Die EU ist dabei, ihre Reform im Streit um Posten zu verspielen. Die Regierungschefs wählen die Kandidaten nicht nach Eignung aus - sondern aus parteipolitischem Kalkül. Das gilt auch für Merkel.
Die Freude über den endlich ratifizierten Lissabon-Vertrag ist kaum abgeklungen, da findet sich die Europäische Union in ihrer grimmen Wirklichkeit wieder. Und die ist nicht überschrieben mit: Aufbruch zu neuen Ufern.
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Angela Merkel und ihr Konsenskandidat Günther Oettinger (beide CDU, hier beim Singen der Nationalhymne im September in Freiburg): Im Gegensatz zu geeigneteren Kandidaten ist der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs in der richtigen Partei. (© Archivfoto: AP)
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Vielmehr tobt ein kleinliches Gezänk um vakante Posten. Die Mitgliedsländer sind dabei, die Möglichkeiten zu verspielen, die der Lissabon-Vertrag bietet. Sie tun alles, um die Welt davon zu überzeugen, dass sie Zwerge sind und Zwerge bleiben wollen.
Wenn Angela Merkel mehr Kompetenzen für multilaterale Organisationen fordert - so geschehen am Tag des Mauerfall-Jubiläums -, dann klingt das hohl, solange die Kanzlerin nicht auch die besten Leute zu diesen Organisationen schickt. Aber Merkel bleibt sich treu. Spitzenpersonal in Brüssel könnte ja der nationalen Regierung einiges an Strahlkraft nehmen. So werden dann eben Leute wie Günther Oettinger als deutscher Kandidat für die EU-Kommission nominiert.
Die Suche nach dem Präsidenten des Europäischen Rates und dem neuen und mächtigeren europäischen Außenminister zieht sich derart quälend dahin, dass der angerichtete Schaden nicht mehr repariert werden kann. Beschädigt wird die Glaubwürdigkeit all jener, die vorgeben, der europäischen Sache dienen zu wollen.
Die Europäische Union muss man nicht ernst nehmen, wenn sie statt der Besten nur Konsenskandidaten an die Spitze stellt, die ohne Kontur und Statur sind, dafür aber pflegeleicht.
Sarkozy vergisst nicht
Nicht nur das Klein-Klein der parteipolitischen und regionalen Zänkereien um die Posten belastet die EU. Wirklich erschreckend sind zwei Erkenntnisse aus den vergangenen Tagen: Zum einen hat in der EU niemand eine Chance auf eine Führungsposition, der wirklich europäisch führen könnte, der also im Sinne einer großen Staatengemeinschaft handelte.
So wurde der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker gar nicht erst in das Rennen um das Amt des Vorsitzenden des Europäischen Rates aufgenommen. Er wäre zwar der Richtige gewesen, weil er nicht nur die größte Erfahrung mit der komplizierten Konsenssuche in der EU hat, sondern auch ein vorzüglicher Vermittler ist. Einer, den die EU dringend bräuchte, den sie aber offensichtlich nicht will, weil er zu stark sein könnte. Juncker hat außerdem den Fehler begangen, Präsident Nicolas Sarkozy einmal auf die Füße gestiegen zu sein. Das vergisst der Franzose nicht.
Es fehlen auch andere Namen, die man erwarten würde, wenn Europa seine Führung auswählt. Allein aus Deutschland fallen zwei für den europäischen Außenminister ein: Joschka Fischer, der die europäische Reformdebatte und die Politik der Erweiterung entscheidend mitgeprägt hat. Oder Frank-Walter Steinmeier, der ebenfalls bereits die Qualitäten bewiesen hat, die man von einem europäischen Außenminister erwarten muss.
Beide haben allerdings ein Problem: Sie sind aus Sicht Angela Merkels in der falschen Partei. Die CDU will selbst einen Kommissar stellen, deshalb wurde Oettinger nominiert. Also verzichtet Deutschland lieber auf den Posten des Spitzendiplomaten.
Achse der Anti-Integrationisten
Im Gerangel um die Ämter offenbart sich auch ein existentielles Problem der EU: Sie ist über ihren Sinn und ihre Zukunft gespalten. Die Einigung auf den Lissabon-Vertrag hat die Gegensätze zwischen den Integrationisten (die ein stärkeres politisches Zusammenwachsen betreiben) und ihren Gegnern nur mühsam übertüncht. Bei der Suche nach dem richtigen Personal bricht der Streit wieder auf.
Unter Führung Polens schlagen sich die osteuropäischen Mitgliedsländer auf die Seite der Schweden und Briten, denen die Vertiefung der EU schon immer ein Dorn im Auge war. Die beharrlich betriebene Kandidatur des britischen Ex-Premiers Tony Blair ist der Versuch dieser Anti-Integrationisten, die europäischen Gründungsländer Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Luxemburg und die Niederlande an einer stärkeren politischen Kooperation zu hindern. Sie wollen die Macht des deutsch-französischen Duos brechen.
In Berlin hat man offenbar vergessen, was man in London und Warschau sehr wohl weiß: Personalfragen sind Machtfragen. Es war unverantwortlich, einfach nur zuzuschauen, wie der gegenwärtige EU-Vorsitzende, der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, die Personalsuche nur schleppend betrieb. Dabei ist es unerheblich, ob Reinfeldt einfach überfordert war, oder ob er die Interessen der Anti-Integrationisten und die Blairs bediente. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Problem in der EU so lange hin- und hergeschoben wird, bis alle entnervt die Waffen strecken und einem billigen Kompromiss zustimmen. Das könnte dann die Stunde der Anti-Integrationisten werden.
Es ist das Verdienst Angela Merkels, während ihres EU-Vorsitzes den Lissabon-Vertrag durchgesetzt zu haben - ein Dokument, das belegt, wie sehr Europa zusammenwächst. Nun setzt sie ihren Erfolg aufs Spiel, weil sie sich nicht um die Ausführung kümmert. Papier ist geduldig. Seine Kraft entfaltet es erst, wenn es Menschen anvertraut wird, die den Text mit Leben füllen. Dazu gehören jene gewiss nicht, die Europa in seinem Charakter verkehren wollen.
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(SZ vom 11.11.2009/jab/mati)
Russland unter Putin
Das ist doch wohl bei klarem Verstand betrachtet nicht ernst gemeint. Es sei denn Sie sind ein Freund antidemokratischer Verhältnisse gepaart mit völlig ausgeufertem Bürokratismus, der Verkündung der Unfreiheit durch ständige Bevormundung und Gängelung und zusätzlichem, bewußt herbeigeführtem wirtschaftlichen Totalverlust!
Dafür dürfen wir uns am Fernsehen ständig anhören und es genauso oft lesen, daß diese EU uns Freiheit und Frieden gebracht hätte. Das stimmt zwar nicht, wird wohl, ob der ständigen Wiederholungen, von vielen inzwischen als real angenommen.
Die guten Ideen und Ansätze von Adenauer und De Gaulle sind durch die herrschende Politikerkaste, die nach Reserveposten mit Höchstdotierung lechzt, und durch die entstandene, beispiellose Bürokratie völlig ad absurdum degeneriert.
Was die Sache erträglich macht ist die Tatsache, dass die europäische "Innenpolitik" seit Anfang an so abläuft und wenn man sieht, was erreicht wurde, kann man durchaus zufrieden sein. Am Ende zählen auch die sogenannten Anti-Integrationisten, die ja auch zur Pluralität des Ganzen gehören, ihre Interessen zusammen und stellen am Ende fest, das die EU-Linie die Vorteilhaftere ist. Ansonsten bliebe es ja dem Herrn Cameron z.B. unbenommen, seine Volksabstimmung in Großbritannien abzuhalten-allerdings mit dem Risiko, damit ein Austrittsszenario zu schaffen!
Sry, daß ich frage, aber wo lesen Sie denn hier eine "deutsche Heilserwartung in Sachen Europa" heraus? Ist mir nicht aufgefallen. Und auch vom "Ende der EU" ist nirgendwo die Rede.
Also, ich finde, Sie übertreiben ein bischen. Und was "immer nur meckern" angeht: Mal konkret, wenn würden Sie denn in die engere Wahl ziehen?
Ich bin für Joschka Fischer. Aber der wird's sicher nicht werden, das würde Angie nicht zulassen. Schade.
Da ist sie wieder, die deutsche Heilserwartung in Sachen Europa (und die ewige Entäuschung, dass das Heil einfach nicht kommen will).
Europa ist nun einmal ein komplexes Projekt, vor allem nach der 2004 Erweiterung. Niemand kann doch ernsthaft erwarten, dass irgendjemand seine Macht freiwillig abgibt. Niemand kann erwarten, dass Partikularinteressen auf einmal verschwinden.
Aber jedesmal ruft irgendein deutscher Journalist das Ende der EU aus. Ich finde das albern, insbesondere, weil ja Deutschland ein Musterbeispiel für derartige Abstimmungsprobleme ist. Schon vergessen, dass der letzte Wirtschaftsminister nicht nur einer bestimmten Partei angehören musste, sondern auch noch aus einer bestimmten Sub-Region zu stammen hatte? Schon vergessen, dass sich die Länder auf so gar nichts verständigen können, vom Abitur bis zum Rauchverbot in Gaststätten? Schon vergessen, dass Deutschland GEGEN die Abschaffung der Verordnung zur Gurkenkrümmung gestimmt hat, weil ein paar Bauernfunktionäre es so wollten?
Falls Winter neuen Schwung für die Anti-Europäer fürchtet, so ist doch festzustellen, dass sein kultur-pessimistischer und recht weinerlicher Artikel genau in diese Kerbe haut. Alles geht ja so schief in Europa, immer.
Noch vor Weihnachten werden alle Posten besetzt sein. Dann werden die Journalisten schreiben, dass es nicht die richtigen Besetzungen sind. In einigen Jahren werden sie schreiben, dass das tolle Besetzungen waren und dass die Nachfolger einen Abstieg darstellen.
Wie sagt der Berliner: Meckern ist wichtig, nett sein kann jeder.
Ein Wichtigtuer und Gernegroß, der nur Erfahrungen als Chef eines Mini-Staates hat,m der vergleichsweise von Luxusaproblemen geplagt wird. Und der dabei bisher jeden Asatz zur Selbstkritik vermissen ließ. Ja, sicher, es klingt auch oft ganz gefällig, was er von sich gibt, aber reicht das als Qualifikation aus? Das ist doch genau die Art von Schönwetterrepräsentant, die in der Kolumne ansonsten kritisiert wird!
Also, man bräuchte ein politisches Scwergewicht, klar, aber gleichzeitig jemand, der diplomatisch genug ist die derzeit noch begrenzte Rolle der EU anzurkennen und das beste draus zu machen. Da bietet es sich selbstverständlich an, einen ehemaligen Außenminister zu wählen. Aber bitte jemanden, der Sinn für die harten Realitäten des politischen Alltags hat, und trotzdem noch nicht ausgebrannt ist! Kann man Angela Merkel zutrauen, so jemanden zu unterstützen, für eine Position, die ihr eventuell auch Probleme bereiten könnte?
Alles was wir bisher über die Kanzlerin wissen, über ihre Art, Konkurrenten kleinzuhalten und nicht nach oben kommen zu lassen, deutet aufs Gegenteil hin. Wenn's nach ihr geht sind Spechellecker, Grußauguste und Frühstücksdirektoren die besten Kandidaten für diese wichtigen Posten. Mit den bekannten, negativen Folgen für Deutschland und Europa.
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