OECD-Studie Wie Europa das Potenzial seiner Einwanderer verschenkt

Alles zurücklassen und da hingehen, wo Arbeit und Chancen sind: Ein Spanier unmittelbar vor seinem Aufbruch nach Deutschland.

(Foto: Marcelo del Pozo/Reuters)
  • Laut einer OECD-Studie haben Migranten in Europa schlechtere Chancen bei allem, was ihre Integration betrifft.
  • Vor allem bei der Suche nach Arbeit und im Bereich Bildung werden Migranten benachteiligt.
  • Es bleiben Potenziale für die Gastländer ungenutzt, denn Migranten arbeiten überdurchschnittlich oft in Jobs unter ihrer Qualifikation.
Von Andrea Bachstein

In Europa sollten sie es so machen wie in den USA - die nehmen die Guten als Einwanderer. Hier wollen sie das Gute in uns nicht sehen." Der Ghanaer im sizilianischen Catania, der so resigniert spricht, ist erst 20 Jahre alt.

Als einer von Hunderttausenden Bootsflüchtlingen kam Yahya vor vier Jahren nach Europa. Ehrgeizig, intelligent und lernbegierig ist er, Elektroingenieur will er werden. Doch zu dem, was er lernen musste, gehört auch, dass es für ihn schwierig, wenn nicht unmöglich wird, seinen Traum zu verwirklichen. Denn er ist kein Asylsuchender, sondern ein Migrant, ein "Wirtschaftsflüchtling", wie solche Menschen mit abwertendem Unterton genannt werden. Mit Einwanderern wie Yahya hat sich eine Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) befasst, die an diesem Donnerstag erschienen ist.

Es ist die erste und mit 345 Seiten umfangreichste internationale Untersuchung zum Thema Migration. Darin geht es also nicht im Besonderen um Flüchtlinge, die ihre Länder wegen Krieg und Verfolgung verlassen, sondern um Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen fortgehen, etwa, um Arbeit zu suchen.

Fakten gegen Bedenken und Vorurteile

Zu den Motiven für diese Studie gehören die Bedenken und Vorurteile in der öffentlichen Meinung angesichts der steigenden Migrationszahlen. Die OECD, zu der auch alle EU-Länder gehören, stellt dem Fakten über Immigranten und deren Kinder entgegen und untersucht deren Erfolgsaussichten. Sie hat dabei besonders junge Leute im Blick.

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Laut der Studie ist Integration, also Chancengleichheit, der entscheidende Faktor. Diese hängt wiederum von vielen anderen Bedingungen ab - zum Beispiel von Arbeitsmöglichkeiten, Verdienstaussichten und vor allem Bildung. Was letztere anbelangt, so "vererben" sich noch immer die schlechteren Aussichten von Migranten bis in die zweite Generation.

"In den meisten Ländern ist noch ein ziemlicher Weg zu gehen, damit dieses Ziel erreicht wird", kommentieren OECD-Generalsekretär Angel Gurría und EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos die Studie zur Integration. Längst also sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, aus Migration das Beste für Einwanderer und deren Gastländer zu machen.

Beschämend für Europa

Ein Resultat ist für Europa beschämend: In europäischen Ländern fühlen sich Migranten der zweiten Generation, die als Kinder gekommen sind oder im Gastland geboren wurden, stärker diskriminiert als in nichteuropäischen OECD-Ländern. Auch bei anderen Daten steht die EU im Vergleich mit nichteuropäischen Industrieländern wenig glorreich da.

Im Widerspruch zur Wahrnehmung vieler dürfte stehen: Die Hälfte der Migranten in der EU kommt aus Europa oder aus dessen direkter Nachbarschaft. Aus Polen, Rumänien, Russland oder der Türkei. Und in sechs von zehn Ländern Europas sind zwei Drittel der Eingewanderten selbst Europäer. 18 Prozent der im Ausland geborenen Bewohner europäischer Staaten stammen aus Afrika. Dieser Anteil wird wachsen, das zeigen unabhängig von der OECD-Untersuchung, die bis 2013 reicht, die aktuellen Flüchtlingszahlen. Migranten sind keine Durchreisenden, auch das wird klar, sie bleiben immer länger oder für immer in ihren Gastländern.

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In Deutschland gehört zu jedem fünften Haushalt mindestens ein Mensch mit Migrationshintergrund. 115 Millionen Immigranten leben in den OECD-Staaten, 52 Millionen davon in der EU. Diese verzeichnet seit dem Jahr 2000 eine Zunahme von Migranten um 30 Prozent, in Spanien und Italien sind es doppelt so viele. Luxemburg ist das Land mit den meisten Einwanderern in Europa: 43 Prozent der Einwohner sind nicht dort zur Welt gekommen.

Auch qualifizierte Migranten verlieren ihre Stelle schneller als Einheimische

Für Luxemburg mag das nicht gelten, aber generell lässt sich sagen: Migranten haben in Europa schlechtere Chancen bei allem, was ihre Integration betrifft, zu der Arbeit ein Schlüssel ist. Es bleiben Potenziale für die Gastländer ungenutzt, denn Migranten arbeiten überdurchschnittlich oft in Jobs unter ihrer Qualifikation. Auch wenn eine bessere Ausbildung ihre Aussichten am Arbeitsmarkt erhöht, so verlieren doch auch qualifizierte Migranten schneller als die Einheimischen ihre Stelle.

Was überraschen mag: In den Jahren 2012/13 hatten 75 Prozent der männlichen Einwanderer in den OECD-Staaten einen Job. Auch da schneidet die EU wieder schlechter ab; in ihren Mitgliedsländern hatten nur 70 Prozent der Migranten Arbeit. Die Arbeitslosenquote von Migranten beträgt EU-weit 16 Prozent. Bei den Einwohnern, die in ihren Ländern geboren wurden, liegt sie dagegen bei 10 Prozent. Dabei bemühen sich Migranten häufiger und länger darum, einen Job zu bekommen.