindung zu bringen, war eine Provokation!

Einer der Ehrentitel des Augustus war "der Erhabene". Zum Erhabenen passen keine vollgeschissenen Windeln. Rettung im biblischen Sinn ist aber gerade nicht erhaben über das Volk; sie ist in Tuchfühlung mit den Nicht-Betuchten. Rettung soll daher, so wird verkündet, "den Menschen ein Wohlgefallen" sein. Von der Euro-Rettung kann man das nicht sagen.

In Europa werden nicht Menschen, sondern Machtgefüge gerettet

Die Euro-Rettung geschieht nicht in Solidarität mit den Nicht-Betuchten. Sie ist eine ver-rückte Rettung. Mit der Rettungssemantik wird suggeriert, es ginge um die Menschen. Gerettet werden aber Schuldverhältnisse, Finanzbeziehungen, Machtgefüge, Wirtschaftssysteme; sie sollen überleben. Ob und wie Menschen dabei überleben, ist sekundär. Bei den Nachrichten aus den EU-Südländern über die Folgen der Sparprogramme erinnert man sich an einen medizinischen Kalauer, der hier bittere Realität wird: Operation gelungen, Patient tot.

Weil in den Südländern die Währung, da sie ja jetzt gemeinschaftlich ist, nicht mehr abgewertet werden kann, werden die Beschäftigten abgewertet und die Nichtbeschäftigten ausgehungert - zum angeblichen Wohl des Großen, des Ganzen und der EU. Die Fluchtwege für das Finanzkapital aus den Südländern in die Schweiz und in sonstige Refugien werden dagegen nicht versperrt. Und in den nordeuropäischen Ländern verweigert man sich dem rettenden Schuldenerlass, will nicht teilen, nicht verstehen, dass das für alle, für ganz Europa, gut wäre.

Den meisten Griechen und Millionen von arbeitslosen Jugendlichen in den EU-Südländern ergeht es so wie Gustl Mollath, dessen Fall in Deutschland so viele Menschen erregt hat: Mollath wurde zur angeblichen "Sicherung und Besserung" für Jahre ins Kuckucksnest eingewiesen - wo sich alles verschlechterte. Rette sich, wer kann vor solcher Rettung!

EU-Kommissionspräsident Barroso hat in seiner Weihnachtsbotschaft Hoffnung auf die Rüstungsindustrie gesetzt: Die werde gute Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen. Das sagt der Vertreter des Friedensnobelpreisträgers. Rette sich, wer kann.