Sie ist ein Heilmittel mit Nebenwirkungen - trotzdem wirkt die Volksabstimmung: Auch in einem kleinen Land wie Irland ist sie ein Spiegel vor dem Gesicht Europas, glaubt Heribert Prantl.
Ein Spiegel zeigt einem was ist, nicht was man gerne sähe. Er beschönigt nichts, macht einem nichts vor. Wenn das, was er zeigt, einem nicht gefällt, ist nicht der Spiegel schuld. Es ändert sich also nichts an der Realität, wenn man den Spiegel versteckt und an seine Stelle eine schön gemaltes Bild hängt. Es ist eben nicht der Spiegel fehlerhaft, wenn er Fehler spiegelt.
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Im Europäischen Parlament in Straßburg fordern Europaskeptiker die Akzeptanz des irischen Neins (© Foto: AP)
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Ein Fehler wäre es aber, den Fehler nicht zur Kenntnis zu nehmen; gut ist, ihn zu beheben. Eine Volksabstimmung, auch die in einem kleinen Land wie Irland, ist ein Spiegel vor dem Gesicht Europas. Und die Volksabstimmung zeigt: Dieses Europa ist noch nicht das Europa der Bürger.
Der Spiegel vor dem Gesicht Europas ist aber ein besonderer Spiegel: Er zeigt nicht nur die Wirklichkeit, sondern er hat, so lautet die Befürchtung, auch die Kraft, diese Wirklichkeit einzufrieren und gute Veränderungen zu blockieren. Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden über die EU-Verfassung haben 2004 diese Verfassung verhindert; den Bürgern dort war sie zu wenig verständlich, zu wenig sozial und zu wenig demokratisch. Viele Europäer mit Leib und Seele verzweifelten schier daran, dass ausgerechnet das Vertragswerk abgelehnt wurde, das Europa endlich ein wenig mehr Demokratie bringen wollte.
Seitdem gelten Volksabstimmungen, jedenfalls wenn sie nicht das gewünschte Ergebnis bringen, nicht mehr als Folge von alten, sondern als Ursache von neuen Fehlern. Die streng repräsentative Demokratie, wie sie in Deutschland auf Bundesebene gilt, gewinnt wieder Anhänger. Der Souverän, das Volk also, gilt als unwissend oder undankbar. Man müsse, so heißt es, das Volk vorerst davor bewahren, sich selbst die Zukunft zu verbauen.
Volksabstimmung gilt den einen als Wundermittel, den anderen als Gift für die Demokratie. Wenn beide Seiten derart übertreiben, dann liegt das daran, dass, zumal in Deutschland, schon so lange über Plebiszite gestritten wird, dass man vergessen hat, wie alles anfing: Die Mütter und Väter des Grundgesetzes misstrauten dem Volk, sie konnten und wollten ihm nicht verzeihen, dass es einst Hitler gewählt hatte.
Deshalb beschränkten sie die Möglichkeiten des Volks, seinen Willen zur Geltung zu bringen, auf das absolute Minimum - auf die Bundestagswahl. Abgrundtief war die Angst vor neuen Demagogen und davor, dass ein Plebiszit als Hebel gegen die junge Demokratie missbraucht werden könnte. Deshalb wurde dem Plebiszit im Grundgesetz kein Millimeter Raum gegeben. Allein im Artikel 20 Absatz 2 findet sich die (nicht konkretisierte) Verheißung, dass die Staatsgewalt vom Volk ausgeht, und nicht nur in Wahlen, sondern auch in "Abstimmungen" ausgeübt werde.
Anlass zum Nachdenken darüber, ob das so ein Dauerzustand bleiben dürfe, bestand nicht; das Grundgesetz war ja als Provisorium geschaffen. Als sich die Demokratie in Deutschland festigte, festigte sich aber eigenartigerweise auch der antiplebiszitäre Pessimismus. Es handelt sich dabei um ein eigenartiges Phänomen: Er zeigt sich immer bei den politischen Kräften, die gerade regieren; sie wollen von "mehr Demokratie" nicht gestört werden.
Als zur Regierungszeit des SPD-Kanzlers Schröder in Frankreich über die EU-Verfassung abgestimmt wurde, wurden in der sonst plebiszitfeindlichen Union die Stimmen dafür immer lauter: Das deutsche Volk sei schließlich "nicht dümmer als das französische". Die Frage nach dem Plebiszit wird von der Parteipolitik rein machtpolitisch beantwortet, nach dem Muster von Radio Eriwan: "Sind Sie gegen Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid auf Bundes- oder Europaebene?" Antwort. "Im Prinzip ja - aber nur, wenn wir an der Macht sind."
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Heribert Prantl führt aus "Die Mütter und Väter des Grundgesetzes misstrauten dem Volk, sie konnten und wollten ihm nicht verzeihen, dass es einst Hitler gewählt hatte."
Für mich stellt sich die Frage, wie es zu dieser Einschätzung kommen konnte, da diese historisch falsch ist, wie auch Heribert Prantl im zweiten Teil des Artikels festhält ("Und über das Ermächtigungsgesetz haben nicht die Bürger, sondern die Parlamentarier abgestimmt."):
Bei den Reichstagswahlen erreichte die NSDAP nie die absolute Mehrheit der Stimmen (14.09.1930: 18,2 %; 31.07.1932: 37,3 %; 02.11.1932: 33,1 %; 1933: 43,9 %).
Die NSDAP und damit Hitler waren bereits über ihrem Zenit, als Hitler im Reichstag am 30.01.1933 aus Machtkalkül zum Reichskanzler gemacht wurde - und dann von dafür nicht gewählten Politikern nach der Wahl am 05.03.1933, die nach der kurz zuvor erfolgten Abschaffung der wesentlichen Grundrechte der Weimarer Republik kaum mehr demokratisch zu nennen war, mit einem fatalen Gesetz, dem zwei Drittel der Parlamentarier zustimmten, zum Diktator ermächtigt wurde.
Dies dem deutschen Volk anzulasten, geht an der Sache vorbei. Verantwortlich dafür waren einflussreiche Politiker, die aus dem Stimmenverlust der NSDAP in der Wahl vom 02.11.1932 die Illusion zogen, nun in Hitler eine Marionette auf übersehbare Zeit zu haben, die ihnen helfe, die eigenen Machtvorstellungen durchzusetzen, und die diesen am 30.01.1933 zum Reichskanzler machten. Sie haben sich verspekuliert. Die Folgen sind hinreichend bekannt.
Demnach spricht alles dafür, die Machtbefugnisse der Politiker zu begrenzen - und vieles für Volksentscheide, gerade über derart wichtige Fragen.
Am Anfang ist die Idee, dann die Vision. Und dann folgt die kulturdarwinistische Vergewaltigung im Sinne von "survival of the mightiest". Sozialismus, Marktwirtschaft, Kolonialisierung, Imperialismus - was die Menschen wollen zählt nichts gegen den durch diese Menschen konstituierten Willen der Ermächtigen. Was interessiert den Surfer schon das was zwischen den Wellen liegt.
Das Damoklesschwert der Reflexion auf die Grundidee bedroht das Establishment. Deshalb wird auch die ursprüngliche Idee der EU auf Regierungsebene nicht mehr thematisiert und Störfaktoren wie Bevölkerungsbefindlichkeiten nach allen Regeln der Kunst ausgeschaltet. Der gemeine Volksvertreter mutierte im "Machtrausch" scheinbar evolutionär destiniert zum gemeinen Volksverdrehten.
Jeder Ameisenhaufen verhält sich intelligenter. Armselig das - für die "Krone der Schöpfung".
4 mal Plebiszit wurde gekrönt mit dem Wort "antiplebiszitär". Selbst der Dümmste wird begriffen haben nach der Lektüre des Artikels, dass es sich um eine Volksabstimmung handelt,
Hallo herostratos:
Ich erlaube mir aus Ihren Kommentar einige Zeilen zu zitieren, danke.
der eu-vertrag macht die eu um ein vielfaches demokratischer, als sie es jemals war
Schon möglich aber auch kriegerischer wie sie es jemals war.
Wie kommt es das Sarkozy und noch viele andere hochrangige Politiker so bösartig sich über das NEIN der Iren undemokratisch geäußert haben.
Wie sieht es mit den verschiedenen Religionen aus, konnte in den Zahlen und Wortgefechten des EU-Vertrages nichts finden.
Besteht noch die Möglichkeit dass die Bauern und die übrige Bevölkerung wenn sie Differenzen mit den Arbeitgeber haben noch Streiken können?
Sarkozy hat doch eine 60.00.00Mann starke EU-Armee aufgestellt wo zu?
Für mich gibt das alles zu denken.
deshalb ist es ziemlich scheinheilig mit dem demokratieargument das nein der iren zu feiern, die anscheinend nicht richtig verstanden haben worum es geht.
Hallo herostratos:
Wenn Sie es verstanden haben sind wir schon ein Stück weiter.
Eigentlich besteht die Möglichkeit einer Volksabstimmung, in unserem Demokratischen Land laut unserer Verfassung und GG.
GG/Art.20/GG/Art.146
Der Ermächtigungsvertrag von Lissabon, das Wort Ermächtigen ich ermächtige jemand oder ich gebe jemand eine Generalvollmacht, dieses Wort ruft bei mir ein Horror-Scenario hervor.
Herr Prantl
Danke Für den sehr guten Artikel ehrlich und verständlich wie immer.
In der Weimarer Republik gab es nur wenige Volksbegehren und -entscheide.
Und diejenigen Volksbegehren, die auch von den Braunen unterstützt wurden, brachten es nicht einmal bis zum Volksentscheid.
Dass Weimar scheiterte, hat viele Gründe - Volksbegehren und -entscheide gehören eher nicht dazu.
Paging