EU-Sanktionen gegen Iran Warum sich die Europäer mit Israels Haltung schwer tun

Einerseits tun sich viele Europäer schwer damit nachzuvollziehen, welch tiefgehenden Einfluss die Traumata der Vergangenheit auf den Entscheidungsprozess in Israel haben: Irans offen erklärte Absicht, Israel zu zerstören, und Israels Angst vor einem zweiten Holocaust werden zusammen mit der in Israel verbreiteten "Wagenburg-Mentalität" letztlich dazu führen, dass Israel Irans Nuklearanlagen angreifen wird - wenn es nicht gelingt, Teheran zur Aufgabe seines Atomprogramms zu bewegen. Israel hat das Gefühl, dass die Zeit davonläuft und das window of opportunity für einen israelischen Angriff noch höchstens ein Jahr offen sein wird.

Andererseits fällt es Israel schwer, die Probleme zu begreifen, mit denen es europäische Staaten zu tun bekommen, wenn sie bei einer Verschärfung der Sanktionen auf ihre Einnahmen aus dem Handel mit Iran verzichten, der Tausende von Arbeitsplätzen sichert.

Wägt man Kosten und Nutzen gegeneinander ab, sind die Sanktionen im Vergleich zu einem nuklear bewaffneten Iran langfristig doch die weitaus weniger kostspielige Strategie. Selbst wenn man die Möglichkeit ausschließt, dass Iran diese Waffe tatsächlich gegen Israel oder Europa zum Einsatz bringt, würde Irans Atomerfolg zumindest ein nukleares Wettrüsten zwischen der Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien auslösen. Folge wäre die Destabilisierung der gesamten Region, die Regierungen weltweit teuer zu stehen käme.

Wenn Israel, um dies zu verhindern, einen Angriff gegen Iran plant, könnte der gesamte Nahe Osten in Flammen aufgehen - was eine weitere Finanzkatastrophe für Europa und einen großen Teil der entwickelten Welt bedeuten würde.

Der jüngste Bericht der IAEA unter Yukiya Amano lässt keinen Raum für Zweifel oder Entschuldigungen. Die verlässlichste Organisation der internationalen Gemeinschaft, die sich mit atomaren Fragen beschäftigt, hat erklärt, dass Iran in verschiedenen Bereichen tätig ist, die mit der Herstellung von Atomwaffen zu tun haben. Die letzte Möglichkeit, einen israelischen Angriff zu verhindern, ist der totale wirtschaftliche und diplomatische Boykott Irans durch Europa. Ein Boykott, der die Führer dieses Landes zu der Einsicht zwingt, dass eine Fortsetzung des Atomprogramms für militärische Zwecke den wirtschaftlichen Kollaps ihres Regimes nach sich ziehen würde - und daher der Preis einfach zu hoch ist.

Tatsächlich haben während der vergangenen zwei Wochen haben internationale europäische Institutionen eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die den wirtschaftlichen Druck auf Iran kräftig erhöhen. Und europäische Politiker haben mit klaren Worten ihre Entschlossenheit verkündet, Iran nicht zur Atommacht aufsteigen zu lassen. War es nun der Bericht der IAEA, der zu diesen Entscheidungen geführt hat oder vielleicht auch Israels Drohungen, Iran anzugreifen - Drohungen, die in erster Linie an Europa gerichtet waren?

Das kommende Jahr, das der israelische Geheimdienst als "Jahr der Entscheidung" in Bezug auf Iran bezeichnet, wird auch Antworten auf Fragen der europäischen Außenpolitik zeitigen: Werden die angekündigten strengen Sanktionen auch in die Tat umgesetzt? Und werden diese Maßnahmen im Lichte der riesigen wissenschaftlichen Fortschritte des iranischen Atomprojekts stark genug sein, um das Regime in Teheran davon zu überzeugen, dass es in seinem eigenen Interesse ist, es nicht weiter zu verfolgen? In Israel sehen viele voraus, dass die Europäer eines Tages bedauern werden, nicht mehr dafür getan zu haben, um das Projekt zu stoppen - und dass es dann zu spät sein wird.

Dr. Ronen Bergman schreibt als führender politischer und militärischer Beobachter unter anderem für die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth und für das New York Times Magazine. Sein Beitrag ist Teil einer Reihe zu aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen weltweit, die Süddeutsche.de in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2012 veröffentlicht. Die Autoren gehören zum Netzwerk der Munich Young Leaders, einem Kooperationsprojekt von Münchner Sicherheitskonferenz und Körber-Stiftung.

Linktipp: Den Leitartikel über einen möglichen Angriff Israels auf Iran im Jahr 2012 mit dem Ziel, Iran am Aufstieg zur Atommacht zu hindern, hat er für das New York Times Magazine verfasst: http://www.nytimes.com/2012/01/29/magazine/will-israel-attack-iran.html?_r=1