Die Vertragskrise der EU ist beendet. Ihre eigentliche europäische Aufgabe liegt aber noch vor Merkel und vor Deutschland: Europa wieder in Bewegung zu bringen. Der Weg dafür ist vorgezeichnet. Er führt über eine verstärkte Zusammenarbeit jener Länder, die schneller voranschreiten wollen als andere.
Mutig in die Zukunft springen hat die Europäische Union zu Beginn dieses Jahrhunderts gewollt. Eine bedeutende Macht in der Welt hat sie werden wollen. Nun hat sie all ihre Kraft gebraucht, nur um von einem Abgrund wegzukriechen, den sie selbst aufgerissen hat.
Anzeige
Die Gefahr eines Zerbrechens der EU ist zwar fürs Erste gebannt. Aber wer seine letzten Reserven inklusive der Androhung einer Spaltung mobilisieren muss, nur um einen halbwegs akzeptablen Reformkompromiss hinzubekommen, der hat ein tief sitzendes Problem.
Der EU-Gipfel vom Wochenende hat offenbart: Den Mitgliedsländern fehlt eine gemeinsame Idee von Europa. Und einige, Großbritannien und Polen vor allem, aber auch viele Politiker in den neuen Mitgliedsländern und selbst das Gründungsmitglied Holland, denken bei der EU weniger daran, wie sie etwas mit den anderen zusammen gestalten, sondern nur, wie sie ein stärkeres Europa verhindern können.
Unter diesen Bedingungen hat die deutsche EU-Ratspräsidentschaft eine respektable Leistung gezeigt. Für Europa war es ein Glücksfall, dass sich in Angela Merkel eine tiefe europäische Überzeugung mit strategischem Geschick und einem bemerkenswerten Mut zum Risiko paart. Das institutionelle Gerüst der EU wird modernisiert, Entscheidungen können effizienter getroffen werden, es gibt einen Außenminister, auch wenn er nicht so heißen darf. Und die Charta der europäischen Grundrechte wird im Prinzip rechtsverbindlich. So ist einiges aus dem Wrack des vor zwei Jahren bei Volksabstimmungen in Frankreich und in den Niederlanden verunglückten Verfassungsvertrags gerettet worden.
Das bringt die EU in ruhigeres Gewässer und es verschafft ihr Raum, sich wieder den politisch drängenden Problemen der Globalisierung und der internationalen Sicherheit zu widmen. Daraus erwächst Europa aber nur dann Stärke im Wettbewerb mit den anderen Großen dieser Welt, wenn es seine Bremser und Verhinderer unter Kontrolle bekommt.
Minderheit am Nasenring
Zum Beispiel Großbritannien, das in der EU nur daran denkt, wie es seine Vetomöglichkeiten bewahren oder noch ausweiten kann. London hat seit Margaret Thatcher ein destruktives Verhältnis zur EU. Der künftige britische Premierminister Gordon Brown erweist sich schon heute als ihr würdiger Erbe. Auf sein Drängen sind in die jetzt beschlossene Reform so viele Hintertüren eingebaut worden, dass man von einem gemeinsamen europäischen Haus nicht mehr sprechen kann.
Zum Beispiel Polen, dessen gegenwärtige Regierung die EU zum Feld erwählt hat, Schlachten der Vergangenheit erneut gegen die Deutschen zu schlagen. Moskau dürfte mit Freude sehen, wie die Polen dabei sind, die Grundlage der europäischen Stärke zu zerstören: Die Entschlossenheit nämlich, durch gemeinsame Schritte in die Zukunft Rückfälle in die zerstörerische Vergangenheit zu verhindern. Hätten Robert Schuman und Jean Monnet nach dem Zweiten Weltkrieg so gedacht wie die Kaczynski-Brüder heute, dann hätte es eine europäische Einigung nie gegeben.
Das Elend der EU ist es, dass sich die Mehrheit um der Einheit der Union willen von der Minderheit am Nasenring herumführen lässt. Immerhin achtzehn Länder hatten dem Verfassungsvertrag zugestimmt. Aber gekämpft haben die Freunde der Verfassung dafür auf dem Gipfel nicht wirklich. So ziehen die Verhinderer ihre Stärke vor allem aus der Feigheit der anderen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Kanzlerin Merkel und die Macht
Die Gründungsländer haben bei allen guten Willen das Unrecht der Geschichte entgegenzuwirken einen Fehler begangen: sie haben nicht erkannt dass durch die Nachkriegsdiktatur (sprich eisernen Vorhang) die Geschichte im Osten nicht aufgearbeitet wurde sondern in vitro aufbewahrt wurde. Die Radikalisierung nach dem Wegfall der lebens- und gedankenhemmenden Vorhang kennen wir aus dem Vorgehen der Geschwister Kaczyński aus Polen.
Hätten Verheugen und seine Kollegen das sehen müssen? Ja! Mit sensiblen Marktforschungsmethoden hätte die Stimmungsradikalisierung wahrgenommen werden müssen. Mit mehr Zeit in der Vorbereitung hätten die diplomatischen und völkerrechtlichen Irritationen à la Kaczyński erkannt und vorgebeugt werden können.
Die EU Verfassung hätte ERST abgestimmt und vereinbart sein müssen unter den EU Mitglieder vor der 2004 Osterweiterung. Eine Zustimmung der EU Verfassung hätte eine Grundbedingung sein müssen für jegichen Beitrittskandidat - ergo auch das Polern der Geschwister Kaczyński.
Dieser geschichtlichen Kapitalfehler soll im Betracht gezogen werden in jeder Verhandlung mit potenziellen Beitrittskandidaten. Die EU sollte sich nach den Erpressungen (II. WK) und Lügen (wer hat die Verhandlungen gefürt?) der Geschwister Kaczyński mit aller Ernst darüber im Klaren sein dass mit der Türkei (wo Teenagers im Knast kommen wg einem Urlaubsflirt / wo Katholiken abgeschlachtet werden / wo die Geschichte der Armedier nie aufgearbeitet wurde) das Pferd von Troja ins Europäische Haus geholt wird, und das Implosionsrisiko und die Handlungsunfähigkeit zunimmt... China, die USA und Russland sind am Ende die echten Gewinner dieser Lähmung, nicht die EU Bürger.
das finde ich, ist ein sehr guter, kreativer ansatz.
das heisst nicht, dass wir uns nicht trauen sollten, in aller gebotenen diplomatischen form ihnen selbst die meinung zu sagen. aber so wichtig sie sich nehmen, unterstelle ich, dass sie ihre grenzen ganz gut kennen.
charlie.f.kohn@sixpence-pictures.com // photography // design // madrid
Frage? Haben die beiden Rotzlöffel Putin auch schon mal zur Verantwortung wegen der historischen Schuld gezogen? Möchte sehr gerne wissen, was der denen erzählt hätte
Ich geh' jetzt zum Joschka rüber, der gibt zum Thema auch seinen Senf dazu. Mal schau'n wat der so sacht.
Stimmt vollkommen, ohne das Mitglied Deutschland fliegt die EU auseinander. Selbst wenn der zunächst Rest in einem Block zusammenbliebe, würde dieser innerhalb kurzer Zeit in mehrere Fragmente zerfallen. Aber die Zollfreiheit, die Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräfte wäre zwangsläufig zu Ende. Das sind alles EU-Vereinbarungen.
Frankreich würde seine Bauern mit hohen Einfuhrzöllen schützen, wir keine ausländischen Arbeitssuchenden (aus der Ex-EU) ins Land lassen und unsere Versicherungen vor der starken britischen Konkurrenz schützen, die Grenzkontrollen würden wieder eingeführt, - und zwar verschärft, wegen der inneren Sicherheit. Jedes Land würde seine Wirtschaft und seine Arbeitskräfte schützen wollen und die Grenzsicherheit erhöhen müssen. Man kann nicht glauben, ohne EU zu leben und gleichzeitig alle Errungenschaften der letzten 50 Jahre behalten zu können. Entweder wir sind eine Wirtschaftseinheit, von der jedes Land profitiert, oder wir haben viele Wirtschaftseinheiten. Die Grenzen wären sofort dicht, die Zölle würden je nach Warenart sofort oder erst nach Druck der inländischen Lobby erhöht. Dazu kommen dann die üblichen Mätzchen, mit denen man Importware auf dem eigenen Markt diskriminieren kann. Ich bin sicher, das würde nicht sehr lange dauern, denn nach einem Platzen der EU wären da alle Hemmungen beseitigt und auch eine gewisse Feindseligkeit vorhanden.
Da wir den Löwenanteil unserer Exporte in die EU liefen, ginge die Exportwirtschaft um mindestens 10 bis 20% in die Knie.
Das Szenario ist ohnehin nicht realistisch denkbar, da die Verflechtungen innerhalb der EU bereits zu eng sind. Daher sollte Deutschland seine Interessen vehementer und mit Nachdruck vertreten und z.B. mit einigen benachbarten Staaten enger zusammenrücken. Nicht nur mit österreich haben wir sehr viele Gemeinsamkeiten.
Paging