Von Von Cornelia Bolesch und Christian Wernicke

Ankara und Brüssel verabreden den EU-Beitritt der Türkei - und vollziehen einen historischen Schritt.

Der erste Gipfeltag lief noch wie geschmiert. Draußen tröpfelte es, drinnen war die Stimmung gelassen. Nach mehreren Stunden Diskussion fand sich die EU zu Beitrittsverhandlungen mit der Türkei bereit und präsentierte auch ein Datum: den 3. Oktober 2005.

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Ratspräsident Jan Peter Balkenende zeigte sich "froh und glücklich". Doch über Nacht wurden die Töne auf einmal schärfer. Am nächsten Morgen ballte sich eine schwere atmosphärische Störung zusammen.

"Die Türken sind doch reif für den Psychiater", schimpfte ein EU-Vertreter. "Wenn Erdogan akzeptiert, was der Gipfel will, wird er zu Hause gehenkt. Dann kann er in Deutschland um Asyl bitten", meinte dagegen, ebenso entnervt, ein türkischer Beobachter.

Womit niemand mehr gerechnet hatte, trat ein: Der Uralt-Konflikt um Zypern blockierte die historische Annäherung zwischen dem europäischen Kontinent und dem großen islamischen Reich.

Dass die Türkei sofort, noch am Freitag, den Vertrag über die Zollunion mit der erweiterten EU paraphieren sollte, was eine indirekte Anerkennung der griechisch dominierten Republik Zypern bedeutet hätte, war für Ankara unzumutbar. Selbst EU-Beobachter zeigten sich schockiert. Das sei ja wie das "Diktat von Versailles" meinte ein Brite.

Auf Druck der Zyprioten hatte die EU-Ratspräsidentschaft das "Diktat" in das Dokument genommen. Viele zweifelten daraufhin am Verstand des Niederländers Balkenende. Dennoch: Die schroffe Abwehr der Türken schien die Gipfelteilnehmer völlig unvorbereitet zu treffen.

Hatte Erdogan nicht vor dem Gipfel Schalmeienklänge ausgesandt? Hatte er nicht angekündigt, er werde bald einen "Friedenskaffee" mit den griechischen Zyprioten trinken? Unvermutet schwenkte Erdogan auf eine harte Linie ein.

Im noblen Hotel Conrad, zwei Kilometer vom Gipfel-Zentrum entfernt, hatte der türkische Ministerpräsident inmitten seiner Delegation und hunderter türkischer Journalisten sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Dort begann Erdogan am späten Donnerstagabend, vernehmlich zu grollen. Am Freitag früh zirkulierten Sprüche, über die man in den Gipfel-Katakomben nur noch den Kopf schüttelte: Der EU seien "600 000 zypriotische Griechen offenbar wichtiger als 70 Millionen Türken", soll sich Erdogan empört haben; das könne er seinem Volk nicht erklären.

Dem Auf und Ab der Erklärungen vermochten dann auch solche Beobachter nicht mehr zu folgen, die mit türkischen Empfindlichkeiten vertraut sind. "Das muss euch klar sein", spottete ein türkischer Journalist: "Ein taktisch versiertes Volk kommt auf euch zu".

Millimeterarbeit

Mitten im Konferenzbetrieb erhob sich plötzlich drohend und mächtig jenes "große Ganze vor unseren Türen", als das Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac die Türkei beschrieben hat.

Erst am frühen Nachmittag überwogen wieder die positiven Signale. "In Millimeterarbeit", so ein Diplomat, schob man sich an eine Lösung heran, die der Türkei helfen sollte, das Gesicht zu wahren. Statt der schriftlichen Paraphierung soll fürs Erste eine mündliche Erklärung reichen.

Einen hingegen schien all die Kabale nicht anzufechten. Selbst am Freitagmittag, als der deutsche Kanzler von den Niederländern um vermittelnde Nothilfe zwischen Türken und Griechen ersucht wurde, sei "Schröder die Ruhe selbst" geblieben, erzählt ein Augenzeuge.

Diese Rolle spielte der Deutsche mit Genuss von Anfang bis Ende des Gipfels.

Seinen ersten Einsatz als Makler verrichtete Schröder bereits am frühen Donnerstagabend. Freundlich, aber deutlich soll er dabei Ankaras Premier Erdogan gedroht haben, was ein Diplomat drastisch so formulierte: "Wenn die Türken jetzt Nein sagen, dann gibt es zehn Jahre lang kein Gespräch mehr über Beitrittsverhandlungen."

Aus der wochenlangen Vorbereitung des Gipfels wusste man ja, wie viel Seelenpflege der nationalstolze EU-Kandidat braucht: "Da ist fast jedes Gespräch auch eine therapeutische Übung."

Dann eilte Schröder hinauf in den achten Stock des Ministerrats, wo sich die Staats- und Regierungschefs der EU zum Dinner verabredet hatten. Die 25 mussten ja erst unter sich ausmachen, wie, wann und mit welchen Bedingungen man der Türkei die ersehnte Einladung nach Europa aufsetzen sollte.

Bis kurz vor 22 Uhr lief alles glatt, selbst die Zypernfrage schien kein wirkliches Problem. Und auch das Datum für den Beginn der Verhandlungen - ausgerechnet der deutsche Nationalfeiertag - war schon ausgemacht.

Doch dann hakte es. Namens aller Christdemokraten Europas verlangte Wiens Kanzler Wolfgang Schüssel Satisfaktion. Am liebsten hätte der österreichische Konservative genau ausformuliert, was die EU mit der Türkei anstellt, falls die Verhandlungen irgendwann scheitern sollten.

Jeder, auch Schröder, wusste: Da schimmerte die "privilegierte Partnerschaft" durch, wie sie CDU und CSU gefordert hatten. Also wurde die Sitzung unterbrochen. "Da hat jeder mit jedem geredet - und alle redeten mit Schüssel", erzählt ein Zuschauer.

Am Ende trug der Wiener einen minimalen Erfolg davon: Nach 2014, bei der tatsächlichen Entscheidung über den Türkei-Beitritt, sei "allen Kriterien" Rechnung zu tragen - für EU-Insider ein Hinweis darauf, dass die Integrationskräfte der EU nicht überfordert werden dürften.

Der Kanzler spielte das jovial als "einen abstrakten Satz" herunter: "Aber ich bin sicher, dass Herr Schüssel erklären wird, das sei ein großer Sieg." Der Österreicher tat dem deutschen Kollegen den Gefallen: "Ich habe alles erreicht, was ich wollte", verkündete Schüssel prompt.

Der ÖVP-Kanzler schien in Gedanken schon weit weg zu sein; ihn plagen innenpolitische Probleme. Der mögliche Beitritt der Türkei ängstigt den Skeptiker Schüssel nicht mehr.

Er vertraut auf Verhandlungen, wie es sie bei einer Erweiterung so noch nie gab: voller "Stopptasten", Absicherungen und Haltesignale. Weitere Konflikte in der historischen Annäherung zwischen Europa und der Türkei sind damit allerdings schon programmiert.

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(SZ vom 18.12.2004)