Eta-Terror Als die Mörder einsam wurden

Demonstrantinnen halten bei einer Anti-Eta-Demo ihre behandschuhten Hände nach oben, auf die sie die Buchstaben für "Paz", für Frieden, geschrieben haben.

(Foto: Marcelo del Pozo/REUTERS)
  • Die baskische Untergrundorganisation Eta löst sich nach Jahren des bewaffneten Kampfes gegen die Zentralregierung auf.
  • Dies liegt auch daran, dass viele der ursprünglichen Ziele inzwischen auf zivilem Wege erreicht wurden.
  • Vor allem ein Anschlag im Jahr 1997 kostete die Organisation viel Unterstützung in der Bevölkerung.
Von Thomas Urban, Madrid

In der Zentrale der Baskischen Nationalistischen Partei (PNV), mitten im Geschäftsviertel von Bilbao, hat man keine Zweifel: "Der Untergang der Eta ist vor allem Folge unserer Wirtschaftspolitik." In der benachbarten Vinzenzkirche, in der die Messe auf Spanisch wie auf Baskisch gelesen wird, sieht die Nonne himmlische Mächte am Werk: "Unsere Gebete um Frieden haben geholfen." In einer Debatte im Regionalsender EiTB werden indes andere Akzente gesetzt: "Es ist ein großer Erfolg der Zivilgesellschaft, der Basken und der Spanier in unserer Region, die gegen Terror und Gewalt auf die Straße gegangen sind." Die konservative Zentralregierung in Madrid hingegen lobt sich für ihren anhaltend hohen Druck. "Eta wurde von der Aktion des Rechtsstaates und der Stärke der spanischen Demokratie bezwungen", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy am Donnerstag.

Tatsächlich dürften mehrere Faktoren bewirkt haben, dass die Eta am Mittwoch ihre Auflösung erklärt hat. Die Terrororganisation mit dem Namen "Baskenland und Freiheit" (Euskadi Ta Askatasuna) ist ausgedörrt, weil sie die Unterstützung in der Bevölkerung weitgehend verloren hat, weil der Wirtschaftsboom der Region allen Parolen von einer besseren Zukunft in einem sozialistischen Baskenland den Boden entzog, weil Polizei und Geheimdienst immer effektiver gegen die Eta vorgingen. Eine wichtige Rolle im Hintergrund spielte die Internationale "Kontaktgruppe". Unterstützt von politischen Größen wie den Friedensnobelpreisträgern Desmond Tutu und Kofi Annan verhandelten Terrorismusexperten über Ausstiegsprogramme für Eta-Mitglieder. Für die Kontaktgruppe soll der ehemalige Interpol-Chef Raymond Kendall an diesem Freitag im französischen Baskenland Einzelheiten über das Ende der Eta mitteilen. Madrid hat die Vermittler offiziell ignoriert, aber die katholischen Bischöfe der Region waren eingebunden. Auch die Kirche trug ihren Teil zur Entwicklung bei, nachdem zunächst einige einheimische Priester mit der Eta sympathisiert hatten, weil sie in ihr eine Verteidigerin der baskischen Traditionen sahen.

Die hohe Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren war ein idealer Nährboden für die Eta

Die baskische Kultur ist heute nicht mehr bedroht: Das ganze Land und seine Institutionen sind durchgehend zweisprachig. Viele in die Region gekommene Spanier schicken ihre Kinder in Schulen mit dem Schwerpunkt Baskisch, um ihre Karrierechancen zu erhöhen. Noch vor einer Generation war diese Entwicklung nicht abzusehen. Das Baskenland war hart von der Krise der Montanindustrie getroffen worden, mehr als ein Jahrhundert hatten Stahl, Kohle und Chemie die Region geprägt, nun gingen 100 000 Arbeitsplätze verloren. Die Krise fiel zeitlich zusammen mit der Wiedereinführung der Demokratie nach dem Tod Francos 1975. Die hohe Arbeitslosigkeit war ein Nährboden für die Eta. Die Marktwirtschaft schien diskreditiert zu sein, die Eta versprach eine leuchtende Zukunft in einer sozialistischen Republik.

Populär geworden war sie durch ihren Kampf gegen das Franco-Regime. Weltweites Aufsehen erregte 1973 das Attentat auf den Ministerpräsidenten Luís Carrero Blanco, der als Nachfolger Francos vorgesehen war. Damals baute die Eta Kontakte zu anderen Terrororganisationen auf, es gab Verbindungen zur IRA in Irland, zur RAF in Deutschland, zu Palästinensergruppen.

Der Höhepunkt des Eta-Terrors fiel in die Übergangsphase nach dem Tod Francos, jährlich waren Dutzende Opfer zu beklagen. Der Eta werden etwa 850 Tote zugeschrieben, fast die Hälfte Angehörige der Sicherheitsorgane. Hinzu kamen Dutzende Politiker und Intellektuelle, denen vorgeworfen wurde, die Sache Spaniens zu betreiben, die übrigen waren gänzlich unbeteiligte Personen. Madrid schien zunächst machtlos zu sein. Die damals regierenden Sozialisten unter Felipe González setzten auf eine Doppelstrategie, die allerdings nicht aufging: Einerseits gab es Geheimverhandlungen, andererseits liquidierte eine illegale Todesschwadron des Geheimdienstes führende Eta-Mitglieder, wobei es auch zu Irrtümern kam.

Der Anschlag auf einen konservativen Stadtrat markiert die Wende in dem Konflikt

Den Anfang vom Niedergang der Eta markierte ein Ereignis: die Ermordung des konservativen Stadtrats Miguel Ángel Blanco, der nicht mit dem gleichnamigen Ministerpräsidenten Francos verwandt war, im Jahr 1997. Blanco war ein junger, engagierter Lokalpolitiker, der nicht auf Konfrontation, sondern auf Dialog setzte. Doch an Brückenbauern waren die Eta-Terroristen nicht interessiert. Mit der Ermordung Blancos war eine Grenze überschritten: Im Baskenland gingen Zehntausende gegen das "Klima der Angst" auf die Straße. Immer mehr Menschen, Linksalternative wie konservative Katholiken, bekundeten ihren Abscheu vor Mord und Erpressung. Zwar bombte die Eta noch Jahre weiter, doch ideologisch hatte sie den Protesten nichts entgegenzusetzen, zumal sich damals eine Erholung der Wirtschaft abzeichnete.

Die Regionalregierung in Vitoria-Gasteiz hatte ein Konzept für den Strukturwandel beschlossen: Technologiefirmen bekamen Starthilfe und Steuernachlässe, ausländische Investoren entdeckten das Baskenland, die Universität Bilbao baute die Studiengänge für Zukunftstechnologien aus. So wurde das Baskenland zu einer Boomregion, das Pro-Kopf-Einkommen liegt ein Drittel über dem spanischen Durchschnitt. Voraussetzung dafür war die Wiedererlangung historischer Steuerprivilegien nach dem Tod Francos: Vitoria muss nur einen Bruchteil der Einnahmen der Region nach Madrid abführen, das Gros bleibt im Baskenland.

Gleichzeitig versetzten die Geheimdienste Spaniens und Frankreichs der Eta empfindliche Schläge. Die meisten Anführer wurden verhaftet, 2011 erklärte die Eta das "Ende des bewaffneten Kampfes". Die Zahl der verbliebenen Kämpfer im Untergrund wurde zuletzt auf 60 geschätzt, 230 Anhänger befinden sich in Haft.

Die katholischen Bischöfe der Region baten nun um Vergebung dafür, dass manche Kirchenleute in ihrer Sorge um die baskische Kultur die Augen vor dem Terror verschlossen hatten. Zu solchen Worten konnten sich die verbliebenen Eta-Kämpfer nicht durchringen. In der Erklärung, in der sie kürzlich die Auflösung der Organisation ankündigten, war lediglich von Bedauern über die Toten die Rede: "Das tut uns ehrlich leid."

Warnung aus dem Baskenland

Die Eta verkündet ihre Auflösung, doch ein anderes Problem bleibt: So wie einst die Basken drohen sich heute junge Katalanen zu radikalisieren, weil sie sich von Madrid unterdrückt fühlen. Kommentar von Thomas Urban mehr...