Kurz vor Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft hat Tschechien den Lissabonner Vertrag noch nicht ratifiziert. Jetzt beraten die Richter.

Nach knapp dreistündiger Sitzung hat das tschechische Verfassungsgericht seine Beratungen über den EU-Reformvertrag von Lissabon auf Mittwoch vertagt. Zuvor hatten sich der EU-kritische Präsident Vaclav Klaus und Europaminister Alexandr Vondra geäußert. Während sich Vondra hinter den Vertrag stellte, den die Regierung schnell verabschieden möchte, lehnte Klaus das Abkommen erneut ab. "Der Lissabon-Vertrag hat einen Prozess begonnen, an dessen Ende die EU ihre Regeln nicht nur den einzelnen Staaten befehlen wird, sondern auch deren Bürgern", sagte der Präsident.

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Der selbst ernannte "EU-Dissident" will seine Befugnisse ausreizen, um ein Inkrafttreten des Vertrages zu verhindern. Ebenso wie Senatoren der konservativen Regierungspartei ODS lehnt Klaus die Übertragung von nationalen Entscheidungsbefugnissen auf die Europäische Union ab. Auf Antrag des Senats in Prag müssen die Verfassungsrichter deshalb entscheiden, ob der Reformvertrag mit tschechischem Recht vereinbar ist.

Beinah zur Nebensache wird dabei, dass in den beiden tschechischen Abgeordnetenkammern parteiübergreifend eine solide Mehrheit für den Vertrag besteht. Die Regierung von Ministerpräsident Mirek Topolanek wäre sogar bereit, auf eine mögliche Empfehlung der obersten Richter hin die Verfassung zu ändern. "Die wirkliche Wahl ist: Moskau oder Lissabon", fragte Topolanek zugespitzt in einem Zeitungskommentar.

Die EU will mit dem Lissaboner Vertrag Strukturreformen einleiten, um auch mit steigender Mitgliederzahl entscheidungsfähig zu bleiben. Um in Kraft treten zu können, muss das Dokument in allen 27 Mitgliedsstaaten verabschiedet werden. In 25 Ländern ist das bereits geschehen.

Die Ausnahmen sind Irland, wo das Abkommen im Juni per Volksentscheid abgelehnt wurde, und eben Tschechien. Das Land übernimmt am ersten Januar die EU-Ratspräsidentschaft von Frankreich - und ist dann auch für das weitere Schicksal des Reformvertrages verantwortlich.

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(dpa/afp/che/bica)