Vor dem EU-Russland-Gipfel in Nizza: Osteuropa-Expertin Sabine Fischer über Hintergründe der Krise, Präsident Medwedjews Drohungen, EU-interne Dilemmata - und Lösungswege.
Die Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Fischer arbeitet am European Union Institute for Security Studies in Paris. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Entwicklungen in Russland und den anderen Staaten im postsowjetischen Raum sowie die Beziehungen der EU zu der Region.
"Die EU war noch nie über ein Thema so gespalten wie über das Verhältnis zu Moskau": Sabine Fischer (© Foto: oh)
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sueddeutsche.de: Die EU will die Gespräche mit Russland über das neue Partnerschaftsabkommen wieder aufnehmen - obwohl Moskau nach dem Georgienkrieg die Forderung der EU und die Absprache des Waffenstillstands noch immer nicht erfüllt hat. Halten Sie das für richtig?
Sabine Fischer: Es trifft zu, dass Moskau seine Truppen in Abchasien und Südossetien bisher noch nicht auf die Stellungen vor dem 7. August, dem Ausbruch des Krieges, zurückgezogen hat - wie es von der EU verlangt wurde. Dennoch halte ich es für den richtigen Schritt, die Verhandlungen wiederaufzunehmen.
sueddeutsche.de: Warum?
Fischer: Dialog ist die einzige Möglichkeit, die großen Probleme im Verhältnis zwischen Russland und der EU zu lösen. Moskau zu isolieren, wäre falsch. Ein Beharren der EU auf ihrer Maximalforderung im Hinblick auf den Truppenabzug aus Abchasien und Südossetien wäre außerdem gefährlich: Weitere Prozesse der Annäherung zwischen Russland und der EU würden so unterlaufen. Hier muss man vorsichtig sein - und das Gespräch suchen.
sueddeutsche.de: Wurde in jüngster Zeit zu wenig miteinander geredet?
Fischer: Ja. Denn das Aussetzen der Gespräche bedeutet in der Praxis: Das entscheidende Forum, in dem beide Seiten über die Weiterentwicklung der Beziehungen diskutieren, ist weggebrochen. Zur Verbesserung der Beziehungen trug das natürlich nicht bei.
sueddeutsche.de: Das Verhältnis zu Russland hatte sich aber schon vor der Georgienkrise erkennbar verschlechtert. Warum?
Fischer: Das liegt zum einen daran, dass sich das Regime in Russland in den vergangenen Jahren sehr stark verändert hat: Es hat sich deutlich wegbewegt von politischen Standards, über die sich die EU und Russland in den neunziger Jahren einig waren: wie Demokratie, Menschenrechte und internationale Kooperation. Auch die Wahrnehmung der EU in Russland ist negativer geworden.
sueddeutsche.de: Woran liegt das?
Fischer: Zum Teil ist das auf die EU-Erweiterung 2004 zurückzuführen, als unter anderem Polen, Tschechien und die baltischen Staaten Mitglied der Union wurden. Die EU ist damit stärker in die russische Nachbarschaft hineingewachsen - und das politische und wirtschaftliche Gewicht der Union in den angrenzenden Staaten, die ja auch Russlands Nachbarn sind, hat deutlich zugenommen.
Das wird in Russland noch immer äußerst skeptisch beobachtet und als Eingriff in die eigene Einflusssphäre betrachtet. Negative Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Russland und der EU hatten in den vergangenen Jahren aber auch die Spannungen zwischen Moskau und Washington. Unter anderem wegen der Pläne der USA, einen Raketenschirm in Polen und Tschechien zu errichten.
sueddeutsche.de: Auch in Westeuropa ist das Vorhaben umstritten, da bei der Prüfung des Projekts europäische Staaten übergangen wurden. Russland will mit dem Aufstellen von Kurzsreckenraketen in Kaliningrad reagieren, wie jetzt Präsident Medwedjew drohte. Schadet der Raketenschirm somit auch den gesamteuropäischen Sicherheitsinteressen?
Fischer: Es ist davon auszugehen, dass die Pläne und die Umsetzung des Abkommens zum Raketenschirm die Spannungen auf dem Europäischen Kontinent eher erhöhen als abschwächen. Es trifft wohl auch zu, dass andere europäische Staaten, Mitglieder der Nato und der EU, hier übergangen wurden - was ich ebenfalls für problematisch halte. Hier wird jedoch ein grundsätzliches Problem deutlich: Die multilaterale Kooperation und Kommunikation in Europa funktioniert bislang noch immer nicht besonders gut.
sueddeutsche.de: In vielen Fragen vermisst man seit langem, dass die Mitglieder mit einer Stimme sprechen. Wie kann es gelingen, die unterschiedlichen Interessenslagen zu versöhnen und EU-interne Gräben zuzuschütten?
Fischer: Diese Gräben existieren erst seit vier Jahren in dieser Form - seit der Osterweiterung der Union. Wir stehen derzeit am Anfang eines Ausformungsprozesses, der ausgesprochen schwierig ist. Die EU war noch nie über ein Thema so gespalten wie über das Verhältnis zu Moskau. Russland hat sich zur größten außenpolitischen Herausforderung der EU entwickelt - einer EU übrigens, die durch die Querelen um den Lissaboner Vertrag institutionell in der Krise steckt. Das ist eine sehr schwierige Situation.
sueddeutsche.de: Welche Folgerungen sind daraus zu ziehen?
Fischer: Wir brauchen unbedingt einen stärkeren EU-internen Dialog, der hoffentlich langfristig zu gemeinsamen Positionen und einer kohärenteren Politik führt. Das muss vor allem in den wichtigsten Bereichen vorangetrieben werden - wie der Energiepolitik. Denn bevor die EU keine gemeinsame Energiepolitik hat, kann sie einem starken Akteur wie Russland - der noch dazu einer der wichtigsten Energielieferanten ist - nicht mit starken Positionen gegenübertreten.
sueddeutsche.de: Immerhin hat es die EU weitgehend geschafft, während der Georgienkrise eine gemeisame Position zu vertreten. Stimmt Sie das zuversichtlich?
Fischer: Ich denke schon, dass dieses gemeinsame Vorgehen einen starken Impuls geben kann - auch für die weiteren Verhandlungen in Energiefragen.
sueddeutsche.de: Was erwarten Sie sich ganz konkret vom EU-Russland-Gipfel in Nizza?
Fischer: Ich erwarte, dass die Verhandlungen über ein Partnerschaftsabkommen offiziell wieder aufgenommen werden. Außerdem hoffe ich, dass die EU auf hohem diplomatischen Niveau darauf besteht, dass ihre Beobachter Zugang zu Südossetien und Abchasien bekommen und die russische Regierung der EU - die mit der Wiederaufnahme der Gespräche ja auf Moskau zugegangen ist - in diesem Punkt entgegenkommt.
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(sueddeutsche.de/lala)
Müll am Fluss
Zusammenarbeit mit USA auf Kosten anerer nationen ist aber durchaus akzeptabel? Aussagen "der Russe versteht es nicht anders" sind erlaubt? Russland hat für ihre Vergangenheit teuer bezahlt - Stalin hat Millionen von Russen auf dem Gewissen. Politik und Diktatoren darf man nicht auf Nazionalität und Mentalität zurückführen - sons müsste ich Ihnen daran erinnern, dass Stalin nicht Russe sondern Georgier war, was ihn nicht automatisch zum Demokraten macht. 20.Jh waren Sovietische Panzer. Russland hat im 20. jh auch immens gelitten - und hat es uner anderem gelernt, dass es sich auch verteidigen muss, z.B. von Raketen im Nachbarstaat. Wenn Sie aber denken, dass USA aus hohen moralischen Grunden und aus Wunsch, ausgerechnet Polen zu verteidigen handeln, dann irren Sie sich: Polen zieht Gefahr an sich - und auch an Europa. Amis werden gemütlich am anderen Ende der Welt sitzen, Sie und ich und andere Europäer und Russland werden leiden. Zur Zeit glücklicherweise nur wirtschaftlich...
An mkae
Sie schreiben:
Was soll ich sagen? Familie meiner Oma, 3 Erwachsene und 14 Kinder wurde von Deutschen getötet, auf brutalster Weise, jungster Bruder war 7 Jahre alt
1. ich bin kein Deutscher, daher trage auch nicht die Last der deutschen Geschichte, bin ich dann falsche Adresse für die o.g. Anmerkung.
2. entstamme einer Nation, die sich sowohl von dem deutschen Nationalsozialismus wie auch von dem (u.a. sowjetischen) Kommunismus nicht beirren ließ. Aus diesem Grund brauche ich die historischen Fakten nicht zu verdrehen, habe ich auch keinen Bedarf irgendwelche krummen Sachen in der Vergangenheit zu rechtfertigen.
Ich weiß, wie die Deutschen im 2.WK gewütet hatten und wie brutal der 2.WK war. Ich weiß aber auch, dass der 2.WK durch einen Hitler-Stalin Vertrag (vorgeschlagen durch Hitler-Deutschland) und gemeinsamen Überfall auf Polen angefangen wurde, wo auch die Sowjet-Russen Verbrechen in Polen und in den baltischen Staaten begangen hatten. Noch im Jahr 1941 hatte das SowjetRussland das Nazi-Deutschland mit Rohöl beliefert, womit die deutsche Wehrmacht dann Russland überfallen hatte.
Wenn Sie für Russland sprechen wollen, wünsche ich mir eine Aufarbeitung der russ. Geschichte des 20.Jahrhunderts inkl.2WK und die Beherrschung Mittel-Ost-Europas mit dem gleichzeitigen Niedergang . Ich wünsche mir auch eine demokratische und rechtsstaatliche Entwicklung in Russland, die aktuelle Entwicklung in Russland ist leider ein Gegenteil davon, mitverantwortlich ist auch die russische Bevölkerung, die sich für eine Bürger-Gesellschaft nicht einsetzt. Ich wünsche mir auch keine Erpressungen mit dem Gashahn und Freundschaftsbesuche mit dem Panzer in die Nachbarnländer scheint russische Spezialität im 20.Jahrhundert zu sein.
Daher meine Warnungen an die hier im Forum vertretenden Deutschen, die sich wie in der Vergangenheit eine enge Zusammenarbeit mit Russland auf Kosten anderer Nationen wünschen.
ich habe geschrieben - uns verbindet Vieles georafisch, geschichtlich und wirtschaftlich.
Politisch leider zu wenig.
Es ist einiges was in Russland nicht i.O. ist (wobei vergewaltigung ist dort ebenfalls ein Straftat, das wissen Sie hoffentlich auch). Was Verstaatlichung der Bodenschätze und keyindustrien angeht: die Meinung dass man das lieber Privatunternehmen übergibt (oder auslänsischen) und unbedigt verscheudern muss bin ich nicht. Und zwar nicht nur weil das Geld im Land bleiben sollte, sondern auch Schutz der Natur. Worauf bin ich sonst nicht eingegangen? Meinungsfreiheit? Wissen Sie, subtile Meinungsmacherei ist nicht besser. Man muss ja nicht Unwahrscheit schreiben, man kann durch Auswahl der Nachrichten, Wortauswahl etc. viel mehr erreichen. Ich lese in 5 Sprachen - ich kann mich informieren. Wenn ich nur ARD, ZDF, Spiegel hätte, wäre meine Meinung über RU Politisch, Wirtschaft und beziehungen bestimmt anders.
Politisch verbindet? Siehe Unten! Sie gehen darauf ja gar nicht ein.
Nochmals: Es geht nicht darum ALLE in einen Topf zu werfen..
Mein Beitrag wurde aber Jan45 addressiert. Sie sind kritisch und haben eigene Meinung - ok, das ist Diskussionsgrundlage. Persönliche Rachezüge sind dagegen nicht diskussionsfähig.
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