Eine Außenansicht von Timothy Garton Ash

Ach Europa! Der Gaza-Krieg und die Gas-Krise beweisen einmal mehr: Die Außenpolitik der EU muss niemand ernst nehmen. Solange wir Europäer nicht unsere Kräfte vereinen, bestätigen wir nur die Geringschätzung gegenüber uns.

Schwach, uneinig, scheinheilig und wütend machend - das bekommt man bei privaten Treffen in Peking und Washington über die EU zu hören. Die Ereignisse der ersten Woche im neuen Jahr legen nahe, dass unsere Kritiker absolut richtig liegen.

Bild vergrößern

Aufgeblasen und schwach: König und Kaiser Nicolas Sarkozy. (© Foto: dpa)

Anzeige

Schauen Sie sich das Durcheinander an, in dem wir stecken. Europa sieht sich mit zwei akuten Krisen konfrontiert, die unsere Interessen und Werte bedrohen. Der Krieg in Gaza ist eine Negation jedes Prinzips, für das Europa zu stehen beansprucht. Er wirkt sich direkt auf unsere zentralen Interessen aus, nicht zuletzt weil das palästinensische Leiden die Wut der Muslime, die in Europa leben, weiter anheizen wird.

Der russisch-ukrainische Gaskonflikt hat bereits zur Folge, dass ältere Bürger in einigen osteuropäischen EU-Ländern in ihren ungeheizten Wohnungen frieren müssen. Wenn es nicht in unserem vitalen Interesse liegt, unsere Menschen vor dem Erfrieren zu schützen, dann weiß ich nicht, was für uns von Interesse ist. Auch dieser Konflikt führt das europäische Ideal ad absurdum, Konflikte durch friedliche Verhandlungen auf der Basis des Rechts zu lösen.

Nun, wie reagiert Europa? Lächerlicherweise wurde die EU im Nahen Osten nicht durch eine Delegation, sondern durch deren zwei vertreten. Die offizielle wurde vom tschechischen Außenminister angeführt, die andere bestand aus dem König und Kaiser Nicolas Sarkozy, der während der vergangenen sechs Monate so gerne EU-Ratspräsident war, dass er nun glaubt, Europa und die Welt könnten nicht ohne ihn auskommen.

Frei nach Ludwig XIV: "L'Europe, c'est moi".

In einem Moment, in dem die Vereinigten Staaten ausfallen, weil ein scheidender Präsident nichts tut, um das Schlachten zu beenden und ein neuer Präsident spürt, dass er noch nichts tun kann, hat Europa die Möglichkeit zu zeigen, welche Rolle es spielen kann.

Und so sieht die aus: schwach, uneinig und noch immer so aufgeblasen wie in den frühen neunziger Jahren, als der Außenminister von Luxemburg zustimmte, Jugoslawien aufzulösen und verkündete, "die Stunde Europas ist gekommen". Wie die Bourbonen scheint die EU nichts vergessen und nichts gelernt zu haben.

Die Forderung der offiziellen EU-Delegation nach einem sofortigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas wurde schlicht abgewiesen. Sarkozy muss man zugutehalten, dass er eindringlich mit Ägypten, dem südlichen Nachbarstaat von Gaza, zusammengearbeitet hat, um einen konkreten Plan vorzulegen. Aber selbst wenn Israel einer Version dieses Plans zustimmen sollte, dann nur aufgrund von eigenen, innenpolitischen Motiven, und weil wirksamer Duck aus Washington ausgeübt worden ist.

Ach Europa!, seufzte der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger vor zwanzig Jahren, in liebevoller Verzweiflung. Ach Europa!, weine ich 2009, mehr aus Wut als aus Kummer. Obwohl das Leid, das durch den russisch-ukrainischen Gasstreit ausgelöst worden ist, weniger akut ist als dass in Gaza, ist Europas Versagen hier noch größer.

Lesen Sie auf Seite zwei, was Europa ändern muss

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Lächerlich, schwach und aufgeblasen
  2. Lächerlich, schwach und aufgeblasen
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Sonne, Mond und Krieg

Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...