EU Strategische Sprachlosigkeit

Wolfgang Schmale hat ein anregendes Buch über die Identität und die Perspektiven Europas vorgelegt.

Von Werner Weidenfeld

Zunächst erfasst den Leser ein Routinesatz der aktuellen Europaliteratur: "Europa steckt in der Krise". So beginnt doch inzwischen praktisch jedes Buch, das sich mit dem Schicksal des Kontinents befasst. Aber dann wird es doch spannend, abwechslungsreich, originell. Wolfgang Schmale, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien, hat nun nicht ein herkömmliches Geschichtsbuch vorgelegt, nicht ein Werk, das zunächst die Chronologie der Abläufe schildert und dann am Schluss noch einen Blick auf die daraus folgenden Zukunftsperspektiven wirft. Nein - dieses Buch ist sprunghafter, anregender, auch wenn man sich als Leser immer wieder zur Ergänzung, ja auch zum Widerspruch aufgefordert fühlt.

Wolfgang Schmale: Was wird aus der Europäischen Union? Geschichte und Zukunft. Reclam Verlag, Stuttgart 2018, 165 Seiten, 14,95 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

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Recht schnell springt der Autor zu den Römischen Verträgen des Jahres 1957 - wo es doch sinnvoll gewesen wäre, das dramatische Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und der Europäischen Politischen Gemeinschaft als Auslöser für die Verhandlungen zu analysieren. Dann wird die Kriegsgeschichte ebenso vorgeführt wie die Idee vom Glück. Vom "Europa 2018" springt der Autor dann schnell zu "Europa - Ein Paradies am Rande der Hölle". Diese Gedankensprünge regen an - falls sich der Leser nicht überfordert fühlt - und sie bestätigen die Erkenntnis: "Da hilft nur, den Kompass zu justieren, also die Europaidee, die die Union trägt." Dabei wäre es sinnvoll gewesen, der Autor hätte eine subtile Geschichte der vielen Krisen der Integration geboten und daraus Schlussfolgerungen für Zukunftskonzepte angeboten. Immerhin finden wir als Leser nun die Idee Europa. Zumindest einige interessante Hinweise bietet der Wiener Historiker an, indem er die Institutionen beschreibt als europäischen "Körper, in dem die Seele namens Vertrauen leben können soll". Zutreffend wird dann die Absenz einer europäischen Öffentlichkeit als wesentliches Krisenproblem beschrieben. Entsprechend ausführlich werden nun die Details der Verträge dargelegt. Das hätte auch aus einer juristischen Feder stammen können. Die Unterfütterung erfolgt dann über die breite Reflexion des Identitätsthemas.

So ist der Leser nun gerüstet, um über die Zukunft Europas nachzudenken - zu der zunächst ein "Jahrmarkt der Ideen" angeboten wird. Eine Skizze praktisch aller Vorschläge in der aktuellen politischen Debatte zur Europareform wird angeboten - vom "deutsch-französischen Motor" über das "Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten" bis hin zu den "institutionellen Reformen".

Daraus ergibt sich natürlich kein konkretes, präzises Konzept - das gilt für die diversen Anregungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ebenso wie für die des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker - und ebenso für die Darlegung des Historikers Wolfgang Schmale. Daher greift Schmale nun gedanklich tiefer in die Denkwelt zur Rettung Europas ein: Er verbindet die künftig zu kreierende zivilgesellschaftliche Basis mit dem Vorschlag von "Mehr Demokratie wagen". Dies ergibt dann ein Fundament für eine zukunftsfähige Europaidee: "Denn der Zweck der europäischen Einheit liegt im 21. Jahrhundert in der Verteidigung und der Entwicklung der globalen Zivilisation."

Von der Lektüre des Buches angeregt ist zum Zukunftsschicksal des Kontinents festzuhalten: Heute die Frage nach der Identität Europas aufzuwerfen bedeutet also eine intellektuelle Herausforderung besonderer Art. So wie die Europäische Union ein Gebilde sui generis ist, so ist auch die Notwendigkeit einer tragfähigen Zukunftsperspektive für Europa eine Herausforderung sui generis. Das herkömmliche Begründungspathos hilft dabei nicht weiter. Die alten Orientierungskonstellationen sind weitgehend verbraucht. Angesichts der Erosion des gemeinsamen Symbolhaushalts lautet nun der Befund: Europa muss seine strategische Sprachlosigkeit überwinden. Es braucht dazu perspektivische Orientierungen. Es muss angesichts des großen Machttransfers eine strategische Kultur aufbauen.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).